Ecsite-Konferenz: Auf dem Jahrmarkt der Didaktiker

17. Juni 2015, 17:44
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Bei der Jahreskonferenz der Science-Centers im italienischen Trient wurde über Konzepte zur besseren Wissensvermittlung diskutiert

Im Hintergrund fragt eine blecherne Stimme: "Are you talking to me?" Nein, hier schaut sich niemand Martin Scorseses Klassiker Taxi Driver an, hier steht ein Roboter, der via Touchscreen gerade das Kommando erhält, Filmszenen nachzusprechen. Man kann ihn auch zum Lachen und zum Weinen bringen, Sätze eintippen, die er dann brav nachspricht, und ihn bitten, im eigenen Gesicht Emotionen abzulesen. "You are happy!"

Die plaudernde Maschine heißt RoboThespian und ist das aktuelle Schmuckstück des britischen Unternehmens Engineered Arts Limited. 2004 gegründet, um interaktive Installationen für Museen und Science-Center zu entwickeln, ist man hier im Business-Park der Konferenz Ecsite in Trient neben rund 50 anderen Mitbewerbern damit beschäftigt, Ideen für die moderne Wissenschaftsvermittlung feilzubieten. Für 80.000 Euro kann man den Roboter haben, sagt die Mitarbeiterin von Engineered Arts Ltd.

Das Berliner Unternehmen Archimedes an einem Messestand ein paar Meter weiter arbeitet in ähnlich großem Stil: Hier wurde zum Beispiel der Science-Tunnel für die Max-Planck-Gesellschaft auf nicht weniger als 1000 m2 gestaltet – mit all den Themen, die heutzutage interessant sein könnten, von alternativen Energien bis zur älter werdenden Gesellschaft – mit Hightech-Ausstellungsführern, die nicht einfach nur digital sind, sondern Augmented Reality anbieten, eine Erweiterung der Realität durch eingeblendete Informationen. Aber es reicht nicht, sein Angebot mit schicken Technologien zu schmücken, um am Jahrmarkt der Wissenschaftsdidaktik bestehen zu können.

Während der Ecsite, der "European Conference for Science Engagement", die vergangene Woche stattgefunden und die im Tourismus florierende Kleinstadt Trient in Südtirol zu einer gut besuchten Konferenzstadt gemacht hat, wurde auch über Konzepte der Wissenschaftsvermittlung in Museen und Science-Centern gesprochen. Manchmal hörte man Plattitüden wie "Besucher dort abholen, wo sie sich befinden", meistens stellte man sich aber weitaus tiefergehende Fragen: Spricht man in den Science-Centern mit den Kindern überhaupt noch das richtige Zielpublikum an? Welchen Lerneffekt haben all die Zentren?

Muse, das imposante, vom Stararchitekten Renzo Piano erbaute Museum für Wissenschaft in Trient, und die nahegelegene Messehalle waren für drei Tage die Veranstaltungsräume. Hier sprach man zum Beispiel über "Science Capital". Nach dem Vorbild des Begriffs "Soziales Kapital" von Pierre Bordieu wurde über intellektuelle Ressourcen diskutiert, die das Interesse an Wissenschaft erst möglich machen.

Sie seien vor allem bei den Eltern neugieriger Kinder zu finden, meinte Barbara Streicher, Geschäftsführerin des österreichischen Vereins Science-Center-Netzwerk, das unter anderem vom Wissenschafts-, Verkehrs- und vom Bildungsministerium sowie von der Stadt Wien und vom Land Steiermark gefördert wird.

Gerade innerhalb von Familien müsse man in Zukunft verstärkt ansetzen. Streicher: "Wenn Kinder sich für Science interessieren, aber daheim auf Blockaden stoßen, dann werden sie ihre Faszination schnell verlieren."

Wer von der Wirkung der Science-Center noch nicht überzeugt war, konnte sich vielleicht Präsentation von einigen Studien überzeugen lassen: Demnach haben Besuche in interaktiven Wissenschaftsausstellungen deutlich positive Einflüsse auf den Lernerfolg. Sowohl Kinder als auch Erwachsene erhöhten ihre kognitiven Fähigkeiten im Zusammenhang mit den gezeigten Inhalten und erinnerten sich auch nach längere Zeit noch an Details.

Eine Studie bewies auch eine nachhaltige Wirkung auf den Bildungsstand einer gesamten Region – wie das aufgrund des California Science Center in Los Angeles der Fall war. Soll also der naturwissenschaftliche Unterricht über Besuche in interaktiven Ausstellungen abgehandelt werden? Die Antwort: "Wir reden hier von einer idealen Ergänzung. Den gesamten Unterrichtsstoff kann kein Center abbilden."

Die nächste Ecsite-Konferenz findet 2016 übrigens in Graz statt – Gastgeber werden das Universalmuseum Joanneum, das Kindermuseum Frida und Fred und das Science-Center-Netzwerk sein. Dabei wird es auch wieder darum gehen, wie man Besucher neugierig macht, mit Wissen nicht überfordert und trotz notwendiger Verkürzung und Selektion keine falschen Informationen vermittelt. Experten müssten bei jeder Ausstellungsplanung integriert sein, sagte Gérard Cobut vom Naturwissenschaftlichen Museum Brüssel.

Man müsse nur mit ihren Einwänden umzugehen wissen: In einer Ausstellung hätten bestimmte Menschenaffen einmal als Waldbewohner bezeichnet werden sollen. Die Experten meinten, das sei so ausschließlich nicht richtig. Daher formulierte man die Feststellung kurzerhand in eine Frage um. Wohnen diese Menschenaffen in Wäldern? Alle Beteiligten waren zufrieden. Was mit Sicherheit nicht immer so einfach vonstattengeht. (Peter Illetschko, 17.6.2015)

Diese Reise erfolgte auf Einladung von Ecsite.

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  • Neben den Bergen steht in Trient das große Science-Museum von Renzo Piano. Hier wurde über Wissensvermittlung debattiert.
    foto: ecsite / muse

    Neben den Bergen steht in Trient das große Science-Museum von Renzo Piano. Hier wurde über Wissensvermittlung debattiert.

  • derstandard.at

    "Welcome to derStandard.at": Der Roboter begrüsst auf der Ecsite-.Konferenz die Leser und Leserinnen von derStandard.at. Zur Seite hätte er sich dabei nicht drehen müssen, aber für den Anfang ist das schon ok.

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