Wie mutige Fischmännchen schüchterne Artgenossen austricksen

20. Juni 2015, 17:59
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Forscher untersuchten, welche Rolle der soziale Kontext und die individuelle Persönlichkeit männlicher Kärpflinge beim Werben um Weibchen spielen

Berlin – Wenn Tiere in Gruppen leben, steht nahezu jede ihrer Verhaltensweisen unter der Beobachtung ihrer Artgenossen. Das gilt auch für die Partnerwahl. In einer aktuellen Studie untersuchten Forscher des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB), welche Rolle der soziale Kontext und die individuelle Persönlichkeit von Fischmännchen beim Werben um Weibchen spielen.

Wie die Wissenschafter im Fachblatt "Behavioral Ecology" berichten, täuschen mutige Fische ihre Rivalen offenbar geschickt, indem sie ihre wahren Präferenzen verschleiern. Schüchterne Artgenossen hingegen weichen ihrer Auserwählten nur selten von der Seite. Damit konnte erstmals der Nachweis erbracht werden, dass sich die Persönlichkeit von Fischmännchen auf ihr Verhalten bei der Partnerwahl auswirkt.

Ressourcensparende Nachahmung

Beeinflusst wird dieser Zusammenhang vom sozialen Kontext und der wahrgenommenen Konkurrenzsituation. Wie Menschen nutzen auch Tiere soziale Informationen und kopieren das Verhalten ihrer Artgenossen. Eine weit verbreitete Form dieses sozialen Lernens ist im Tierreich das Nachahmen bei der Partnerwahl. Das spart Zeit und wertvolle Ressourcen, müsste doch sonst jedes Männchen selbst herausfinden, welches Weibchen gerade empfängnisbereit ist.

Kärpflingsmännchen (Poecilia mexicana) zum Beispiel können den Empfängniszustand nur durch das "Beschnuppern" der weiblichen Genitalöffnung erkennen – eine verhältnismäßig zeitaufwändige Prozedur. Clevere Kärpflinge umgehen dieses Problem dadurch, dass sie Weibchen auswählen, die auch von anderen Paarungswilligen bevorzugt werden. "Das führt manchmal dazu, dass fast ein Dutzend Männchen entweder kurz hintereinander oder sogar zeitgleich versuchen, ein einziges Weibchen zu begatten", erklärt David Bierbach, der Leiter der Studie.

Falsche Fährten

Für jenes Männchen, dass das empfängnisbereite Weibchen als erstes entdeckt hat, verringert ein solcher Ansturm die Chance auf Fortpflanzung eklatant. Einige Kärpflingsmännchen machen sich deshalb Täuschungsmanöver zunutze. Sie locken ihre Rivalen auf eine falsche Fährte, indem sie ihre sexuelle Aktivität reduzieren oder ihre wahren Präferenzen verschleiern.

Ein solches Täuschungsmanöver birgt jedoch für Männchen die Gefahr, das präferierte Fischweibchen aus den Augen zu verlieren. Die Forscher um Bierbach fanden heraus, dass mutige Männchen stärker auf ihr soziales Umfeld reagieren als schüchterne Artgenossen: Wurden sie von anderen Männchen beobachtet, griffen sie besonders oft auf Ablenkungsmanöver zurück. "Individuelle Persönlichkeitsattribute wie Mut oder Aktivität können auch von der Sozialisierung des jeweiligen Männchens abhängen", so Bierbach. "Wir setzten die Fische deshalb im Vorfeld unterschiedlichen sozialen Bedingungen aus."

Wählerische Männchen

Männchen, die viele Konkurrenten in ihrem Umfeld gewöhnt waren, reagierten daraufhin viel stärker auf Rivalen als Männchen, die zuvor kaum Konkurrenz erlebt hatten. "Und gerade bei denen, die viel Konkurrenz gewöhnt waren, sind es die Mutigen, die verstärkt auf Täuschungsmanöver vertrauen", so der Biologe. Zudem zeigte sich, dass an Konkurrenz gewöhnte Männchen viel wählerischer sind als isoliert lebende Artgenossen. Ein möglicher Grund: Weitgehend isoliert lebende Männchen haben auch weniger Kontakte zu Weibchen und können es sich somit weniger leisten, wählerisch zu sein.

Warum aber mutige Männchen eher zu Täuschungsmanövern neigen, ist noch unklar. "Wir vermuten, dass mutigere Männchen generell von den Weibchen stärker als Paarungspartner präferiert werden – sie würden damit ihre auserwählte Fischdame nicht so leicht verlieren, wenn sie sich von ihr wegbewegen", erklärt der Forscher. (red, 20.6.2015)

  • Zwei männliche Atlantikkärpflinge (Poecilia mexicana).
    foto: igb/david bierbach

    Zwei männliche Atlantikkärpflinge (Poecilia mexicana).

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