Amtsanmaßungsprozess: Selbstjustiz auf dem Wiener Straßenstrich

18. Juni 2015, 14:31
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Eine 43-Jährige soll sich gegenüber Prostituierten als Polizistin ausgegeben haben und mit dem Auto auf sie zugerast sein. Die Frau leugnet

Wien – Es sind zwei Welten, die Richterin Stephanie Öner sieht. In der einen leben Rumäninnen, die sich auf dem Straßenstrich in Wien-Floridsdorf prostituieren. In der anderen Andrea H. und ihre Mutter, die in der Gegend wohnen. Und wegen Amtsanmaßung und Nötigung vor Öner sitzen.

Die 43-jährige Hauptangeklagte soll sich zweimal gegenüber Prostituierten als Polizistin ausgegeben haben, behauptet der Staatsanwalt. Und zweimal soll sie auf Damen zugefahren sein, die sich nur mit einem Sprung zur Seite retten konnten. Die Mutter soll bei der Polizei ihre Tochter mit einer Falschaussage gedeckt haben.

H. weist die Anschuldigungen kategorisch von sich. "Absurd" und "lächerlich" nennt sie die Behauptungen der Prostituierten. Dass sie mit diesen gesprochen habe, stimme – aber als Polizistin habe sie sich nie bezeichnet.

Tochter von Freier angesprochen

Die in eine Parfumwolke gehüllte Mutter zweier minderjähriger Mädchen gibt sich distinguiert. Drei ihrer Probleme mit dem Straßenstrich führt sie an: Eine Tochter sei einmal von einem Freier angesprochen worden, die Frauen stünden teilweise mitten auf der Fahrbahn, und die Kondome würden die Gegend verschmutzen.

Die Probleme scheinen H. aber ziemlich beschäftigt zu haben. Immer wieder rief sie bei der Polizei an, um sich zu beschweren. Und machte sich auch vor Ort ein Bild. "Ich habe gedacht, ich schau mir das einmal an", erzählt sie Öner. "Und wie oft haben Sie sich das angeschaut?", fragt die. "Na ja, schon einige Male. Es hat mich auch interessiert, wo die hinfahren."

Rund zehnmal habe sie zwischen August und Anfang November die Situation begutachtet, sagt sie. Die Prostituierten schildern als Zeuginnen anderes: Fast jeden Abend sei die Angeklagte vorbeigefahren, habe manchmal auch Autos von Freiern gefilmt.

Lautstarke Beschwerde

Auch die Richterin kann aus eigener Erfahrung etwas berichten: "Sie sind ja jetzt sehr ruhig und sachlich. Sie haben mich aber schon einmal angerufen und lautstark gesagt, dass Sie sich 'mit solchen Menschen nicht in einen Saal setzen' werden."

Die Angeklagte entschuldigt sich – sie sei ob des absurden Vorwurfs aufgebracht gewesen. Aber sie habe elf Jahre lang für eine internationale Organisation gearbeitet, sei nicht rassistisch, sondern ein sozialer Mensch.

Bei der Vernehmung der Zeuginnen – denen Öner die Ladungen an deren Arbeitsstelle überbringen ließ – wandelt sich das Bild etwas. Die sagen nämlich aus, sie selbst hätten H. gefragt, ob sie von der Polizei sei, was diese bejaht habe.

Das Problem: Ihre Deutschkenntnisse sind nur rudimentär, es könnte sich also auch um Missverständnisse gehandelt haben. Bei der Vernehmung durch die Polizei war kein Dolmetscher anwesend – in den Protokollen sind aber konkrete Vorwürfe zu lesen, H. habe sich aktiv und unaufgefordert als Polizistin vorgestellt.

Abgeschwächte Aussagen

Eine weitere Zeugin, auf die die Angeklagte zugefahren sein soll, schwächt ihre Aussage ebenfalls ab. Sie sei auf dem Schutzweg gestanden, es sei aber möglich, dass H. sie erst spät gesehen habe. Nur eine dritte Frau behauptet dezidiert, H. müsse sie gesehen haben und sei schnell und extrem nah an ihr vorbeigebraust.

Der Staatsanwalt glaubt selbst nicht mehr an eine Amtsanmaßung und bietet für die Nötigung eine Diversion an, wenn H. zugibt, sie sei aufgebracht gewesen und habe überreagiert. Verteidiger Andreas Arbesser lehnt nach kurzer Beratung mit seinen Mandantinnen ab und will eine vierte Frau, die mittlerweile wieder in Rumänien ist, als Zeugin. Öner muss daher auf unbestimmte Zeit vertagen. (Michael Möseneder, 18.6.2015)

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