Der Fluch der Kompetenzen

Interview23. Juni 2015, 09:00
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Wer kompetent ist, verfügt über entsprechende Kenntnisse und Fähigkeiten, so das Alltagsverständnis. Der Pädagoge Jochen Krautz kommt aber zu einem anderen Schluss

STANDARD: Weshalb ist die Zuschreibung "kompetent" für Sie mit Vorsicht zu genießen?

Krautz: Weil sie nicht hält, was sie verspricht. Jeder will heute einen "kompetenten" Menschen als Ansprechpartner. Ob Arzt, Bankberater, Kfz-Mechaniker oder Verkäufer, alle sollen sie kompetent sein. Was soll also schlecht daran sein, wenn bereits die Schüler auf Kompetenz hin unterrichtet werden, fragt sich der Laie. Nun, schlecht daran ist, dass das in den Schulen und Universitäten eingeführte Kompetenzkonzept massiv das Bildungsverständnis verändert. Bildung zielte auf Selbstständigkeit im Denken auf der Grundlage von Wissen und Können. Die Vermittlung von Kompetenzen hingegen zielt auf vordergründiges Funktionieren, auf Bereitschaft zur Anpassung an den globalen Wandel. Das halte ich für hochproblematisch, zumal von den Betrieben zunehmend beklagt wird, dass dieses selbstständige Denken faktisch ab- anstatt zunimmt, wie es die Verfechter des Kompetenzkonzeptes versprechen.

STANDARD: Was macht den Kompetenzbegriff in der grassierenden Verwendung so suspekt?

Krautz: Beim Kompetenzbegriff in seiner aktuellen Fassung geht es um kognitive Fähigkeiten zur anwendungsbezogenen Problemlösung. Damit fällt ein großer Teil dessen, worum es in der Schule gehen sollte, schon einmal unter den Tisch. Ziel dieser Verkürzung war es, Bildung messbar zu machen. Kompetenzen lassen sich nun zwar messen, das aber nur unter Vernachlässigung aller anderen Dimensionen von Bildung. Da Kompetenzen als funktionale Fähigkeiten prinzipiell inhaltsneutral sind, wird zunehmend gleichgültig, woran ich sie erwerbe. Lesekompetenz kann ich an einem anspruchsvollen Gedicht, aber auch an Whatsapp-Nachrichten üben.

So lange ist es noch gar nicht her, da galt die Auffassung, dass Goethe oder Schiller noch etwas mehr zu bieten haben als SMS-Texte, etwa Fragen nach Glück und Verantwortung, nach Lebenssinn und Empfinden für eine ästhetische Sprachform. Und genau das ist kein überflüssiges Brimborium, sondern hilft dabei, einen eigenen, verantwortlichen Ort in der Welt zu finden. Quid ad me? Was geht mich das an? – Das war mal eine didaktische Leitfrage: Wie können junge Menschen von etwas angesprochen werden? Wie können sie zu einem Verstehen, Wissen und Können kommen, das ihnen dabei hilft, selbstbestimmt und verantwortlich durchs Leben zu gehen? Von alldem weiß Kompetenz nichts.

STANDARD: Mit anderen Worten: Kompetenzorientierung senkt das Bildungsniveau?

Krautz: Das ist das Problem! Hinzu kommt: Kompetenzen sind auch ethisch neutral: Mit Rechenkompetenz kann ich Finanzmanipulationen berechnen, mit Sozialkompetenz auch eine Mafiagang führen. Bildung und Erziehung fallen im kompetenzorientierten Unterricht zunehmend auseinander. Lehrpläne werden zur aberwitzigen Ansammlung von Teilkompetenzen, nach denen man nicht mehr unterrichten kann. Auch diese Klage erfahrener, nicht ideologievernebelter Pädagogen ist zutreffend.

Zu Recht weisen sie darauf hin, dass mit der Kompetenzorientierung die sachliche Logik der Fächer und damit auch die Struktur des Denkens verlorengeht. Laut OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, die für den Pisa-Test und dieses Kompetenzkonzept verantwortlich ist, geht es ganz ausdrücklich nicht um geisti- ge Selbstständigkeit, sondern um "Anpassungsfähigkeit".

STANDARD: Wer auf Kompetenzen hin getrimmt ist, hat einen blinden Fleck beim kritischen Urteilsvermögen?

Krautz: Das vollzieht sich subtil, aber deutlich. Die Kritik daran ist nicht gegen die jungen Menschen gerichtet, die so verbildet wurden. Aber junge Menschen lernen zunehmend zu funktionieren und das Gegebene nicht zu hinterfragen. Damit sinkt zugleich das Interesse an den Dingen. Man studiert dann, um fertig zu werden. Die Sache aber, das eigene Fach, das interessiert einen eigentlich nicht mehr. Fragen nach Wahrheit und Geltung, die Unterscheidung von Meinung und Argument, die Reflexion von Methoden werden kaum mehr angenommen, weil sie in dieser funktionalistischen Welt überflüssig erscheinen.

STANDARD: Aber legt sich die Wirtschaft in einer Zeit, in der ein umfassendes Denken in Interdependenzen und Wirkungszusammenhängen betriebliche Überlebensvoraussetzung ist, mit dem schmalspurigen Kompetenzkonzept nicht ein Kuckucksei ins Nest?

Krautz: Und was für eines! Das ist ja die bittere Ironie der Geschichte: Ein angeblich im Namen der Wirtschaft auf Kurs gebrachtes Bildungssystem wird zunehmend dysfunktional gerade für die Bedürfnisse der Wirtschaft selbst. Man schießt sich in der Tat ins eigene Knie, schreit dann laut auf und bemerkt nicht, dass man den Revolver selbst in der Hand hält. Zu lange hat die Wirtschaft den Bildungsökonomen in den Bildungsabteilungen der eigenen Interessenverbände vertraut, die diesen Unsinn seit 15 Jahren in einer Flut von Gutachten und Expertisen propagieren.

Es wird Zeit, dass sich gerade die Wirtschaft überlegt, was sie ernsthaft will: geistige Eunuchen oder demokratiefähige Bürger, die etwas wissen und können. In weiterer Perspektive wird man zudem fragen müssen, was dieser Kulturkampf, den die OECD weltweit führt, eigentlich soll. Wem dient die geistige Verarmung und kulturelle Entwurzelung ganzer Länder? Wem dient es, Volkswirtschaften zu ruinieren? Den Menschen, ihrer Kultur, der Demokratie und eben auch einer menschwürdigen Wirtschaft sicher nicht.

Ich fürchte auch, dass es dabei um mehr geht als um die Privatisierung einiger profitabler Bereiche im Bildungswesen. Das sind – zumindest im deutschsprachigen Raum – Nebeneffekte für daran interessierte Konzerne. Letztlich scheint es um die Steuerbarkeit und Steuerung von Menschen zu gehen, indem man ihnen das Denken abgewöhnt. (Hartmut Volk, 20.6.2015)

Jochen Krautz ist Professor für Kunstpädagogik an der Bergischen Universität Wuppertal. 2007 erschien sein Werk Ware Bildung – Schule und Universität unter dem Diktat der Ökonomie.

  • Superhelden, die jedes Problem lösen können, gibt es nur im Film, auch das kompetenzorientierte Bildungssystem wird das nicht ändern.
    foto: reuters/cameron

    Superhelden, die jedes Problem lösen können, gibt es nur im Film, auch das kompetenzorientierte Bildungssystem wird das nicht ändern.

  • Es wird Zeit, dass sich gerade die Wirtschaft überlegt, was sie will: geistige Eunuchen oder demokratiefähige Bürger.
    foto: privat

    Es wird Zeit, dass sich gerade die Wirtschaft überlegt, was sie will: geistige Eunuchen oder demokratiefähige Bürger.

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