Google Maps zeigt Leid von Bauarbeitern auf der Arabischen Halbinsel

18. Juni 2015, 11:00
218 Postings

"Crossings"-Projekt von Arko Datto kombiniert Satellitenbilder riesiger Baustellen mit Recherchen zu Arbeitsbedingungen

In Dubai steht der Burj Khalifa. Der beeindruckende Wolkenkratzer umfasst 163 Stockwerke und streckt sich 828 Meter hoch in den Himmel. Sechs Jahre lang wurde am höchsten Bauwerk der Welt gearbeitet. Rund 400 Kilometer westlich davon werden aktuell in Katar hochmoderne Sportstätten anlässlich der Fußball-WM 2022 aus dem Boden gestampft. Durch Finanz- und Rohstoffwirtschaft, allen voran den Handel mit Erdöl, sind viele Staaten auf der Arabischen Halbinsel reich geworden.

Viele Prunkbauten geben dem Wohlstand ein glitzerndes Gesicht nach außen. Doch für viele, die an der Errichtung dieser architektonischen Meisterwerke beteiligt sind, ist das nicht mehr als Fassade. Der indische Künstler Arko Datto hat mit Satellitenaufnahmen von Google Maps und Google Earth und Recherche vor Ort den Alltag hinter dem Bauboom dokumentiert und als Teil seiner Serie "Crossings" im Netz veröffentlicht.

foto: arko datto
In Katar werden derzeit riesige Sportstätten aus dem Boden gestampft.

Das unsichtbare Problem

Die Bilder zeigen die Gebäude und riesigen Baustellen von oben. Einzelne Menschen sind darauf kaum auszumachen. Das ist auch beabsichtigt. "Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema in einer recht abstrakten Weise", so Datto gegenüber "Wired". "Die totale Abwesenheit von Menschen ist ein Symbol für die Anonymität, Gesichtslosigkeit und die fehlende Repräsentation, unter der die ausländischen Arbeiter leiden."

Heerscharen an migrantischen Arbeitern werden mit dem Traum, am sichtbaren Wohlstand teilzuhaben, angelockt. Recruiter werben sie bevorzugt in Indien, Nepal und Südostasien an. Doch statt geregelter Arbeitsbedingungen und eines sicheren Einkommens erwarten sie oft Bedingungen, die man unter dem Begriff "moderne Sklaverei" kennt. Von Bevölkerung und Politik schlägt ihnen wenig Liebe entgegen.

Den Aufnahmen gegenüber stehen kurze Textpassagen. Arbeiter und Beobachter erzählen davon, wie Bauunternehmer gegen Gesetze verstoßen und ihnen aufgebürdete Kosten etwa für die Verlängerung von Visa und Arbeitserlaubnis-Bescheiden vom Lohn abziehen. Oder wie im Sommer viele Handwerker in Spitälern landet, weil sie trotz des verordneten Arbeitsverbots für den frühen Nachmittag in der brennenden Hitze ihrem Tagwerk nachgehen. Aufgrund der klimatischen Bedingungen wird Katar das erste Land sein, das ein Weltfußballturnier im Winter abhalten wird.

foto: arko datto
Auch westliche Unternehmen haben Prunkbauten auf der Arabischen Halbinsel errichtet.

Blutige Fußball-WM

Vor allem im Hinblick auf die Fußball-WM, deren Vergabe an Katar der von einem Korruptionsskandal erschütterten Fifa bereits seit Jahren Kritik einbringt, ist das interessant. Schon jetzt, schätzen verschiedene NGOs, macht die Zahl der Opfer diesen Bewerb zum bisher blutigsten seiner Art.

Erst im Dezember zitierte der "Guardian" einen Bericht, wonach im Schnitt alle zwei Tage ein nepalesischer Bauarbeiter bei den Errichtungsarbeiten zu Tode kommt. Fürsprecher der Arbeiter gehen davon aus, dass die WM rund 4.000 Todesopfer fordern wird, für jedes Spiel würden demnach 62 Menschen sterben. Die "Washington Post" hat auf Basis verschiedener Angaben eine bedrückende Infografik erstellt.

Trotz Versprechungen steht Katar weiter in der Kritik, Verbesserungen bestenfalls schleppend zu erwirken. Daher zeigt sich Datto kämpferisch und will sich weiter mit dem Thema beschäftigen, um der Welt die "bittere Wahrheit an der Schnittstelle von Kapitalismus und Rassismus" zu zeigen. (gpi, 18.6.2015)

foto: ap
So soll eines der WM-Stadien einmal aussehen, wenn es fertig ist.
Share if you care.