Syrische Kurden fügen IS schwere Niederlage zu

Analyse18. Juni 2015, 17:30
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Durch Tel Abyad lief Versorgungslinie für al-Raqqa - Ankara befürchtet Kurdenautonomie

Damaskus/Wien – Wenn eine angestrebte kurdische Autonomie in Syrien diskutiert wird, so kommt meist das Argument, dass das irakisch-kurdische Modell – eine eigene autonome Region – für den syrischen Fall nicht anwendbar wäre: Die syrischen Kurden hätten kein zusammenhängendes Territorium, ihre Gebiete bestünden aus mehreren Enklaven.

Das ist seit ein paar Tagen anders, seit der bewaffnete Arm der größten syrisch-kurdischen Partei PYD (Partei der Demokratischen Union) mit der Eroberung von Tel Abyad die kurdische territoriale Kontrolle auf einen zusammenhängenden Streifen zwischen Kobane und Hassakah an der Grenze zur Türkei ausgedehnt hat. Die YPG (Volksschutzeinheiten) haben gemeinsam hauptsächlich mit christlichen und arabischen Stammesmilizen und mit Luftunterstützung der US-geführten Allianz dem "Islamischen Staat" (IS) einen schweren Verlust beigebracht. Durch Tel Abyad, auf kurdisch Gire Spi, lief ein Jahr lang die Versorgungsroute des IS für dessen syrische "Hauptstadt" al-Raqqa im Süden.

Wenn diese ad hoc geschaffene Anti-IS-Koalition hält, ist ein Angriff auf den IS in al-Raqqa nicht ausgeschlossen. Es heißt, dass der IS die Einwohner der Stadt aufgefordert hat, sich für den Fall der Belagerung mit Lebensmitteln einzudecken, und dass die Miliz Kampfvorbereitungen treffe.

Schwesterpartei der PKK

Im Irak ist zuletzt die von schiitischen Milizen getragene Regierungsoffensive zur Rückeroberung Ramadis zum Erliegen gekommen, umso wichtiger ist dieser Erfolg gegen den IS in Syrien, gerade vor Beginn des Ramadans. Aber wie immer ist die Lage komplex. Die PYD ist die Schwesterpartei der türkisch-kurdischen Arbeiterpartei PKK, und für Ankara nichts weniger als eine Terrororganisation – die jetzt einen großen Teil der türkisch-syrischen Grenze kontrolliert.

Während Kurden nach Tel Abyad und Umgebung zurückkehren, setzte ein Flüchtlingsstrom von Arabern und Turkmenen aus den Gebieten ein, was die türkische Regierung dazu veranlasste, die Kurden der "ethnischen Säuberung" zu beschuldigen. Auch von der arabischen syrischen Opposition kamen solche Vorwürfe.

Die PYD dementiert Vorkommnisse dieser Art, aber für ihre Allianz mit anderen syrischen Kräften ist das eine Belastung – auch für die USA, der in Verschwörungstheorien immer wieder vorgeworfen wird, ihre Anti-IS-Operationen hätten die Gründung eines Kurdenstaats zum Ziel. Wobei zwischen den einzelnen kurdischen Gruppen die Unterschiede groß bleiben, auch wenn der Konflikt zwischen der linken PYD und der konservativen KDP (Kurdische Demokratische Partei) des irakischen Kurdenpräsidenten Massud Barzani anlässlich der Schlacht um Kobane im Vorjahr eingefroren wurde. Aber es kommt immer wieder zu innerkurdischen Fehden: etwa vor kurzem zwischen der PKK und der KDP-I, dem iranischen Ableger der KDP. Dabei gab es sogar Tote.

US-Strategie

Für die USA ist der Erfolg von Tel Abyad eine dringend benötigte Bestätigung, dass ihre Strategie, mit Luftangriffen lokalen Kräften am Boden gegen den IS beizustehen, funktioniert. Mit der Operation stellen sie sich jedoch klar gegen die Wünsche des Nato-Partners Türkei, der sich einmal mehr nachsagen lassen muss, dass ihm der IS an der Grenze weniger Sorgen mache als die Kurden.

Zwiespältig ist auch die Haltung des Regimes in Damaskus: Der PYD wird von der arabischen Opposition ja oft vorgeworfen, dass sie in Symbiose mit Damaskus agiert. Aber ein durchgehendes Kurdengebiet – das die Kurden freiwillig nicht wieder aufgeben werden – ist nicht in Regime-Interesse. Auch hier gibt es demnach Konfliktpotenzial, allerdings ist das Regime an mehreren Fronten engagiert und unter Druck. (Gudrun Harrer, 18.6.2015)

  • Kurdische Kämpfer am Stadtrand von Tel Abyad.
    foto: reuters/stringer

    Kurdische Kämpfer am Stadtrand von Tel Abyad.

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