Schatz, wir gehen unter, aber nimm es mit Humor

17. Juni 2015, 16:49
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Die Wiener Schule für Dichtung präsentiert das Poesie-und-Komik-Festival "Quo vadis Bodypainting?"

Wien – Sicher hat die Wiener Schule für Dichtung schon bessere Zeiten gesehen, vor allem finanziell. Da war früher mit Gastdozenten wie Allen Ginsberg, Blixa Bargeld, Falco oder Nick Cave entschieden mehr los in der Bude. Allerdings geht es uns bezüglich besserer Zeiten allen so. Poesie und Dichtung allerdings, die nicht als verkaufsfördernde Begleitmaßnahme für Werbesujets dienen muss – und sehr oft von Leuten erdacht wird, die nicht hart genug drauf sind, um von ihren Gedichtbänden nur zehn Stück zu verkaufen -, war immer auch ein Instrument der Verweigerung.

Verweigerung und Absage sind ein in Zeiten des neoliberalen Pragmatismus oder Zynismus leider viel zu selten gebrauchtes Instrument der Destabilisierung eines Systems, in dem wir alle demnächst einfahren werden. Die ganze Sache muss allerdings nicht bierernst genommen werden. Weinselig und mit Lachtränen in den Augen geht auch.

Das Motto des am Freitag startenden und von Direktor Fritz Ostermayer kuratierten Schule-für-Dichtung-Festivals Quo vadis Bodypainting? stammt von Friedrich Nietzsche: "Wir müssen die Dinge lustiger nehmen, als sie es verdienen, zumal wir sie lange Zeit ernster genommen haben, als sie es verdienen." Schatz, wir gehen unter, aber nimm' es mit Humor.

Ostermayer begibt sich in der Programmgestaltung auf die Suche nach den Zusammenhängen von Poesie und Komik und schaut dabei über den Bücherrand hinaus auch in die Bereiche des Films, der Performance, der Videokunst.

Neben einer Lecture sowie einer Filmschau des deutschen Trash-Großmeisters Wenzel Storch im Top-Kino soll es im Sinne eines heute obligatorischen "erweiterten" Poesiebegriffs auch um eines gehen: Zusätzlich zu Literatur, die einen sofort losprusten lässt, wird auch jener Humor vorgestellt, der erst entsteht, wenn man sich besonders ernsthaft gibt.

Deutscher absurder Humor

Ein sträflich unbekanntes Paradebeispiel in der Schule des großen deutschen absurden Autors Ingomar von Kieseritzky (Das Buch der Desaster) ist dabei der junge Salzburger Lyriker Johannes Witek, der am Freitag im Literaturhaus lesen wird. 2013 veröffentlichte Witek beinahe unter Ausschluss der Öffentlichkeit seinen Debütroman Voltaires Arschbacken. In diesem wird nicht nur unglaublich viel gesoffen, geprügelt und herumgesaut. Der Versuch eines Journalisten, einen zurückgezogen lebenden Dichterfürsten in der österreichischen Provinz aufzuspüren, der sich schließlich als völlig humorlos, größenwahnsinnig und im hasserfüllten Streit mit seinem Nachbarn, einem berühmten Bildhauer, befindet, zählt zum Wahnwitzigsten und Lustigsten, das die Literatur der vergangenen Jahre zu bieten hat.

Komplett neben der Spur wird auch ein Auftritt des Hamburger Fremdschäm-Performers Jacques Palminger verlaufen. Der Musiker war lange Jahre gemeinsam mit Rocko Schamoni und Heinz Strunk Mitglied der Telefonterroristen Studio Braun. Dazu gesellen sich die scheinbare naive Videoblogpoesie der Berliner Künstlerin Supatopcheckerbunny, der Wiener Sounddesigner Mario Wienerroither, der auf Youtube mit seinen musiklosen Bearbeitungen von Musikvideo-Clips für Furore sorgt – oder Ondrej Cikán und Anatol Vitouch. Das Duo führt klassische Sagen mit den Mitteln des Trash hin zu Schmutz und Schund. (Christian Schachinger, 17.6.2015)

"Quo vadis Bodypainting", 19. bis 22. Juni, Literaturhaus Wien und Top-Kino, ab 17.30 Uhr.

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Wiener Schule für Dichtung

  • Fremdschäm-Performer Jacques Palminger stellt sich kommenden Freitag in Wien der Frage: "Quo vadis Bodypainting?"
    foto: sfd

    Fremdschäm-Performer Jacques Palminger stellt sich kommenden Freitag in Wien der Frage: "Quo vadis Bodypainting?"

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