Hans Weigand: Tieffliegende Meteoriten im Surferparadies

17. Juni 2015, 17:41
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Ein Spiel mit Bild- und Erzähltraditionen, mit analogen und digitalen Techniken und Illusion: Mit großer Passion für seine Medien bespielt Hans Weigand das 21er-Haus und erzählt ganz nebenbei vom Wandel der Welt und ihrem möglichen Retter

Wien – Die perfekte Welle ist nicht das Ziel der Reise. Sommer, Sonne, Surfin' auch nicht das Motto. Und den Beach Boys zum Trotz – deren geradezu nervig gutgelaunte Hymne jedem einen Ozean vor der Nase vergönnt -, ist das österreichische Verlustigsein eines solchen Nasses nicht der Grund, warum Hans Weigands Surferbilder so wenig euphorisch wirken, so weit entfernt vom kalifornischen Traum.

Surfing, der Titel seiner Personale im 21er-Haus, ist also ebenso trügerisch wie seine in der zweiten und dritten Dimension gebauten Bildwelten. Eine der neuesten entstand extra für die Ausstellung und ist begehbar: Planet of the Saints. Im ellipsoiden Raum öffnet sich Trompe-l'oeil-artig ein dramatisches Meerespanorama: Die Gischt schäumt auf den an schroffen schwarzen Felswänden brechenden Wellen; der regelrecht überirdisch buntgefärbte Himmel erinnert an verkitsche Hollywood-Weltuntergangsdramen: an jene Momente nach der endzeitlichen Katastrophe, an denen dann doch wieder eine Sonne aufgeht und eine Zukunft verspricht.

foto: sophie thun, © belvedere, wien

In ihrer fotorealistischen Manier würde Weigands Gegenwartsvariante eines Historienpanoramas (als gebürtiger Tiroler freilich vom Innsbrucker Riesenrundgemälde geprägt) befremden, wäre da nicht noch der Silver Surfer. Der Held aus den Marvel Comics sitzt dort ganz klein neben der Ruine einer Strandhütte und anderen zivilisatorischen Überbleibseln wie einem zerschellten Schiff. Eigentlich hätte man den elegant an den Fels geschmiegten, barköpfigen Asketen für Poseidon, Zeus’ Bruder höchstpersönlich gehalten, aber Weigand besteht darauf: "Es ist der Silver Surfer!"

Einerlei. Schließlich ist das Science-Fiction-Heldenepos gar nicht so unähnlich zu antiken Mythologien aufgebaut. Die kosmischen Kräfte verlieh dem Silver Surfer ein gewisser Galactus, seines Zeichens nimmersatter Planetenfresser – und wie das so ist: Die silberne Gestalt auf silbernem Surfbrett richtet diese Kräfte schließlich gegen den Meister selbst.

Wellenbrett des Silberhelden

Der Held surft auf Hokusai-Wellen (Weigands "Wellen"-Archiv umfasst 20.000 Abbildungen), manchmal sogar mit der Stromgitarre oder dem Elektrobass in der Hand. Und nun surft auch der Betrachter in Weigands Panorama – der Spiegelfolienboden steht quasi für das Wellenbrett des Silberhelden – mitten hinein in dieses postapokalyptische Szenario. Darin liefert ein Affenkopf in Kombination mit dem Titel Planet of the Saints ein weiteres Indiz. Denn im ersten Teil von Planet der Affen (1968) taucht ganz am Ende die Freiheitsstatue am Horizont auf und gibt Gewissheit: Man ist nicht auf einem anderen Stern, sondern noch immer auf der Erde.

Dem Meer entsteigen und sich plötzlich in einer veränderten Welt wiederfinden (oder auch aus ihm als geläuterter Mensch wieder auftauchen), diese Idee gefällt Weigand. Der Künstler verrät auch, woher diese Metapher vom Meer als Vehikel durch Raum und Zeit kommt: Er sei schon einige Male im Pazifik in Seenot geraten. Nicht mit dem Surfbrett, sondern jenem 17-Meter-Boot (Life/ boat), das er in den Jahren, die er an der amerikanischen Westküste verbracht hat, gemeinsam mit den Künstlerfreunden Jason Rhoades und Raymond Pettibon gekauft hatte. Jeder hätte damals vom anderen geglaubt, er könne ein Boot steuern. Auch eine Sturmwarnung hätte man ignoriert.

Dem Prinzip der Montage folgt Weigand nicht nur narrativ, formal ist er darin sowohl passionierter Meister als auch "Fälscher": Er montiert Schraffuren und Figuren aus einem Bildarchiv alter Kupferstiche, Buchdrucken und Radierungen; er fertigt selbst Holzschnitte oder collagiert nur deren Drucke – er fügt Hybride aus alten analogen und neuen digitalen Techniken. Die Wellen, verrät er, hat er manchmal etwa aus enorm vergrößterten Details, aus Pferdehaardarstellungen in Kupferstichen, komponiert.

Retrospektive ist Surfing keine, denn Weigands Multiversum, das von Polaroids und Videos über Performance und Grafik bis zu Objekten und Malerei reicht und stets von anarchisch-punkigen Ausflügen des Gitarristen in die Musik begleitet war, ist nur in einer kleinen "Wunderkammer" zusammengefasst. Der jüngere Rest, der obendrein über gut konsumierbare Kapitel und Kuben organisiert ist, erschließt sich tatsächlich über Planet of the Saints - ein Schlüsselbild: Der Weltenwandel liegt über dem Surferparadies wie der Dunstschleier über aufgepeitschter See.

Als die Finanzkrise in Amerika zuschlug und die Leute schier über Nacht das Dach über dem Kopf verloren, war Weigand in Santa Barbara. Damals schoss er ein Foto von einer obdachlosen Frau, die in einem Einkaufswagen ihr ganzes Hab und Gut vor sich herschob. Er verwendete es als Vorlage für eines seiner Komposit-Bilder aus diversesten Versatzstücken: Bag Lady aus dem 16. Jahrhundert (2012). Mit dem Transponieren in ein anderes Medium, in eine alte Technik, transferierte er die Figur auch in eine andere Aufmerksamkeitsdimension. Es gäbe inflationär viele Fotografien obdachloser Menschen, so Weigand, er wollte aber, dass der Blick sich nicht so schnell von den Schicksalen am Boulevard of broken dreams (2013) abwende.

In anderen dystopischen Bildern (allesamt Mischtechniken) Weigands fliegen Meteoriten bedrohlich tief, zerfallen architektonische Utopien zu Ruinen, werden antik anmutende Kulissen bedrohlich von Wellen umspielt. Von der Verderbtheit der Welt erzählt schließlich Weigands zeitgenössische Paraphrase auf Hieronymus Boschs Garten der Lüste. Kein Wunder, dass Weigand für die Performance seiner Demon Brothers an die Tradition der Absamer Matschgerer anschließt, die im Fasching das Böse austreiben sollen. Die Holzschindeln der behutsam und in Kooperation mit den Schnitzern modernisierten Maskenwesen klappern und klackern, dass einem ganz bange wird. (Anne Katrin Feßler, 17.6.2015)

21erhaus

"Hans Weigand. Surfing"

Ausstellung bis 13.9. im 21er-Haus (Quartier Belvedere, Arsenalstraße 1, 1030 Wien, Mi und Do 11.00–21.00, Fr bis So 11.00 bis 18.00, an Feiertagen geöffnet)

Screening: Videoarbeiten von Hans Weigand, 25.6., 19.00, Blickle-Kino, 21er-Haus

Führung/Künstlergespräch 1.7., 19.00

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21er-Haus Sommerfest: 21. 6., 16.00–22.00 mit Künstlergespräch und Konzerten: Studio Dan (17.00), Hans Weigand mit Nancy Transit & CC2 (ca. 19.00); DJ-Sets (bis 22.00), Ausstellungseröffnungen Tomás Saraceno, Adrien Missika, Skulpturengarten, 18.00

  • "Demon Brothers" (2014): An die Tradition der Maskenschnitzer anknüpfend, modernisierte Weigand die Absamer Matschgerer.
    foto: katharina senn

    "Demon Brothers" (2014): An die Tradition der Maskenschnitzer anknüpfend, modernisierte Weigand die Absamer Matschgerer.


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