Anschluss? Österreich hat ihn nicht verloren

Kommentar der anderen18. Juni 2015, 17:05
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Hierzulande wächst die Wirtschaft weniger als in Deutschland – das ist allerdings kein Grund zur Panik

In den zwei Jahrzehnten bis 2014 wuchs die österreichische Wirtschaft um durchschnittlich über einen halben Prozentpunkt pro Jahr stärker als die deutsche. Seither zieht Deutschland beim Wachstum davon; und kurzfristig wird sich daran kaum etwas ändern. Zudem ist die Arbeitslosenquote in Deutschland so niedrig wie noch nie, in Österreich ist sie hingegen auf einem Allzeithoch. Selbst die Inflationsrate ist hierzulande höher. Hinkt die Struktur der heimischen Wirtschaft also jener des "Exportweltmeisters" hinterher?

Nachfrageschock

Der Rückfall in letzter Zeit lässt sich nicht auf Unterschiede in der Wettbewerbsfähigkeit reduzieren, ebenso wenig der jahrelange Wachstumsvorsprung. Vielmehr verhalf Österreich eine Serie positiver Nachfrageschocks durch die fortschreitende europäische Integration zum "Wachstumsbonus", angefangen vom eigenen EU-Beitritt 1995 bis zur Osterweiterung 2004.

In Deutschland schrumpfte zudem die Bauwirtschaft nach der Wiedervereinigung, und die Arbeitslosigkeit nahm zu. Es folgte eine beispiellose Lohnzurückhaltung, die die Binnennachfrage dämpfte und zu erheblichen Ungleichgewichten im Außenhandel führte. Gleichzeitig schuf sie aber die Voraussetzung dafür, dass die Löhne in Deutschland nun wieder steigen.

Der aktuelle Konjunkturaufschwung dort beruht also auf einer starken Konsumnachfrage, die aber weniger auf die österreichische Wirtschaft ausstrahlt als eine beide Länder gleichzeitig begünstigende internationale Konjunkturverbesserung.

Hierzulande fehlt es hingegen an Kaufkraft; die relativ hohe Inflation, getrieben vom rasanten Anstieg der Mieten, eine hohe Abgabenbelastung und die steigende Arbeitslosigkeit belasten die Realeinkommen in Österreich. Die Steuerreform liefert hier ab 2016 willkommene Impulse.

Industrie stagniert

Die Industrieproduktion, die für die Beurteilung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit relevanter ist als das Wirtschaftswachstum, stagniert in beiden Ländern. Die Entwicklung der für die heimische Exportwirtschaft beispielhaften Autozulieferindustrie liefert keinen belastbaren Hinweis für strukturelle Nachteile gegenüber den Mitbewerbern. Vielmehr leidet die Industrie sowohl in Österreich als auch in Deutschland an der Schwäche der Auslandsnachfrage, die viel mit der Wachstumsverlangsamung in den Schwellenländern und den Folgen der Euroraum-Krise zu tun hat.

Während die Arbeitslosenquote in Deutschland zuletzt auf einen historischen Tiefststand sank, stieg sie hierzulande auf den höchsten Wert seit den 1950er-Jahren. Dieser Unterschied lässt sich teilweise durch demografische Gegebenheiten erklären. Für die Beurteilung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit ist die Beschäftigungsentwicklung aussagekräftiger.

Stellen schaffen

Hier zeigt sich, dass es der heimischen Wirtschaft trotz niedrigen Wachstums gelang, mehr Stellen zu schaffen, wenn auch überwiegend in Teilzeit. Die höhere Inflationsrate im Vergleich zu Deutschland beruht wiederum auf Preissteigerungen in Produktgruppen, wo Österreich kaum dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt ist (lokal angebotene Dienstleistungen). Beim Vergleich der für die Wettbewerbsfähigkeit bedeutenderen Lohnstückkosten in der Industrie zeigt sich hingegen kein Rückfall.

Zwar war der Reformeifer in den letzten Jahren hierzulande nicht überschwänglich. Bislang gibt es aber keine belastbare Evidenz, dass Österreich den wirtschaftlichen Anschluss an seinen wichtigsten Handelspartner verloren hätte. Die europäische Integration hat sich für Österreich bewährt, das Land ist so stark in den Binnenmarkt integriert wie nie zuvor.

Die Europäische Währungsunion ist in ihrer aktuellen Ausprägung jedoch zu krisenanfällig und liefert unbefriedigende makroökonomische Ergebnisse. Neben den Reformbemühungen auf nationaler Ebene sollten daher auch die Weiterentwicklung und Vertiefung der Wirtschafts- und Währungsunion ins Blickfeld der Politik rücken. (Marcus Scheiblecker, Stefan Schiman, 18.6.2015)

Marcus Scheiblecker ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wirtschaftsforschungsinstitut im Bereich Makroökonomie und europäische Wirtschaftspolitik.

Stefan Schiman arbeitet ebendort an den nämlichen Themen.

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