Vom Lesesaal zum Ort der Avantgarde

18. Juni 2015, 12:56
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Das Österreichische Kulturforum in Kroatien feiert sein 60-jähriges Bestehen

"Obwohl sie ehrfurchtsvoll im Koran zu lesen vermochten, genossen sie zuweilen die Muße und verjagten böse Gedanken und schlechten Mundgeruch mit dem feurigen Saft der Zwetschgen, der in der Nachtstille gebrannt wird, weil dann – so hieß es – der große Allah schläft. Die beiden liebten mich sehr, sie hoben mich ganz hoch in die Luft, kauften mir Eis und Zuckerl, erzählten mir alte Geschichten und brachten mir sogar mein erstes Deutsch bei: Eins, zwei, Polizei, drei vier, Grenadier, fünf, sechs, alte Hex ..."

In dieser Erinnerung an seine Großväter beschreibt der bosnische Literaturübersetzer Sead Muhamedagić seine ersten Berührungen mit der deutschen Sprache. Muhamedagić wird in dem Band "60 Jahre Kulturdialog" des Österreichischen Kulturforums in Zagreb viel Platz eingeräumt. Wie kaum ein anderer symbolisiert er das Verständlichmachen des jeweils einen gegenüber dem anderen, weil er beides in sich trägt. Für die Übersetzung von Thomas Bernhards Roman "Auslöschung. Ein Zerfall" wurde Muhamedagić, der seit seinem vierten Lebensjahr blind ist, mit dem kroatischen Staatspreis ausgezeichnet.

Literatur übers Radio

Seine Beziehung zur österreichischen Literatur hat er über Ö1 aufgebaut. "Ö1 konnte man in Zagreb, aber auch in Bosnien auf Mittelwelle empfangen", erzählte er anlässlich des 60. Jahrestags des Bestehens des Österreichischen Kulturforums in Kroatien. 1974 hörte er etwa "Die letzten Tage der Menschheit" auf Ö1. Noch heute hat er die Stimmen von Josef Wenzel Hnatek, Wolfgang Riemerschmid und Melitta Tschapka im Ohr. "Es gibt in der österreichischen Literatur etwas, das meiner slawischen Mentalität näher kommt, als bei den deutschen Autoren der Fall ist. Dieses Hinterfragen der Seelenzustände ist intensiver", erklärt er.

Das österreichische Kulturforum in Kroatien wurde kurz nach dem Staatsvertrag 1955 als Lesesaal in Zagreb gegründet. Es war vor allem für jene gedacht, die noch Deutsch sprachen. In dem Kulturabkommen von 1972 zwischen Österreich und Jugoslawien, forderte Letzteres aber die Affirmierung aller Nationalkulturen des Vielvölkerstaates ein. Das Kulturforum in Zagreb war für ganz Jugoslawien zuständig, in Belgrad gab es keines. Am Anfang vielleicht noch Treffpunkt für Kakanien-Nostalgiker, wurde es im Lauf der Jahrzehnte zu einem Ort des Dialogs von Kulturschaffenden beider Staaten.

Jährlich 130 Veranstaltungen

Literaten wie Heimito von Doderer, H. C. Artmann, Thomas Bernhard, Elias Canetti und Peter Turrini, die Künstler Peter Weibel, Peter Kubelka und Valie Export, die Architekten Hans Hollein und Gustav Peichl, der Opernerklärer Marcel Prawy und Kabarettist Gerhard Bronner wurden nach Zagreb eingeladen. Heute wird das Kulturforum von dem umsichtigen Georg Lack geführt, der es jüngst schaffte, Peter Kogler für eine große Schau im Museum für moderne Kunst nach Zagreb zu bringen. Lack schafft es mit seinem Team, jährlich etwa 130 Veranstaltungen auf die Beine zu stellen. Natürlich spielte auch die Geschichte der 1990er-Jahre eine wichtige Rolle für das Forum.

In dem Jubiläumsbuch sind Texte etwa von Karl-Markus Gauß aus dem Jahr 1998 veröffentlicht, als dieser sich zu Nationalisten, die Jugonostalgiker beschimpften, äußerte: "Wahllos wird die Bezeichnung jedem übergestülpt, der den kroatischen Nationalismus, wie er sich zur staatstragenden Ideologie erigiert, zu kritisieren wagt." Nun ist der Jugonostalgićar "aber nicht deswegen geächtet, weil er früher ein Rassist war, sondern weil er heute keiner sein will", entlarvt Gauß die Motive hinter der Ablehnung der jugoslawischen Zeit.

Gauß kritisiert Jugonostalgie

Aber auch die Jugonostalgiker kriegen ihr Fett ab. Folgendes Zitat könnte Gauß Peter Handke zugedacht haben: "Und es zeigte sich, dass die westliche Sehnsucht nach Jugoslawien wenig mit Jugoslawien, viel mit einer Sehnsucht zu tun hat, die marodierend unterwegs ist, irgendwo eine Weltregion zu finden, die nicht von der Religion des Geldes missioniert wurde und in der das Leben noch anderen Idealen als jenen des Profits zustrebt; ein Land, in dem jene für ihre gekränkte Seele linde Heilung erfahren, die an den Segnungen des Kapitalismus leiden und den sie daher anderen gerne erspart wissen möchten." Gauß spricht von einem "Gemütsdepot für zivilisationsmüde Westeuropäer". "Aber keiner hat das Recht, sich seine Ideale von anderen verwirklichen zu lassen, und wer selbst nichts zuwege bringt außer langweilige Prosperität, der braucht sich nicht an Verhältnissen zu berauschen, die von Mangel und Misswirtschaft bestimmt sind", schreibt er.

Die Rückschau auf die vergangenen 60 Jahre des Kulturaustauschs ist auch eine Rückschau auf die wechselseitige Rezeption des Kulturschaffens in Österreich wie auch in Jugoslawien und später ab 1991 im unabhängigen Kroatien. In der traditionellen Filmstadt Zagreb unterstützte das Kulturforum stets Experimentalfilm-Präsentationen, etwa jene von Peter Kubelka 2010.

Bewährt ist auch die Jazzachse zwischen Graz und Zagreb beziehungsweise Grožnjan, wo die Jazzsommerakademie stattfindet. Zentrale Figur und Weltenverbinder ist dabei Sigi Feigl, der mit dem legendären, 2011 verstorbenen Boško Petrović diese Tradition begründete.

Das Kulturforum verfügt übrigens über drei Bibliotheken, eine in Zadar, eine in Rijeka und eine in Osijek, wo auch jedes Jahr Österreichische Kulturtage stattfinden. Heuer wird der Bestand des ehemaligen Lesesaals in Zagreb als vierte Österreich-Bibliothek an die Uni in Zagreb transferiert. (Adelheid Wölfl, 18.6.2015)

  • Party auf dem Dach des Museums für Moderne Kunst in Zagreb.
    foto: museum für moderne kunst in zagreb

    Party auf dem Dach des Museums für Moderne Kunst in Zagreb.

  • Daniel Kehlmann zu Gast im Kulturforum.
    foto: österreichisches kulturforum zagreb

    Daniel Kehlmann zu Gast im Kulturforum.

  • Seiten aus dem Jubiläumsbuch.
    foto: österreichisches kulturforum zagreb

    Seiten aus dem Jubiläumsbuch.

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    foto: österreichisches kulturforum zagreb
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