Wo Großstädter in Wien zu Kleinbauern werden

18. Juni 2015, 05:30
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Auf dem Gelände des ersten Biobauernhofs in Wien haben sich mehrere Naturinitiativen angesiedelt. Sie alle leben schonend mit der Umwelt

Wien – Rund ein Dutzend Mädchen und Buben stehen um den kleinen Tisch herum und blicken auf die weiche Teigmasse vor ihren Augen. Kein wildes Durcheinander, keine Schreie – am auffälligsten ist, wie konzentriert die Kindergartenkinder allesamt sind. Es folgt das Kommando, und die Gruppe beginnt emsig den Germteig zu kneten. Ein paar Leimsamen und Sonnenblumenkerne dazu, dann ab damit in den Ofen. Rund eine Stunde später ist es fertig: das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erste selbstgemachte Brot der Kinder.

Es ist ein warmer Junivormittag in der Lobau, der weitläufigen Auenlandschaft im Südosten Wiens. In einem Nebengebäude des Biobauernhofes Polzer beobachtet die 33-jährige Miriam Kovacs zufrieden die knetenden Kinder. Vor genau einem Jahr hat Kovacs gemeinsam mit ihrer Kollegin Jill Kugener die Initiative "Nalela" ins Leben gerufen. Das Kürzel steht für Natur, Leben, Landwirtschaft.

Naturwerkstatt in Wien

Nalela betreibt eine Art Naturwerkstatt in der Lobau. Kovacs und ihre Kollegin versuchen, ihren Besuchern den Naturbezug über die Landwirtschaft zu vermitteln. Deshalb steht für die Kinder neben Aktivitäten wie Brotbacken, Butter zubereiten, Topfen schlagen, Radieschen pflücken auch eine Tour durch den Hof auf dem Programm. Draußen wartet ein vietnamesisches Hängebauchschwein, Hühner, Hasen, Ziegen und zwei Alpakas; das ist eine Kamelart, die ursprünglich aus den Anden in Südamerika stammt.

Neben den Tieren sollen die Kinder auch die Pflanzen im Kräutergarten kennenlernen. Kovacs selbst ist über Umwege zur Landwirtschaft gekommen. Die studierte Dolmetscherin hat lange auf dem Kinderbauernhof auf dem Wiener Cobenzl gearbeitet, wo ihr die Idee kam, es mit der Selbstständigkeit zu versuchen.

Aber wozu das Ganze? Naturschutz spielt zum Beispiel in den Unterrichtsplänen der Schulen eine große Rolle. "Doch Umweltbewusstsein kann man nicht durch reine Theorie in den Klassenzimmern vermitteln", sagt Kovacs. Die Kinder müssen die Natur "angreifen und spüren. Denn man schützt das, was einem etwas wert ist". So überlege man sich vielleicht das nächste Mal doppelt, ob man seinen Mist wirklich einfach irgendwo liegen lassen will, sagt Kovacs.

Historischer Grund

Angesiedelt hat sich Nalela auf einem historischen Grund: 1972 gründete der Gärtner Alfred Polzer, angeblich nach einem Unfall mit Spritzmitteln, in der Lobau den ersten Biobauernhof Wiens. Polzer belieferte mit seinen Tomaten und Käseprodukten den Handel. Mit der zunehmenden Nachfrage nach Bioprodukten setzten sich aber mehr und mehr die Großanbieter durch, Polzer wurde aus dem Markt gedrängt.

Nach seinem Tod 2009 verfiel der Hof zusehends. Doch zuletzt siedelten sich mehrere Initiativen auf dem Hof an: neben Nalela, die Lobauerinnen, die Operation Grüner Daumen oder Solila.

Das Spektrum der Aktivitäten dieser Gruppen ist breit. Die Lobauerinnen pflanzen auf einem Feld Biogemüse an. Solila (Solidarisch Landwirtschaften) ist ein linkes Kollektiv, dass sich laut Homepage der Frage annimmt, was "wir eigentlich nach der Revolution essen wollen?". Auch eine Aufzucht von "veganen" Fischen gibt es am Polzer-Hof.

Aber funktioniert die Naturvermittlung? Die Kindergartenpädagogin Stephanie Zöttl, die immer wieder mit Gruppen kommt, findet vor allem bemerkenswert, wie frei sich die Kinder am Hof fühlen. "Ich erlebe die Kinder nirgends so frei wie hier", sagt sie. Die Besuche dürften auch selbstsicherer machen. "Wenn man das erste Mal kommt, interessieren sich die Kinder oft nicht so recht für die Tiere oder trauen sich nicht hin. Das zweite Mal ist das schon ganz anders." (András Szigetvari, 18.6.2015)

  • Abwechslung vom Kindergartenalltag: Im Seminarraum von Nalela in der Wiener Lobau wird Brot gebacken. Umweltbewusstsein lässt sich nicht allein durch Theorie lernen, sagen die Gründerinnen von Nalela.
    foto: andy urban

    Abwechslung vom Kindergartenalltag: Im Seminarraum von Nalela in der Wiener Lobau wird Brot gebacken. Umweltbewusstsein lässt sich nicht allein durch Theorie lernen, sagen die Gründerinnen von Nalela.

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