Doktorat an Fachhochschulen: "Hier muss sich in Zukunft mehr tun"

Interview20. Juni 2015, 09:00
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Die Fachhochschulen bekommen mehr Studienplätze und mehr Geld. Auf der Wunschliste von Helmut Holzinger, dem Präsidenten der Fachhochschulkonferenz, ist dennoch Platz frei: etwa für Doktorats- und Unistudiengänge

STANDARD: Herr Präsident, der Ausbau der Studienplätze und die Erhöhung der Fördersätze sind im aktuellen Entwicklungsplan festgeschrieben. Welche Studiengänge werden davon profitieren?

Holzinger: Zunächst möchte ich sagen, dass ich wirklich froh bin über den Entwicklungsplan. Die Planung ist für den FH-Sektor damit um einiges einfacher. Seit dem Sommer 2013 fehlt ein solches Dokument. Das Wissenschaftsministerium hat den Plan bewusst offen gestaltet – es werden keine bestimmten Studienfelder genannt, die ausgebaut werden sollen.

STANDARD: Im Plan ist vorgesehen, dass technische und naturwissenschaftliche Studiengänge weiter ausgebaut werden, obwohl sie jetzt bereits stark überwiegen.

Holzinger: Wir müssen weg von diesem Denken in Säulen wie nur wirtschaftswissenschaftlich oder nur ingenieurswissenschaftlich. Wir haben an den Fachhochschulen jetzt schon eine hohe Transdisziplinarität und grenzübergreifende Tendenzen zwischen den Studiengängen. Diese Hybridqualifikationen werden von der Wirtschaft auch gefordert.

STANDARD: Es fällt aber auf, dass es teilweise sehr spezifische Studiengänge gibt – was bei der Jobsuche einschränkt. Wäre der Wirtschaft mit Allroundern nicht besser gedient?

Holzinger: Die Wirtschaft will beides. Die Berufsfeldorientierung ist ja von jeher das Steckenpferd der FHs, das bedeutet die Konzentration auf wenige Kompetenzen. Wie bereits angedeutet, muss der Schwerpunkt aber auch auf Transdisziplinarität liegen. Die Volatilität am Arbeitsmarkt setzt das voraus.

STANDARD: Es werden also keine bestimmten Studienfelder fokussiert. Wo geht die Reise dann hin?

Holzinger: Der Fokus liegt einerseits auf Internationalisierung: Studiengänge sollen zunehmend auf Englisch angeboten werden. Ein Anliegen ist andererseits aber auch der Ausbau dualer Studiengänge, bei denen eng mit Arbeitgebern zusammengearbeitet wird. Hier lösen sich Arbeitsphasen und Vollzeitphasen ab.

STANDARD: Die duale Form als Angebot neben berufsbegleitend und Vollzeit?

Holzinger: Unter anderem. Wir haben hierfür den – für uns zentralen – Begriff berufsermöglichendes Studieren eingeführt. Die Trennung in Vollzeitstudium und berufsbegleitende Form soll somit aufgeweicht werden. Denn unsere Erfahrungen zeigen, dass viele Vollzeitstudierende während des Studiums in einen Beruf einsteigen und wechseln – und umgekehrt. In Zukunft wollen wir deswegen flexiblere Modelle bieten, auch durch den verstärkten Einsatz von Fernlehre.

STANDARD: Wie werden die 5300 zusätzlichen Plätze denn zwischen Bachelor und Master aufgeteilt sein?

Holzinger: Ich nehme an, das aktuelle Verhältnis bleibt in etwa bestehen. Die Standorte haben hier aber freie Hand, sie kennen den lokalen Bedarf am besten.

STANDARD: In letzter Zeit erkennt man einen Trend hin zu Initiativen und Förderung von Start-up-Gründungen Studierender. Warum erst jetzt, ist Entrepreneurship doch von jeher ein wesentliches Element für die Fachhochschulen?

Holzinger: Für solche Gründungen muss ja auch das politische Klima geschaffen werden. Da braucht es Akzeptanz, aber vor allem Geld. Die Bundesregierung setzt hier in letzter Zeit viele Zeichen, die wir von Anfang an unterstützten. Auch gesellschaftlich herrscht jetzt ein gründungsfreundliches Klima. All das werden wir in Zukunft nützen.

STANDARD: Mehr Geld, mehr Plätze. Man könnte Ihnen ja unterstellen, dass Sie wunschlos glücklich sind.

Holzinger: Wir sind zufrieden, besonders mit der Erhöhung der Fördersätze ab 2016 – aber die Welt dreht sich weiter. Langfristig habe ich zwei Anliegen: Bei den Doktoratsstudien an Fachhochschulen haben wir bereits Initiative ergriffen. Hier muss sich in Zukunft mehr tun. Zweitens sind wir noch immer weit entfernt von einem ausgeglichenen Verhältnis hinsichtlich der Studienplätze an Unis. Hier wünschen wir uns 60:40 wie von Experten als sinnvoll angegeben. Wir stehen aber erst bei 14 Prozent.

STANDARD: Eine Steigerung könnte man erreichen, indem man Uni-Studiengänge wie Jus auch an den FHs anbietet.

Holzinger: Genau. Der Diskussionsprozess ist angelaufen: Berufsorientierte Studiengänge der Unis sollen künftig vermehrt angeboten werden. 2016 soll das diskutiert werden. (DER STANDARD, 20.6.2015)

Helmut Holzinger ist seit 1998 Geschäftsführer der Fachhochschule des bfi Wien und seit 2010 Präsident der Fachhochschulkonferenz.

  • Helmut Holzinger will mit dualen Studiengängen die Trennung in Vollzeitstudium und berufsbegleitende Form aufweichen.
    foto: standard/cremer

    Helmut Holzinger will mit dualen Studiengängen die Trennung in Vollzeitstudium und berufsbegleitende Form aufweichen.

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