"Merlin oder Das wüste Land": Auf Gralssuche in der Mottenfabrik

18. Juni 2015, 16:13
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Nicolas Charaux inszeniert Tankred Dorsts Theaterstück. Das Junge Ensemble Hörbiger überzeugt an neuer Spielstätte

Wien – Das Junge Ensemble Hörbiger ist umgezogen. Vom Theater zum Himmel im Hörbigerhaus ging es in die Zacherlfabrik in Wien-Döbling. Höhenlage und Semantik deuten einen Abstieg an, tatsächlich ist der neue Spielort aber an Charme kaum zu übertreffen. Hinter der persischen Fassade der alten Fabrikanlage erwartet den Besucher eine rustikale Halle, in der die Tafelrunde aus Dorsts Merlin oder Das wüste Land bestens aufgehoben ist.

Das Publikum sitzt auf harten Bänken aus Holz und wird zu Beginn ordentlich in Nebel gehüllt. Aus dem Off tönen die Stimmen von Merlin (Marlene Reiter) und seinem Vater, dem Teufel (Anton Widauer). Merlin möchte die Menschen zum Guten erwecken, indem er sie zu sich selbst führt. Der Teufel aber prophezeit: "Du wirst die Menschen zum Bösen befreien – das Böse ist ihre eigentliche Natur."

Damit ist das Spannungsfeld des Stücks umrissen. Unter dem Banner von Gerechtigkeit und Freiheit begründet Merlin am Hof zu Camelot die Tafelrunde um König Artus. Das "Sinnbild ihrer Ideale" erweist sich jedoch bald als beengender Gängelwagen, der die Egoismen der Ritter aufreizt.

Bei Sir Lancelot (Max Paier im Skianzug) und Königin Ginevra (Sophie Stockinger in Glitzerleggings) ist es die Liebe, die sie blind für alles andere macht. Der Königssohn Mordred (bravourös bösartig: Juri Zanger) dürstet nach Macht. Und Artus selbst (Felix Kammerer in gestutzten Blue Jeans) ist schlicht zu naiv, um den Unterschied zwischen Floskel und Tugend zu erkennen.

Tankred Dorsts Stück über das Scheitern von Utopien würde ungekürzt ganze Tage füllen. Die Handlungsstränge werden daher regelmäßig von Rita Langrebe nacherzählt, um Raum für besonders ausdrucksstarke Sequenzen zu schaffen: Szenen wie die der Begegnung zwischen Königin Ginevra und der Lancelot-Affäre Elaine (Johanna Mahaffy) – bei der die höfliche Begrüßung in eine handfeste Schlägerei ausartet – lassen den Atem der Zuseher momentlang aussetzen.

Die von Pia Greven gestaltete Holzbühne fügt sich ideal in das stählerne Gerüst der Fabrikhalle. Die trashige Kostümierung wirkt dagegen nur dort am Platz, wo sich die jungen Schauspieler zu lauten Technobeats die Seelen aus den Leibern schreien. Zum Glück ist das aber nicht die vollen 90 Minuten der Fall. (Franz Schörkhuber, 18.6.2015)

  • König Artus (Felix Kammerer) und seine Frau Ginevra (Sophie Stockinger) zanken sich im technoiden Outfit in der 1888 errichteten Zacherlfabrik.
    foto: paul feuersänger

    König Artus (Felix Kammerer) und seine Frau Ginevra (Sophie Stockinger) zanken sich im technoiden Outfit in der 1888 errichteten Zacherlfabrik.


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