Die Ankunft der lenkenden Angestellten

18. Juni 2015, 19:22
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Der Österreich-GP ist nach Aufwand und Zuseheraufkommen der größte sportliche Einzelevent in diesem Jahr. Dafür lässt er sich recht unspektakulär an

Spielberg – Gemach, gemach – alles andere als der Szene angemessen, also rasant, hebt der Donnerstag im Büro Formel 1 an. Das verhält sich zum Beispiel im Arabischen nicht anders als im Steirischen. Nur in Monaco ist es anders, weil dort am Freitag traditionell nicht trainiert wird, also schon am Donnerstag der Bär steppen muss. Aber was wäre in Monaco diesbezüglich nicht anders?

In Spielberg also das normale Donnerstagsprogramm. Die Motorhomes genannten Villen, zum Teil dreistöckig und mit Dachterrasse, sind nach dem Plan, den der Österreicher Christian Pollhammer entwirft, auf den Zentimeter genau eingeparkt, die Öffentlichkeitsarbeiter sind geschneuzt und gekampelt, die Mechaniker, seit Montag oder Dienstag vor Ort, blasen erstmals aus, sind die Boxen doch eingerichtet und die Boliden zusammengebaut.

Alles am Platz

Bliebe, Hausnummer, bei Red Bull Racing die eine oder andere Schraube über, wäre natürlich keine Ruhe, aber es kommt praktisch nie vor, dass nicht jeder der 12.000 Einzelteile, von der Schraube bis zur Schnauze, aus denen so ein Formel-1-Wagen besteht, auch dort ist, wo er hingehört. Ein Schnauzenfehler wäre sicher leichter korrigierbar.

Was also übrig bleibt, sind Ersatzteile, auch ein paar tausend, und die liegen ebenso nicht einfach nur so herum wie in manch anderer Garage. Dass die aufgeräumten Boxen derart sauber sind, dass man vom Boden essen könnte, wird gerne behauptet, ausprobiert hat es aber dem Vernehmen nach noch niemand.

Einzig und alleine die für Reifen zuständigen Mitarbeiter der Teams sorgen schon vor Mittag für Bewegung im Fahrerlager hinter den Boxen. Sie streben den Trucks von Pirelli zu, wo die Pneus ausgegeben werden, der Satz in etwa 5000 Euro wert. Eine rund 70-köpfige Truppe des Herstellers reist von Grand Prix zu Grand Prix, am beeindruckendsten sind die 18 Monteure, begreiflicherweise ziemliche Herren, die in Schichten binnen zwei Tagen weit mehr als 1000 Reifen auf Felgen ziehen – am Donnerstag Cinturato Green (Intermediate) und Cinturato Blue (Regenreifen), bis Freitagmittag dann die zwei von vier Slickvarianten, die für das jeweilige Rennen vorgegeben sind. In Spielberg sind das wie schon vor zwei Wochen in Montreal P Zero Red (Supersoft) und P Zero Yellow (Soft), Erstere pro Runde rund eine Sekunde schneller als Zweitere, Optimalnutzung selbstredend vorausgesetzt.

Am späteren Vormittag kann es dann im Fahrerlager durchaus zu Rudelbildungen kommen. Hinter Mikrofonträgern herlaufende Kameraleute, hektische Tontechniker im Schlepptau, weisen auf die Ankunft lenkender Angestellter des Zirkus hin.

Unwürdige Hast

Die im Schnitt eher schmächtigen Männer streben ihren Boxen zu, blicken weder links noch rechts, zwingen also zu etwas unwürdiger und dazu noch meist vergeblicher Hast. Denn sprechen müssen sie, ob Gefragtere oder weniger Gefragte, dann ohnehin ab Nachmittag bis in den frühen Abend hinein, bei Medienterminen sonder Zahl.

Dass Felipe Massas fünfjähriger Sohn, Felipe junior, vor dem Williams-Heim ballestert, peppt die Ausbeute an Foto- und Bildmaterial auf. Ansonsten wird in Fahrermienen gelesen, wird etwa Kimi Raikkönens versteinertes Gesicht als glasklarer Hinweis gedeutet, dass Ferrari dem Finnen, wenn überhaupt, nur noch einen schlechter dotierten Vertrag anzubieten gewillt ist. Aus Nico Rosbergs Anlitz lächelt der Vorjahressieger. In anderen Gesichtern liest man sonnige Kurzurlaube, jedenfalls aber eher Entspannung.

Über der Strecke selbst liegt reichlich Ruh'. Nur Bernd Mayländer im Safety Car dreht bergauf, bergab ein paar Runden. Und danach dürften noch Fans, die das volle Spielberg-Wochenende gebucht haben, durch die Boxengasse schlendern. Ferrari-Mechaniker erfreuen mit Gruppengymnastik. Kurz vor Büroschluss gewissermaßen. (Sigi Lützow, 18.6.2015)

  • Spielberg, Reifenausgabe: Grün wäre im Leichtregen gut gewesen, wäre gefahren worden.
    foto: apa/neubauer

    Spielberg, Reifenausgabe: Grün wäre im Leichtregen gut gewesen, wäre gefahren worden.

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