Wieso Griechenland auf Zeit spielen kann

Kommentar der anderen17. Juni 2015, 17:04
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Die Verhandlungsposition der griechischen Regierung ist stärker, als sie scheint: Was das Land vom Troika-"Hilfspaket" erwarten kann, ist nicht unbedingt eine Besserstellung gegenüber möglichen Alternativen. Und dazu gehört auch ein Ausstieg aus dem Euro

Die Verhandlungen zwischen Griechenland und der "Troika" aus Internationalem Währungsfonds, Europäischer Zentralbank und EU-Kommission über ein neues Hilfspaket und Finanzmittel sind festgefahren wie nie zuvor. Um ein solches Programm für Griechenland attraktiv zu machen, muss es eine tatsächliche Hilfe gegenüber einem Alternativszenario darstellen.

Gerade das ist aber fraglich, wenn man berücksichtigt, welch umfangreiche Anpassungsmaßnahmen Griechenland schon in den letzten Jahren auf den Weg gebracht hat. Seit 2013 erwirtschaftet der griechische Staatshaushalt strukturelle Überschüsse und verzeichnet, wenn man von Zinszahlungen und Bankenkapitalisierungen absieht, keine Nettoneuverschuldung. Die Leistungsbilanz des Außenhandels drehte von einem Defizit von 14 Prozent des Bruttoinlandsprodukts 2007 in einen leichten Überschuss in den Jahren 2013 und 2014. Im Zuge dieser enormen makroökonomischen Anpassungen ist Griechenlands Pro-Kopf-Einkommen gegenüber 2007 um ein Viertel gesunken, mehr als jeder vierte Arbeitssuchende ist ohne Job – soziale Kosten, die Syrizas Wahlsieg maßgeblich beförderten.

Was wären die Konsequenzen für Griechenland, wenn es der Troika den berühmt-berüchtigten "Stinkefinger" zeigen und seine Schulden von etwa 175 Prozent des Bruttoinlandsprodukts nicht zurückzahlen würde? Zweifellos wäre Griechenland über Jahre vom internationalen Finanzmarkt abgeschnitten. Das heißt, es könnte keine neuen Staatsschulden machen und müsste eine positive (oder zumindest ausgeglichene) Handelsbilanz aufweisen. Auch das Troika-Programm verlangt aber für die nächsten Jahre teils erhebliche Budgetüberschüsse, sodass es den Spielraum der griechischen Regierung in dieser Hinsicht kaum erweitert. Die Leistungsbilanz befindet sich, wie erwähnt, bereits jetzt im positiven Bereich. Wieso sollte sich Griechenland also auf politisch schmerzhafte Strukturanpassungen einlassen, nur um Geld zu erhalten, das es dann dafür verwenden muss, es seinen Troika-Gläubigern zurückzuzahlen?

Grexit mit Gewinn

Ein möglicher Grund wäre, dass Griechenland sonst riskiert, aus dem Euro zu fliegen. Zugegeben, das hätte tiefschürfende politische Konsequenzen und die Wiedereinführung einer eigenen griechischen Währung wäre mit zahlreichen technischen Schwierigkeiten verbunden. Die erhebliche Abwertung, die eine eigene griechische Währung erfahren würde, sollte jedoch den Handelsüberschuss noch verstärken. Darüber hinaus haben griechische Haushalte und Unternehmen außerhalb des Finanzsektors mehr ausländische Anlagen als ausländische Schulden; die erwähnte Abwertung hätte also (in griechischer Währung) einen positiven Effekt auf griechische Bilanzen und Vermögensstände, was einen bedeutenden Unterschied zu bisherigen Krisen in Schwellenländern darstellt. Die Effekte auf den Banken- und weiteren Finanzsektor sind hingegen fraglich, diesbezüglich sitzt Griechenland allerdings mit Resteuropa im selben Boot.

Mag die Troika also noch so sehr betonen, dass der Ball nun bei Griechenland liegt: Dessen Regierung kann durchaus auf Zeit spielen, wie wir es schon von der griechischen Fußball-Nationalmannschaft gewohnt sind. Das mag kurzfristig effektiv sein und über 90 Minuten oder sogar die Gruppenphase retten. Aus gesamteuropäischer Perspektive ist es freilich nicht schön anzusehen. Aber wer sich daran stößt, muss auch bereit sein, die bestehenden Spielregeln zu reformieren. (Konstantin Wacker, 17.6.2015)

Konstantin Wacker (33) ist Juniorprofessor für Internationale Ökonomie an der Gutenberg-Universität Mainz.

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