Diversity: Für einen gesellschaftlichen Perspektivenwechsel

Interview24. Juni 2015, 09:00
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Diversity ist Thema in vielen Studienrichtungen. "Disability and Diversity Studies" an der FH Kärnten widmet sich ausschließlich diesem Bereich. Anne Rosken erklärt, warum

STANDARD: Sie leiten seit letztem Jahr den Bachelor-Studiengang "Diversity and Disability Studies" an der FH Kärnten. Wie ist es um das Bewusstsein hinsichtlich dieses Themas in der Gesellschaft bestellt?

Rosken: Im deutschsprachigen Raum hat das Thema Diversity in den letzten Jahren an Fahrt aufgenommen. Als Beispiel nenne ich die Charta der Vielfalt der Wirtschaftskammer, die sicher zu einer Schärfung des Bewusstseins geführt hat. Dazu kommt, dass Organisationen immer mehr erkennen, dass mit althergebrachten Methoden und Einstellungen aktuelle Herausforderungen wie beispielsweise der demografische Wandel nicht zu lösen sind. Die Öffnung der Arbeitsmärkte hat ebenfalls damit zu tun, denn jetzt arbeiten, lernen und leben Menschen aus unterschiedlichen Regionen und Kulturen zusammen.

STANDARD: Das ist jetzt aber der Bereich Diversity. Wie passt da die Kategorie Disability dazu?

Rosken: Bei Beeinträchtigungen haben wir sehr schnell das Bild des Rollstuhlfahrers vor Augen. Wir vom Studiengang "Disability and Diversity" verstehen darunter aber nicht nur körperliche oder geistige Beeinträchtigungen, bei uns gehört auch das Altern dazu, weil das auch mit bestimmten Einschränkungen wie beispielsweise chronischen Erkrankungen einhergehen kann. Der medizinische Fortschritt trägt natürlich auch dazu bei, dass bestimmte Krankheiten vermehrt diagnostiziert werden. Hier geht es um eine geänderte Sichtweise in der Gesellschaft, dabei geht es beispielsweise in der Personalentwicklung um eine nachhaltige Arbeitsbeziehung.

STANDARD: Seit dem Wintersemester 2013/14 gibt es an der FH diesen Bachelor-Studiengang. Wie stark ist das Interesse, und woher kommen die Teilnehmer?

Rosken: Insgesamt stehen 25 Plätze zur Verfügung. Im ersten Jahr starteten wir mit 20 Teilnehmern. Im laufenden Studienjahr hatten wir bereits mehr Anmeldungen als Studienplätze, und für das kommende Studienjahr läuft die Bewerbungsphase noch, aber schon jetzt gibt es viele Interessenten. Die Teilnehmer kommen aus ganz Österreich und bringen ganz unterschiedliche Hintergründe mit – vom Tourismus über Soziale Arbeit bis hin zu Wirtschaft ist alles dabei, in ganz unterschiedlichen Altersgruppen. Das macht das Ganze auch sehr spannend. Und, wenig überraschend: Es nehmen überwiegend Frauen daran teil.

STANDARD: Der Inhalt des Bachelor-Studiums ist sehr spezifisch, durch die berufsbegleitende Variante wendet sich die FH gezielt an Berufstätige. Wären das nicht Voraussetzungen für ein Masterstudium?

Rosken: Ja, das ist durchaus denkbar, und es wäre eine logische Fortsetzung des bisherigen Bachelor-Studiengangs. Als Studiengang an sich ist "Diversity and Disability Studies" in Österreich einzigartig. In vielen anderen Studienrichtungen wie Soziale Arbeit oder auch Betriebswirtschaft werden beide Bereiche thematisiert, aber eben nur als Ergänzung.

STANDARD: Was zeichnet das Studium aus?

Rosken: Das Besondere an diesem interdisziplinären Studiengang ist die Triangulation von Diversity und Disability zu einem umfassenden Themenkomplex. Disability ist zwar ein Teil von Diversity, beim Studium wird aber ein ganz spezieller Blick darauf geworfen. In drei Lebensphasen unterteilt – Kindes- und Jugendalter, Erwachsenenalter und Alter –, vermittelt das Studium dafür wissenschaftliche und professionelle Grundlagen der Diversity und Disability. Unsere Teilnehmer können inklusionsgeleitete Konzepte gestalten, damit in den einzelnen Lebensphasen Ausgrenzung vermieden werden und Diversity-Management gelingen kann. Wir sind beispielsweise jene, die Personen in den Organisationen für dieses Thema ausbilden und Implementierungskonzepte erarbeiten können. Es gibt viele berufliche Möglichkeiten. Grundsätzlich ist das Thema Disability und Diversity ein strategisches Thema innerhalb der Unternehmens- oder Organisationsführung.

STANDARD: Welche Maßnahmen setzt die Fachhochschule Kärnten in diesem Zusammenhang?

Rosken: Es gibt viele Maßnahmen, die wir setzen. So wurden wir als familienfreundliche Fachhochschule ausgezeichnet, und wir haben auch die Charta der Vielfalt unterzeichnet. (Gudrun Ostermann, 24.6.2015)

Anne Rosken leitet seit 2014 den interdisziplinären Studiengang "Diversity and Disability Studies" an der Fachhochschule Kärnten.

  • Neben körperlichen und geistigen Behinderungen gehört auch das Altern zu Diversity, sagt Anne Rosken.
    foto: helge bauer

    Neben körperlichen und geistigen Behinderungen gehört auch das Altern zu Diversity, sagt Anne Rosken.

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