"Uncovering History": Wenn das Land bitter schweigt

18. Juni 2015, 17:20
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Die Ausstellung ist der zweite Teil der Trilogie "Disputed Landscape" in der Grazer Camera Austria. Thema: das fotografische Aufspüren von Narben vergangener Tragödien

Graz – Grüne Hügel, ungezähmte, vielleicht ungeliebte Natur und mittendrin das Explodieren der Farben Rot, Weiß und Blau. Nähert man sich der Fotografie von Anthony Haughey aus ein paar Metern Entfernung, glaubt man, ein Blütenmeer zu sehen. Erst wenn man ein Gefühl für die Proportionen bekommt, sieht man tausende Patronenkapseln in einem Graben. Shotgun Cartridges heißt das Bild, das Haughey 2006 an der Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland machte.

Das Sichtbarmachen von Landschaften, in denen Geschichte unsichtbar oder nicht mehr erkennbar ist, ist ein Leitmotiv der Ausstellung Uncovering History, des zweiten Teils der Trilogie Disputed Landscape der Camera Austria. Alle Künstler hielten Nachschau und lasen in den Narben und Leerstellen von Landschaften, wo es einst gewaltsame Konflikte gab.

Neben Aufnahmen an den irischen Grenzen, wie einer Aufforstung mit kleinen Bäumen, die in ihren Schutzvorrichtungen an einen Soldatenfriedhof erinnern, zog es Haughey auch in den Kosovo und nach Bosnien-Herzegowina. Destroyed Files heißt eine Arbeit, auf der nur mehr die Reste von Ordnern zwischen Grasbüscheln zu sehen sind – verrostete Metallteile, die einst Akten zusammenpressten. Die Schönheit der Bilder, die sich einem nicht immer gleich erklären, ist gruselig. So auch die Red Coffins, rote, übereinandergestapelte Särge in einem Rohbau im Kosovo. Sie scheinen mit roter Seide tapeziert, wie Schlafstätten von Vampiren, wurden aber nur aus rot gestrichenem Holz gezimmert – vielleicht war kein anderes mehr verfügbar.

Vergessene Spuren

Die Südafrikanerin Jo Ractliffe zeigt in As Terras do Fim do Mundo ("Die Länder am Ende der Welt") noch stärker verwehte, vergessene Spuren: Sie suchte Schauplätze des angolanischen Bürgerkrieges der 1970er-Jahre auf. "It is hard to read the signs", beschreibt die Fotografin ihre Suche, die sie etwa an ein nicht markiertes, überwachsenes Massengrab führte.

Neben Ractliffes Bildern surrt und klickt beruhigend regelmäßig ein Diaprojektor, der seine Bilder an die Wand wirft. Es ist Tatiana Lecomtes Montage Die El-Alamein-Stellung, für die sie historische Bilder von den Kämpfen am Strand von El Alamein im Zweiten Weltkrieg mit Nacktbildern einer Frau vermischte, die manchmal an Urlaubsfotos erinnern. In ihren Grautönen greifen die Bilder, die wie aus einem Album in die Kamera gehalten werden, über die Jahrzehnte hinweg gespenstisch ineinander. Nicht immer ist gleich klar, ob es sich um Bilder von Kriegshandlungen oder von friedlichen Urlaubsszenen im Sand handelt.

Berührend und eigentlich zufällig greifen auch die Arbeiten 100 Years der Israelin Efrat Shvily und The Valley der Palästinenserin Ahlam Shibli ineinander. Für ihre Schwarz-Weiß-Serie rückte Shvily einem vor 100 Jahren vom Jewish National Fund auf palästinensischem Gebiet künstlich angelegten Wald, der zum undurchdringlichen Dickicht wurde, mit ihrer Kamera so nah, dass man sich in den Strukturen der Verästelungen verliert. Die Natur erfüllte hier die ihr vom Menschen zugedachte Rolle.

Shibli dokumentierte daneben ein Dorf, in dem der Krieg von 1948 für die – zwischenzeitlich geflohene – palästinensische Dorfbevölkerung noch immer schmerzende Wunden hinterließ. (Colette M. Schmidt, 18.6.2015)

Camera Austria, bis 5. 7.

  • "Die El-Alamein-Stellung. Eine Montage" von Tatiana Lecomte zeigt denselben Strand im Krieg und Jahrzehnte später.
    foto: tatiana lecomte

    "Die El-Alamein-Stellung. Eine Montage" von Tatiana Lecomte zeigt denselben Strand im Krieg und Jahrzehnte später.


  • "Red Coffins" aus der Serie "Disputed Territory" von Anthony Haughey.
    foto: anthony haugehy

    "Red Coffins" aus der Serie "Disputed Territory" von Anthony Haughey.

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