Doppelspitze für ORF wieder im Gespräch

17. Juni 2015, 14:37
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Im Stiftungsrat zeichnet sich ein Patt zwischen SPÖ- und ÖVP-nahen Vertretern ab – Boulevard bringt wieder Zeiler ins Spiel

Wien – Nach den jüngsten Landtagswahlergebnissen und den Turbulenzen in der SPÖ dürfte die ÖVP in Sachen ORF-Führung nun wieder Druck in Richtung einer Doppelspitze für den öffentlich-rechtlichen Sender machen. Im Sommer 2016 wird im ORF ein neues Direktorium gewählt. Im 35-köpfigen ORF-Stiftungsrat, der die ORF-Spitze bestellt, zeichnet sich nach dem Umsturz in der Steiermark ein 14-14-Patt zwischen SPÖ-nahen und ÖVP-nahen Vertretern ab. Bisher hatte in dem Aufsichtsgremium die SPÖ eine relative Mehrheit.

Die anstehende Kräfteverschiebung soll die ÖVP nun zum Anlass genommen haben, statt des von der SPÖ unterstützten Alleingeschäftsführers Alexander Wrabetz eine Doppelspitze zu fordern, berichten verschiedene ORF-Quellen. Als ÖVP-Wunschkandidat dafür gilt ORF-Finanzdirektor Richard Grasl.

Boulevard favorisiert Zeiler

Zurück im Spiel ist offenbar auch der frühere ORF-Generalintendant und nunmehrige Turner-Manager Gerhard Zeiler. Sowohl die "Kronen Zeitung" als auch "Österreich" berichteten am Wochenende, dass Bundeskanzler und SPÖ-Chef Werner Faymann Zeiler der ÖVP als künftigen ORF-Chef vorschlagen möchte. 2011 hatte die SPÖ-Spitze um Faymann Zeilers ORF-Ambitionen noch gestoppt. "Krone"-Innenpolitikchef Claus Pándi, der als Faymanns Stimme auf dem Boulevard gilt, schrieb nun, dass Zeiler "in der Umgebung des Bundeskanzlers als 'idealer Nachfolger' von ORF-Chef Alexander Wrabetz gilt".

Möglicher Hintergrund des kolportierten Sinneswandels: Zeiler gilt manchen in der SPÖ auch als Alternative zu Faymann selbst. Zeilers Kanzler-"Tauglichkeit" wurde 2011 auch als Grund dafür gehandelt, dass Faymann Zeilers mögliche ORF-Kandidatur bekämpfte. Zeiler damals: "Dächte er so, müsste er ja froh sein, wenn ich im ORF festgenagelt wäre." Sollten sich SPÖ und ÖVP nicht auf eine ORF-Führung einigen können, dann könnte es 2016 wie schon 2006 wieder eine Regenbogen-Koalition mit der Unterstützung von Unabhängigen und Oppositions-Stiftungsräten geben.

Wrabetz und die Privatwirtschaft

Wrabetz hatte zuletzt im "Handelsblatt" mit einem Wechsel in die Privatwirtschaft kokettiert. "Eine durchweg positive Bilanz, wie ich sie für mich in Anspruch nehme, bedeutet nicht, nie mehr etwas anderes zu machen", sagte er. Und: "BBC-Chef Mark Thompson ist etwa zur 'New York Times' gegangen. Ich schließe für mich nicht aus, zum Beispiel in den privaten Mediensektor zu gehen."

Im März sagte Zeiler zu "TV-Media" auf die Frage, ob es in Österreich noch ein mediales Projekt gibt, das ihn reizen würde: "Man soll nie Nie sagen, aber ich sehe im Moment keines, das mich reizt."

Organisationsstruktur des ORF

Für die neue ORF-Organisationsstruktur, die Wrabetz im März präsentiert hatte, könnte es in diesem Fall eng werden. Die Oppositionsparteien lehnen diese Struktur mit einem Informations- und Kreativdirektor über alle ORF-Medien hinweg wegen ihres Proporzcharakters ab. Auch die Stimmen der unabhängigen Betriebsräte im ORF-Stiftungsrat dürften mit der vorgesehenen Abschaffung der Radiodirektion, die auch das Ende des Radiobetriebsrats in der bisherigen Form nach sich ziehen würde, nur schwer zu bekommen sein. (APA, red, 17.6.2015)

  • Generaldirektor Alexander Wrabetz und Finanzdirektor Richard Grasl - hier zu sehen nach der Direktorenwahl am 15. September 2011.
    foto: apa/jäger

    Generaldirektor Alexander Wrabetz und Finanzdirektor Richard Grasl - hier zu sehen nach der Direktorenwahl am 15. September 2011.

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