Wie Facebook die Verlage, vor allem aber sich selbst bedient

Blog19. Juni 2015, 14:12
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Verlage müssen dort sein, wo die User sind. Der Verlagsgründer und Blogger Johnny Haeusler prognostiziert die Zukunft

Salzburg/Wien – Facebook eröffnet neue Möglichkeiten zur Verbreitung journalistischer Beiträge. Die Veröffentlichung vollständiger Artikel, Bildergalerien und Videos direkt auf Facebook stellt den klassischen Journalismus vor eine Reihe von Herausforderungen, bietet aber auch die Chance, sich neu zu definieren. Das Projekt "Instant-Articles" ermöglicht den Verlagen, ihre Medieninhalte künftig in der mobilen Facebook-App direkt zu veröffentlichen, ohne die User auf externe Quellen der Nachrichten und Medien-Webseiten weiterzuleiten. Speziell für mobile Geräte hat Facebook eine neue Art der Onlineberichterstattung entwickelt. Dieses Projekt soll die Berichterstattung im Online-Journalismus vereinfachen und beschleunigen.

Neben der zusätzlichen Reichweite über Facebook bietet das Netzwerk den Verlagen durch attraktive Vermarktungsmöglichkeiten auch eine wirtschaftliche Perspektive. Die Verlage erhalten Zugriff auf Nutzerdaten ihrer User und können analysieren, welche Beiträge besonders gefragt sind und welche Inhalte auf weniger Resonanz stoßen. Über Facebook kann eine Redaktion Rezipienten erreichen, die vorher mit der Zeitung nicht in Kontakt gekommen sind und potenziell sowohl Reichweiten als auch Werbeeinnahmen erhöhen. Am Projekt "Instant-Articles" nehmen aktuell neun internationale Medienhäuser teil, darunter „Bild“ und „Spiegel Online“ sowie die „New York Times“.

Die österreichischen Verlage beäugen die direkte Veröffentlichung der Medieninhalte auf Facebook skeptisch. Gerlinde Hinterleitner, Online-Managerin beim STANDARD kann sich nicht vorstellen, „dass Medien, die bei Verstand sind, Usern noch mehr Grund geben wollen, Facebook überhaupt nicht mehr zu verlassen“ (Kleine Zeitung 13. 5. 2015).

Soziale Netzwerke als Gatekeeper

Soziale Netzwerke setzen neue Rahmenbedingungen für die Informationsverbreitung und Meinungsbildung. Über die Einbettung der „Instant Articles“ könnte die Bindung der Verlage an den Facebook Traffic noch erheblich zunehmen. Gleichzeitig unterwerfen sich User und Medienhäuser den Bedingungen von Facebook.

Soziale Netzwerke haben sich als neue Gatekeeper für die Verbreitung der Nachrichten und Meinungen in der Gesellschaft etabliert. Ihre Rahmenbedingungen legen Grenzen, Formen und Inhalte der Kommunikation fest. So bestimmt ein Facebook-Algorithmus, der Edge-Rank, welche Nachrichten ein Facebook-Nutzer über seinen News-Feed zu sehen bekommt. Edge-Rank prüft die Postings von Facebook-Nutzern anhand verschiedener Faktoren auf ihre Relevanz für die befreundeten Nutzer, also jene, die den Facebook-Account „geliked“ haben (siehe dazu die Studie von Machill/Beiler/Krüger 2013: 50). Die technische Struktur von Facebook wirkt sich also direkt auf die Informationsverbreitung und Meinungsbildung aus.

Eine weitere technikbasierte Einschränkung des Informations- und Meinungsflusses ist der Quellcode. Wenn Facebook-Nutzer auf mobilen Endgeräten Verlinkungen zu anderen Internetangeboten folgen wollen, werden sie nicht mehr auf die entsprechende Webseite geführt, vielmehr wird der Medieninhalt innerhalb der Plattform von Facebook wiedergegeben. Mit Hilfe des Quellcodes bindet Facebook die Nutzer an die eigene Plattform (vgl. Machill/Beiler/Krüger 2013: 52). Es sind die Gesetze der Aufmerksamkeitsökonomie:

Je länger man sich auf Facebook aufhält, desto mehr Angebote stellen sich ein.

And the winner is: Facebook

Facebook entwickelt sich dadurch nicht nur zu einer zunehmend attraktiveren Werbeplattform, sondern auch zu einem Nachrichtenportal. Gemäß Julian Reichelt, Chefredakteur von „Bild.de“ ist „Instant Articles" ein Experiment, bei dem die Vor- und Nachteile sorgfältig abzuwägen sind. Langfristig könnte „Instant Articles“ zu einem Bedeutungsverlust für die Verlage führen und je mehr Medienhäuser an „Instant Articles“ teilnehmen, desto größer wird der Druck, auch dabei zu sein. Sicher ist nur eines: Der größte Gewinner heißt Facebook. (Von Ksenia Churkina und Josef Trappel für die Forschungsgruppe Medienwandel, 19.6.2015)

Literatur:

Machill, Marcel/ Beiler, Markus/Krüger, Uwe (2013): Das neue Gesicht der Öffentlichkeit. Wie Facebook und andere soziale Netzwerke die Meinungsbildung verändern. Band 31. Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM). S. 50-52

Hinweis
Am 25.6.2015 veranstaltet die Forschungsgruppe eine Podiumsdiskussion zum Thema "Wissenschaft trifft Krise – Krise trifft Praxis". In der Edmundsburg in Salzburg diskutieren dazu Vertreter aus Wissenschaft und Medienbranche. Der Eintritt ist frei.

Näheres unter forschungsgruppe-medienwandel.com/

  • Medienwissenschafter Josef Trappel.
    foto: privat

    Medienwissenschafter Josef Trappel.

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