60 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht

18. Juni 2015, 07:00
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Niemals zuvor registrierten die Vereinten Nationen mehr Flüchtlinge. UN-Hochkommissar António Guterres sieht keine Entspannung der Lage

Es sind bedrückende Zahlen, es sind erschreckende Zahlen: Weltweit waren Ende des Jahres 2014 rund 59,5 Millionen Menschen auf der Flucht. Niemals zuvor haben die Vereinten Nationen derart viele vertriebene Menschen registriert.

"Wir leben in einer Welt im Krieg", sagte der Uno-Hochkommissar für Flüchtlinge, António Guterres. Der Hochkommissar präsentierte den Jahresüberblick seines Hilfswerks UNHCR. Anlass der Veröffentlichung: der heutige Weltflüchtlingstag.

Trauriger Rekord

Und diese "Welt im Krieg" zwingt immer mehr Menschen, ihre Häuser, ihre Dörfer, ihre Städte, ihre Länder zu verlassen. Allein 2014 wurden fast 14 Millionen Menschen neu vertrieben. Damit geht 2014 als das Jahr mit dem höchsten jemals verzeichneten Anstieg an Geflohenen in die Geschichte ein.

Und Hochkommissar Guterres machte keine Hoffnung auf eine Entspannung der Flüchtlingskrise: "Wir müssen befürchten, dass die Nachrichten Ende 2015 nicht besser werden." Die vielen Kriege und Konflikte, die Gewalt und die Unterdrückung, ob in Syrien, in der Ukraine oder im Südsudan, würden in diesem Jahr weitere Menschen in die Flucht treiben.

Wenige konnten zurückkehren

Seit 2005 meldet das UNHCR fast jedes Jahr einen neuen Höchststand an Flüchtlingen: Vor zehn Jahren betrug die Zahl noch 37,5 Millionen Menschen. Gleichzeitig müssen die Geflohenen immer länger unter oft erbärmlichen Bedingungen in der Fremde ausharren. Im vergangenen Jahr konnten nur 127.000 geflüchtete Menschen in ihre Heimatländer zurückkehren. Das ist die niedrigste Zahl seit drei Jahrzehnten.

Ende 2014 registrierte das UNHCR 19,5 Millionen Flüchtlinge im engeren Sinn, die Hälfte davon waren Kinder. Es sind Menschen, die aus ihrem Heimatland in ein anderes Land flüchteten. Innerhalb ihrer eigenen Länder flohen Ende 2014 mehr als 38 Millionen Männer, Frauen und Kinder. Sie gehen als "Flüchtlinge im eigenen Land" in die Statistik der Vertreibung ein. Zudem beziffert das Hilfswerk die Zahl der Asylbewerber auf 1,8 Millionen.

Der Uno-Hochkommissar prangerte auch die Schuldigen an der Misere an: auf der einen Seite die Politiker und Warlords, die die Kriege anzetteln – und in der Regel straffrei ausgehen. Auf der anderen Seite gebe die internationale Gemeinschaft eine jämmerliche Figur ab: Sie sei völlig unfähig "zusammenzuarbeiten, um die Krieg zu stoppen und Frieden zu schaffen und zu bewahren".

Flucht aus Syrien

Ein bitteres Beispiel ist Syrien. Seit mehr als vier Jahren tobt der Bürgerkrieg, ohne dass der Uno-Sicherheitsrat oder sonstige internationale Institutionen und Vermittler den Konflikt beenden konnten – oder wollten.

Inzwischen besetzt Syrien zwei traurige Spitzenplätze: Es ist das Land, aus dem Ende 2014 die meisten Flüchtlinge stammten: rund 3,9 Millionen Menschen. Die überwiegende Mehrzahl von ihnen fand in Nachbarländern Zuflucht. Syrien war Ende 2014 auch dasjenige Land, in dem die meisten Binnenflüchtlinge Schutz suchten: Es waren 7,6 Millionen Männer, Frauen und Kinder.

Größtes Aufnahmeland

Als größte Herkunftsländer von Flüchtlingen folgten Ende 2014 auf Syrien Afghanistan mit 2,6 Millionen geflohenen Menschen und Somalia mit 1,1 Millionen Männern, Frauen und Kindern, die sich ins Ausland durchschlugen.

Die Türkei beherbergte Ende 2014 fast 1,6 Millionen Flüchtlinge und war damit das Land mit der größten Flüchtlingsbevölkerung. Dahinter folgten Pakistan mit 1,5 Millionen Geflohenen und der Libanon, wo fast 1,2 Millionen Flüchtlinge eine Bleibe fanden.

Um allen diesen Menschen zu helfen, verlangte Hochkommissar Guterres von den Uno-Mitgliedsländern mehr finanzielle Hilfe. Das Flüchtlingskommissariat UNHCR und andere humanitäre Organisationen kämpften mit knappen Mitteln – die Zahl der Flüchtlinge in Not steige zu schnell. Guterres sagte: "Wir sind nicht mehr in der Lage, die Aufgabe zu bewältigen."

Bereits Anfang Mai hatte das "Überwachungszentrum für intern Vertriebene", das zum Norwegian Refugee Council gehört, einen traurigen Rekord an intern Vertriebenen registriert: Elf Millionen Menschen wurden im Vorjahr neu innerhalb ihrer Landesgrenzen vertrieben. Das bedeutet, dass alle drei Sekunden ein Mensch zur Flucht gezwungen wird. (Jan Herbermann aus Genf, 18.6.2015)

  • Syrische Flüchtlinge drängen in die Türkei, nachdem sie einen Grenzzaun aufgebrochen haben. Aus Syrien stammten 2014 die meisten Flüchtlinge, die Türkei beherbergte die größte Zahl Vertriebener.
    foto: ap photo/lefteris pitarakis

    Syrische Flüchtlinge drängen in die Türkei, nachdem sie einen Grenzzaun aufgebrochen haben. Aus Syrien stammten 2014 die meisten Flüchtlinge, die Türkei beherbergte die größte Zahl Vertriebener.

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