Trotz Drohnenangriffen bastelt Al-Kaidas Bombenhirn weiter

18. Juni 2015, 07:33
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Nach dem Tod des AQAP-Emirs bleibt der Mastermind zahlreicher Attentatsversuche, Ibrahim al-Asiri, weiter unentdeckt

Nasser al-Ansi, Ibrahim al-Rubaysh und Harith al-Nadhari verbindet das gleiche Schicksal: Die hochrangigen Mitglieder (Manager, Mufti und Sharia-Beauftragter) der Al-Kaida auf der arabischen Halbinsel (AQAP) wurden dieses Jahr bei US-Drohnenangriffen getötet. Seit Anfang 2015 vergeht kein Monat, in dem nicht ein Mitglied des saudisch-jemenitischen Ablegers der Al-Kaida ums Leben kommt. Eine Dichte an US-Fahndungserfolgen, die bei vielen – auch den Islamisten selbst – den lange gehegten Verdacht nährt, die Extremisten seien von Geheimdiensten unterwandert worden. Am Mittwoch wurden deswegen zwei Männer wegen Spionageverdachts in der südjemenitischen Stadt Mukalla von Al-Kaida-Anhängern hingerichtet.

foto: epa/arhab
Gefahr aus der Luft: ein Graffiti in Jemens Hauptstadt Sanaa soll eine US-Drohne darstellen.

Am Tag zuvor bestätigte AQAP in einem Online veröffentlichten Video den jüngsten Erfolg der US-Jagd auf ihren Führungskader: Auch Nasser al-Wuhayshi, einst enger Vertrauter Osama bin Ladens, Gründungsmitglied und Emir der Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel, wurde durch einen US-Schlag die Woche zuvor getötet. Der Sprecher der Gruppe zeigte sich auf der Aufnahme trotzig. Nicht ohne Grund: Denn trotz zahlloser gezielter Tötungen gelang es der Organisation weiter zu expandieren.

Einerseits nutzte AQAP geschickt die durch den Bürgerkrieg verstärkte politische Instabilität und Gewalt der vergangenen Monate um ihre Machtbasis im Jemen zu festigen. Gleichzeitig zogen die USA den Großteil ihrer Geheimdienstmitarbeiter und Spezialeinsatzkräfte aus dem Land ab, nachdem schiitischen Huthi-Rebellen die Hauptstadt Sanaa einnahmen.

foto: epa/arhab
Verlassen: Die US-Botschaft in Jemens Hauptstadt Sanaa. Auch die US-Geheimdienste und Spezialeinsatzkräfte haben ihre Präsenz in dem arabischen Land massiv reduziert.

Andererseits ist trotz der vielen US-Angriffe jener Mann, der westlichen Geheimdiensten am meisten Kopfzerbrechen bereitet, weiterhin am Leben. Denn sowohl der vereitelte Bombenattenat auf ein US-Passagierflugzeug 2009, das missglückte Attentat auf US-Transportflugzeuge 2010 als auch durchkreuzte Anschlagspläne 2012 tragen die Handschrift eines anderen Al-Kaida-Mitglieds: Ibrahim al-Asiri.

Rektum- und Unterhosen-Bombe

Der auch "Abu Saleh" genannte Saudi gilt als einer der besten islamistischen Bombenbastler der Welt. Einer breiteren Öffentlichkeit im Westen wurde er erst bekannt, nachdem der Nigerianer Umar Farouk Abdulmutallab am Christtag 2009 erfolglos versuchte eine Passagiermaschine (Northwest 253) über der US-Stadt Detroit zum Absturz zu bringen. Die dafür notwendige Vorrichtung samt Sprengstoff, die von Asiri entwickelt wurde, trug Abdulmutallab in seiner Unterhose. Bei den Behörden läuteten damals trotz einer Vereitelung die Alarmglocken, da der Attentäter unentdeckt durch mehrere Sicherheitskontrollen gelangte.

foto: ap/jerry lemenu
Umar Farouk Abdulmutallab bei seinem Gerichtsprozess in Detroit. Der Sohn eines nigerianischen Ex-Ministers wurde zu lebenslanger Haft ohne Chance auf Bewährung verurteilt.
foto: epa/fbi handout
Eine von AQAP entwickelte Unterhosenbombe, die Abdulmutallab auf Flug Northwest 253 trug.

Doch schon wenige Monate zuvor bewies Asiri zweifelhafte Kreativität beim Bombenbau. Im August 2009 versuchte sein Bruder Abdullah den saudischen Vize-Innenminister Prinz Nayef durch eine von Ibrahim entwickelte Bombe zu töten. Um nicht entdeckt zu werden, wurde die Bombe nicht durch einen Metall- sondern einen chemischen Zünder detoniert. Darüber hinaus trug Ibrahims Bruder die halbe Kilo schwere Bombe in seinem Rektum. Der Attentäter verstarb – sein Ziel, Prinz Nayef, konnte aber mit leichten Verletzungen entkommen.

Nur wenig später überraschte Asiri erneut durch sein makabres Geschick: Westliche Behörden fingen 2010 zwei Bomben ab, die bereits an Bord von Transportmaschinen Richtung USA waren. Der Sprengstoff befand sich in Tintenpatronen von verpackten Druckern, die Vorrichtung war aber so geschickt versteckt, dass sie von Detektoren nicht entdeckt werden konnte. Nur durch Geheimdienstinformationen konnten die Pakete abgefangen werden, bevor sie ihre Ziele in den USA erreichten.

foto: reuters/saudi interior ministry/handout/files
Weltweit gesucht: Ibrahim al-Asiri, Bombenhirn der Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel.

Der 1982 geborene Asiri stammt aus einer Militärfamilie in Riad. Der Versuch des ausgebildeten Chemikers in den Irak zu reisen, um dort gegen die amerikanischen Besatzungstruppen zu kämpfen, wurde von den saudischen Behörden vereitelt. In der Haft radikalisierte er sich offenbar immer mehr, wie er selbst in einem von Al-Kaida produziertem Magazin erklärte. Nach seiner Entlassung tauchten er und sein Bruder 2007 unter und wenig später im Jemen wieder auf. Schnell landete er auf den saudischen Fahndungslisten auf Platz 1.

Bald war auch den US-Behörden klar, dass Asiri umso gefährlicher wird, je länger er auf freiem Fuß ist. Im Jahr 2012 wurde ein Anschlag durch eine verbesserte Version der Unterhosenbombe nur mit Hilfe eines in AQAP eingeschleusten Doppelagenten verhindert. Die Bombe hätte laut Aussagen des US-Transportministers weder von Metalldetektoren noch von Sprengstoffhunden entdeckt werden können.

Zu diesem Zeitpunkt war Asiri schon längst Top-Ziel westlicher Geheimdienste, trotzdem stellten sich Berichte über seine Tötung bisher immer als unrichtig heraus. Asiri wurden sowohl 2011 als auch 2014 von US-Medien fälschlicherweise für tot erklärt. (Stefan Binder, 18.6.2015)

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