Vielsprachigkeit, Überlegenheitsdenken und Schrift als Politikum

26. Juni 2015, 05:30
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Die Sprachenpolitik in Bosnien-Herzegowina in der österreichisch-ungarischen Epoche

Neznam. Zu Deutsch: Ich weiß nicht! Gestern früh wurde in das Magazin des Peter Krisch, Ferhadijagasse, ein frecher Einbruch verübt. Zur Entdeckung des Täters führte ein Zufall. Maria Matejčić sah gegen 7 Uhr Früh den beschäftigungslosen Vaganten Akif Kadrović mit einem umfangreichen Pack aus dem Haustore kommen. Als dann die Tat entdeckt worden war, lenkte sich der Verdacht sofort auf den Burschen, worauf seine Festnahme erfolgte. Auf jede Frage der recherchierenden Polizeiorgane – neznam! Als man ihm seine Agnoszierung durch die Matejčić vorhielt – neznam! Als man einen Bund Dietriche aus seiner Hose zog und sie ihm vor die Nase hielt – neznam! Es werden ihm noch einige Fälle zur Last gelegt. Die Untersuchung wird wohl auch auf die Spur des Hehlers führen, der die Spezereien, Parfums et cetera im Werte von 200 Kronen versilbern half.

Der Journalist wollte offensichtlich Authentizität erzeugen, in dem er in den deutschen Text ein bosnisches Wort ("neznam") einstreute. Vor hundert Jahren gab es eine Reihe polyglotter Leute in Bosnien-Herzegowina, die die Fähigkeit hatten, mehrere Sprachen zu sprechen wie der Sprachwissenschafter Nedad Memić erklärt. Im Sarajevoer Tagblatt, das sich in deutscher Sprache an die kuferaši, also die k. und k. Beamten richtete, war etwa von einem "teferič", also einem Gelage eines Radfahrerklubs die Rede. An anderer Stelle bittet ein Kavedžija (Caféhausbesitzer) namens Hasan Šerbo um eine Zinsermässigung. Die Übernahme von serbokroatischen Wörtern war ein Kennzeichen des "Kulturkontakts mit der einheimischen Bevölkerung", so Memić. Und man nahm sowieso an, dass die Leserschaft beide Sprachen verstand. Auch die Österreicher.

Türkisch, Persisch, Arabisch, Ladino

In Bosnien-Herzegowina wurden aber auch bereits in osmanischer Zeit jeweils abhängig vom Kontext verschiedene Sprachen gebraucht. So verwendeten die Muslime neben der Volkssprache auch Türkisch, Persisch und Arabisch. Juden redeten zu Hause Ladino (eine Art Spanisch), mit den Nachbarn die Volkssprache (heute sagt man Bosnisch-Kroatisch-Serbisch) und im religiösen Kontext Hebräisch.

Nach der Besatzung 1878 durch Österreich-Ungarn nahm der Einfluss des Deutschen zu. Es gab zwar keine fixe Regelung für die Amtssprachen, aber es bürgerte sich die Praxis ein, dass für den "inneren Verkehr" Deutsch verwendet wurde. Gegenüber den Ämtern konnten Bürger Anfragen auf Deutsch, in der Volkssprache, auf Ungarisch, aber auch auf Türkisch stellen, erklärt Memić. Auf Bezirksebene wurde vorwiegend in serbokroatischer Sprache kommuniziert, auf höherer Ebene auf Deutsch. Wer bei Gericht arbeiten wolle, musste Deutsch können.

Kyrillisch und Lateinisch

Die Nationalitäten- und Sprachenfrage spielte auch im okkupierten Bosnien-Herzegowina eine Rolle. Die Muslime regten sich etwa darüber auf, dass sie von Ämtern als "serbokroatischsprachig" angeführt wurden. Der neutrale Begriff "Landessprache" war allerdings für die österreichisch-ungarische Administration relativ unbrauchbar, weil man etwa in Galizien nicht mehr wissen konnte, um welche Sprache es sich da eigentlich handelte.

Eine der umstrittensten Fragen in der Okkupationszeit war jene, wann und wo kyrillisch neben der lateinischen Schrift verwendet werden sollte. Memić analysiert die oft nur "zwecksgebundene Schriftenverwendung" des Kyrillischen am Beispiel des Bosnischen Boten beginnend mit dem Jahr 1910. Am Cover schrieb man noch auf Deutsch und auf Serbokroatisch in lateinischer und kyrillischer Schrift. Drinnen im Blatt schaute es bereits ganz anders aus. Da wurde zu 95 Prozent Deutsch verwendet, die Landessprache nur bei großen Überschriften und dann vorwiegend nur in lateinischer Schrift. Kyrillisch wurde nur bei religiösen Angelegenheiten von Serbisch-Orthodoxen geschrieben. Erst 1913 gab es dann ein Gesetz zur Unterrichtssprache, das besagte, dass die lateinische und die kyrillische Schrift gleich zu behandeln seien. Doch damit war bald ein Ende. Während des Kriegs wurde im Rahmen der antiserbischen Propaganda das Kyrillische sogar verboten.

Arroganz der kuferaši

Nicht nur die Sprache, sondern auch die Schrift waren demnach Politikum. Im okkupierten Bosnien-Herzegowina spielte etwa die Germanisierung eine Rolle. So dominierte etwa das Deutsche auf Postkarten. Die Wiener Historikerin Tamara Scheer spricht von einem "Überlegenheitsdenken" aller kuferaši. "Man dürfte sich weit mehr als in anderen Garnisonen als große Herren, als überlegene (deutschsprechende) gesellschaftliche Gruppen, in der Öffentlichkeit präsentiert haben", so Scheer. Garnisonen wie Sarajevo und Mostar galten zudem als günstig und die schlecht bezahlten Offiziere konnten sich hier mehr leisten als etwa in Graz, Triest, Budapest oder Prag.

So schrieb etwa der k.u.k. Offizier Joseph Stürkgh, der Bruder des späteren österreichischen Ministerpräsidenten, der in den frühen 1880er Jahren in Mostar stationiert war: "In Bezug auf Komfort, allgemeine Lebensbedingungen und gesellschaftliche Zerstreuungen bot Mostar damals schon ungefähr dasselbe, wie eine kleine, vom Zentrum entfernte Inlandsgarnison. Das Leben war billig, halbwegs gute Wohnungen fand man unschwer, und verheiratete Offiziere und Beamte lebten dort mindestens ebenso leicht, ja vielfach leichter und zweifellos angenehmer, als in vielen Inlandsorten. Denn meiner Meinung musste man zu den größten hier bestehenden Annehmlichkeiten die rechnen, dass es hier keine nationalpolitischen, das soziale Leben zersetzende Fragen gab, und dass der Offizier und seine Familie unbestritten den ersten gesellschaftlichen Rang einnahmen."

Kultur- und Zivilisationsmission

Österreich-Ungarn hatte sich selbst in Bosnien-Herzegowina, in einem durchaus kolonialistischen Sinn den Auftrag gegeben, eine "Kulturmission" durchzuführen und dementsprechend verhielt man sich. Aber nicht alle Bosnier fanden das offensichtlich so toll. "Jene, die wir zur Kultur und Ordnung führen sollten, hatten für uns häufig nur das Gefühl des Hasses und der Verachtung und nannten uns missachtend Švabas", schrieb Stürkgh.

Von den Bosniern selbst wurden auch Ungarn oder Tschechen wegen ihrer deutschen Dienstsprache als Švabas ("Schwaben") wahrgenommen und auch so bezeichnet. Auch heute wird in Südosteuropa der Begriff für Deutschsprechende verwendet. Es handelt sich aber nicht nur um die Zuschreibung von Sprache, sondern auch von bestimmten Werten. Wenn man etwa sagt: "Bei Dir muss es wie bei einem Švaba sein!", dann meint man, dass es pingelig zugeht. Den "Švabas" wird übertriebene Ordnungsliebe zugeschrieben. Der Begriff gilt als pejorativ und wird deshalb in Gegenwart von "Švabas" nicht verwendet, außer man will sie beleidigen. Interessant auch: Aus bosnischer Sicht wird zwischen Deutschen und Österreichern nicht unterschieden, beides sind demnach "Švabas".

Identität als Österreicher

Im Oktober 2013 fand in Sarajevo eine Tagung zum Thema "Die Deutschen in Kroatien und Bosnien und Herzegowina" statt, bei der sowohl über Siedler aus Deutschland im 19. Jahrhundert, als auch über deutschsprachige Österreicher (k. und k. Beamte) während der Monarchie und über die Deutschen, respektive Nazis während der Zeit des Nationalsozialismus in Kroatien und Bosnien-Herzegowina debattiert wurde. Erstaunlich war, dass nicht von "Deutschsprachigen" die Rede war, sondern von "Deutschen". Das wirft die Frage auf, wie sich (deutschsprachige) Österreicher während der Zeit der Monarchie etwa in Bosnien-Herzegowina tatsächlich selbst verstanden haben. Scheer meint, dass die Offiziere wohl meist "schwarz-gelb", also kaisertreu dachten und nicht deutschnational, die Zivilisten seien eher nationaler gewesen, aber bei allen Nationalitäten. Zu dieser auch für den heutigen österreichischen Identitätsdiskurs spannenden Frage gibt es allerdings wenig Forschung. Hier zumindest ein Zitat:

"Gleich am ersten Tage, als er seinem Kompaniekommandanten die vorgeschriebene Meldung über seine Einrückung zum Regimente erstattete, da hatte ihn sein damaliger Hauptmann ernst und streng angesehen und ihn, ohne ihm die Hand zu reichen, nach einigen kurzen Worten gefragt: "Was sind sie für ein Landsmann?" "Deutscher" hatte er geantwortet. Er wollte nicht seine Nationalität betonen, die ihn als Offizier und Offizierskind nur soweit interessierte, als sie seine Muttersprache betraf, er wollte nur sagen, dass er ein Deutscher sei, da es in der Armee viele Offiziere gab, die Slawen waren, trotzdem sie deutsche Namen trugen und umgekehrt.

Alles, nur kein Deutscher

Da hatte in sein Hauptmann barsch angefahren: "Ich möchte Ihnen nur etwas sagen, dass Sie nicht an anderer Stelle Anstoß erregen! Sie können Ungar, Tscheche, Pole sein, was Sie wollen. Nur Deutscher nicht, das sind die Leute dort drüben in Preußen. Wenn Sie deutscher Muttersprache sind, so sagen Sie: "Ich bin ein Österreicher". Verstanden?" Dies ist ein Auszug aus "Quo Vadis, Austria?", einem "Roman der Resignation" von Gustav Sieber, einem Österreichischen Offizier der in Berlin 1913 erschien.

Tatsächlich waren die Offiziere im Okkupationsgebiet Bosnien-Herzegowina eine Mischung aus sämtlichen Ethnien Österreich-Ungarns. "Es gab einen leichten Überhang an Deutschen", erklärt Scheer. Die Unklarheit entstand auch dadurch, dass die Offziere als Umgangssprache, meist das Deutsche nannten.

Serbokroatisch sprechende Österreicher

Sieht man sich insgesamt die Daten der Volkszählung 1910 an, so lebten damals 1,9 Millionen Menschen in Bosnien-Herzegowina. Die k. Und k. Beamten erhoben auch genau die Muttersprache und Staatszugehörigkeit, was ein buntes Bild ergibt. Von den 1,8 Millionen serbokroatisch Sprechenden waren immerhin 10.692 Österreicher und 45.013 Ungarn. Das ist damit zu erklären, dass Kroatien in der Doppelmonarchie zu Ungarn gehörte und viele Kroaten aus Kroatien mit ungarischer Staatsbürgerschaft nach Bosnien-Herzegowina kamen. Deutsch als Muttersprache gaben 22.968 Personen an, von diesen Deutschsprachigen waren 10.417 Österreicher und 8.405 Ungarn. Die nächst größte Gruppe waren die Polnischsprachigen (10.975), gefolgt von den Spanischsprechenden (7.886) – was wohl vor allem die sephardischen Juden betraf -, den Ruthenischsprachigen (7.431), den Tschechischsprachigen (7.045), den Ungarischsprachigen (6.443) und den Romanes-Sprachigen (5.419).

14 Sprachen der Österreicher

Insgesamt wurden zwanzig verschiedene Sprachen in Bosnien-Herzegowina gesprochen. Offensichtlich ist, dass die Muttersprache nicht unbedingt ausschlaggebend für die Nationalität war. Die Österreicher und die Ungarn waren ohnehin vielsprachig. Von den 46.859 Personen mit dieser Staatsangehörigkeit, gab es in Bosnien-Herzegowina mehr Personen die Serbokroatisch (10.692), als jene die Deutsch als ihre Muttersprache angaben (10.417). Die Österreicher im Okkupationsgebiet sprachen damals insgesamt 14 verschiedene Sprachen, darunter natürlich auch Slowenisch und Slowakisch. Und viele waren eben polyglott, wie auch in Migrantenkreisen heute, nur damals ging das noch in den Journalismus ein, wie etwa in die Gerichtsberichterstattung.

"Als nämlich dem Risto Vuletić die Aussage des Ostoja Kreštalica vorgehalten wurde, sprang Vuletić auf und sagte, "man hat mir diese Fusspuren von denen, der Zeuge spricht, nicht gezeigt, warum hat man mir dies nicht vorgehalten, "ja bi se onda stidio, a sada ne se stidim, pa makar obješen bio (ich würde mich damals geschämt haben, aber jetzt schäme ich mich nicht und wenn ich an den Galgen komme). Hiebei machte Vuletić die bezeichnende Gebärde des Aufhängens!" (Adelheid Wölfl, 25.6.2015)

  • Im Sarajevoer Tagblatt, das sich in deutscher Sprache an die kuferaši, also die k. und k. Beamten richtete, waren die Texte zuweilen mehrsprachig.

    Im Sarajevoer Tagblatt, das sich in deutscher Sprache an die kuferaši, also die k. und k. Beamten richtete, waren die Texte zuweilen mehrsprachig.

  • Anzeige in zwei Sprachen und zwei Schriften.

    Anzeige in zwei Sprachen und zwei Schriften.

  • Kavedžija, der Caféhausbesitzer, darf seine Berufsbezeichnung in der Landessprache behalten.

    Kavedžija, der Caféhausbesitzer, darf seine Berufsbezeichnung in der Landessprache behalten.

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