iCEO: Der virtuelle Manager steht in den Startlöchern

19. Juni 2015, 14:00
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Die Automatisierung ist im Berufsstand der Manager angelangt und arbeitet an deren Ersetzung

Forscher des Thinktanks "Institute for the Future of Work" haben kürzlich ein virtuelles Managementsystem entwickelt, das komplexe Arbeiten durch Aufspalten in kleinteilige Arbeitsschritte automatisiert. Der virtuelle Manager – "iCEO" genannt – delegiert Aufgaben über multiple Softwareplattformen und führt diese Stück für Stück zusammen.

Ein Knopfdruck und der Manager ist bereit

In einem ersten Test wurde der iCEO für die Organisation eines 124-Seiten-Berichts für einen prestigeträchtigen Kunden (Fortune-50-Unternehmen) programmiert. "Wir verbrachten ein paar Stunden, um die Parameter des Projekts einzustellen, etwa den Fluss der Aufgaben zu strukturieren, und drückten dann auf 'play'", schreibt Devin Fidler in einem Artikel für die Harvard Business Review. Ein Knopfdruck, und der virtuelle Manager stand bereit.

Um herauszufinden, wie der Werkstoff Graphen produziert wird, beauftragte der iCEO Arbeiter von Amazons Crowdworking-Plattform mit der Erstellung von Artikeln. Nachdem die Duplikate entfernt wurden, wurden die Texte an einen Pool technischer Redakteure diverser Crowdworking-Plattformen zum Redigieren weitergereicht. Ein gutes Dutzend Freiberufler aus 23 Ländern arbeitete dem virtuellen Manager zu. Am Ende stand dann der Bericht, ohne dass die Programmierer hätten intervenieren müssen. "Wir waren erstaunt von der Qualität des Endergebnisses und der Geschwindigkeit, mit der es produziert wurde", schreibt Fidler. Die Recherche für solch ein Papier würde typischerweise mehrere Wochen dauern, der iCEO schaffte es in nur drei Tagen.

Künftig ohne Fleisch und Blut?

Der virtuelle Manager arbeitet schneller und vor allem: billiger. Fidler schreibt: "Unser iCEO-Prototyp verweist auf eine nicht allzu ferne Zukunft, in denen Programmierschnittstellen nicht nur simple Prozesse managen werden, sondern auch helfen, eine endlose Breite an Projekten zu konzeptualisieren und betreuen – Funktionen, die traditionell vom Management ausgeübt werden." Kann eine Software Manager ersetzen?

J. P. Eggers, Professor für Management und Organisation an der Stern School of Business in New York, sagt im Gespräch mit dieser Zeitung: "Im gleichen Maße, wie Automatisierung den Bedarf von Managern reduziert hat, gibt es Manageraufgaben, die automatisiert werden können."

Es sei einfach, Dinge zu automatisieren, die eingespielt sind und gut funktionieren. Dinge, die schlecht laufen, oder neue Aufgaben seien aber schwieriger zu automatisieren – dafür müsse man mit dem Kontext und dem operativen Geschäft vertraut sein. "Wenn wir mehr Dinge automatisieren, wissen Manager weniger über das Geschäft, was die Automatisierung mit der Nutzung ihres Wissens schwieriger macht", so Strategieberater Eggers. Es ist ein schmaler Grat. Wenn zu viele Prozesse automatisiert werden, weiß der eine Computer nicht mehr, was der andere tut. Der Einsatz künstlicher Intelligenz in den oberen Chefetagen hat also Grenzen.

Und immer wieder Uber

Der Fahrdienstleister Uber hat das mittlere Management faktisch abgeschafft. Es gibt keinen Einstellungsprozess, keinen Arbeitsvertrag und faktisch keinen Vorgesetzten. Der Fahrer wird von einer Software zum nächsten Kunden geschickt, den Preis bestimmt ein Algorithmus. Die App sendet über eine Programmierschnittstelle eine Anfrage (inklusive Account-Daten, Pickup- und Drop-off-Punkte) an die Uber-Server, die verfügbare Fahrer in der Nähe "poolen" und dann einen Auftrag vergeben. Auf Grundlage eines Ratings werden die Fahrer dann entlassen – völlig geräuschlos, ohne dass Personalprozesse dazwischengeschaltet sind. Es gibt überhaupt keine Interaktion zwischen den Fahrern und dem Unternehmen. Die einzigen Personen, die involviert sind, sind der Fahrer und der Kunde. Wenn Uber seine Ankündigung wahrmacht, in Zukunft nur noch mit autonomen Fahrzeugen in Städten unterwegs zu sein, kommuniziert der Kunde nur noch mit Maschinen. Die Fahrten managt die Software.

Besorgniserregende Trennung

Peter Reinhardt, CEO des Start-ups "Segment", schreibt in einem Blogeintrag: "Die Softwareschicht zwischen dem Unternehmen und ihren Armeen von Leiharbeitern eliminiert eine große Menge des mittleren Managements und schafft eine besorgniserregende Trennung zwischen Jobs, die automatisiert werden, und Jobs mit wachsendem Einfluss und Wert." Doch auch in Zukunft wird es ohne Manager aus Fleisch und Blut wohl nicht gehen. Denn komplexe Entscheidungen bedürfen menschlicher Intelligenz.

Unantastbar ist die Managergilde aber trotzdem nicht. Die Automatisierung wird vor ihrem Berufsstand sicher nicht haltmachen. (Adrian Lobe, 19.6.2015)

  • Wie weit kann es gehen? Wie viele und  welche Jobs fallen der Automatisierung zum Opfer?  Was bewirkt die  Software zwischen "Ersetzbaren" und solchen mit noch mehr Macht?

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  • Ist das der Boss der Zukunft? SoftBank Corp CEO Masayoshi Son spricht mit dem Roboter des Unternehmens – Pepper – während einer Pressekonferenz in der Nähe von Tokio.
    foto: ap/shizuo kambayashi

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