WHO: Mers-Ausbruch in Südkorea ist "Weckruf"

17. Juni 2015, 13:15
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Die Weltgesundheitsorganisation ruft keinen Gesundheitsnotstand aus. - Die Ursachen für die Ausbreitung von Mers in Südkorea liegen wahrscheinlich im Spitalswesen

Seoul/Genf/Wien – Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat den Ausbruch der Atemwegserkrankung Mers in Südkorea als "Weckruf" bezeichnet und alle Staaten zu mehr Wachsamkeit aufgerufen. "Der Ausbruch sollte wirklich als Weckruf für alle Länder dienen", sagte der stellvertretende WHO-Direktor für Gesundheitssicherheit, Keiji Fukuda, in Genf.

"Alle Staaten sollten immer auf eine unerwartete Möglichkeit von Ausbrüchen wie diesem und anderer ernster Infektionskrankheiten vorbereitet sein." In Südkorea habe die Mers-Epidemie "alle überrascht", betonte Fukuda im Rahmen einer Pressekonferenz, bei der er über eine Sitzung des Notfallkomitees der WHO vom Dienstag berichtete. Insgesamt sind in Südkorea bis Mittwoch 162 Fälle der Erkrankung registriert worden. Seit dem Ausbruch vor mehr als drei Wochen starben 20 Menschen.

Einen internationalen Gesundheitsnotfall wie nach dem Ebola-Ausbruch in Westafrika rief das Notfallkomitee nicht aus. Die Mitglieder des Gremiums hätten einstimmig festgestellt, dass die Lage "besorgniserregend" sei, "aber keinen Gesundheitsnotfall von internationaler Tragweite" darstelle.

Mulitfaktorielle Probleme im Spitalswesen

In Südkorea wurde der erste Mers-Fall am 20. Mai bekannt. Das Virus breitet sich seitdem relativ rasch aus. Bis Mittwoch starben in dem asiatischen Land 20 Menschen an der Infektionskrankheit, mehr als 6.500 Menschen stehen unter Quarantäne.

Das mit Mers beschäftigte Expertenkomitee der WHO hat mehrere Faktoren identifiziert, die für die Ausbreitung der Infektionen in Südkorea verantwortlich sein dürften.

Als wahrscheinlich gelten bestimmte Rahmenbedingungen im südkoreanischen Spitals- bzw. Gesundheitswesen: "Defizite beim Problembewusstsein beim Gesundheitspersonal und der Öffentlichkeit in Sachen Mers", "Suboptimale Maßnehmen zur Infektionsprophylaxe und bei den Kontrollmaßnahmen in Spitälern", "Längerer und enger Kontakt von Infizierten in stark frequentierten Notfallambulanzen und in Krankenzimmern mit mehreren Betten", "Doctor Shopping" (Besuch mehrerer Kliniken durch Patienten; Anm.) sowie Verwandtenbesuche bei Mers-Patienten in den Krankenhäusern, werden von der WHO angeführt.

Unklare Todesrate

Das Mers-Virus wurde erstmals 2012 in Saudi-Arabien nachgewiesen. Typische Symptome des "Middle East Respiratory Syndrome" sind Fieber, Atemprobleme, Lungenentzündung und Nierenversagen. Bis Ende Mai 2015 wurden nach Angaben des Europäischen Zentrums für Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) weltweit 1.172 Mers-Fälle gemeldet, 479 Patienten starben.

Die Todesrate liegt damit bei rund 41 Prozent – tatsächlich dürfte sie aber geringer sein, da sich etliche Menschen unbemerkt anstecken oder nicht auf das Virus getestet werden.

Das Mers-Virus (Mers-CoV) wurde nach bisheriger Erkenntnissen schon seit etlichen Jahren unerkannt von Kamelen auf Menschen übertragen. Es gehört zu den Coronaviren, zu denen auch das Sars-Virus zählt, an dem bei einem Ausbruch 2003 rund 800 Menschen starben.

Trickreiche Viren

Viren dieser Gruppe können sich genetisch rasch verändern und so an unterschiedliche Bedingungen anpassen – etwa an den Menschen statt eines Kamels als Wirt. Experten warnen daher, Behörden weltweit sollten sich vorsichtshalber darauf vorbereiten, dass ein Mers-Virus mit weit höherer Ansteckungsrate eine Pandemie zur Folge haben könnte.

Im September 2014 wurde eine Patientin aus Saudi-Arabien im Wiener Kaiser Franz Josef-Spital wegen einer schweren Mers-Erkrankung behandelt. Sie konnte schließlich geheilt aus der Spitalspflege entlassen werden.

Entscheidend für die Prognose von Patienten ist die künstliche Beatmung mit speziellen Verfahren bei Lungenversagen. Zum Einsatz kommt nach positiven Erfahrungen auch ein in der HIV/Aids-Therapie vielfach eingesetztes Kombinationspräparat aus den Protease-Hemmstoffen Lopinavir und Ritonavir. (APA, 17.6.2015)

  • In der Hauptstadt Seoul derzeit kein seltenes Bild: Menschen versuchen sich mit Masken vor einer möglichen Mers-Infektion zu schützen.
    foto: ap/ahn young-joon

    In der Hauptstadt Seoul derzeit kein seltenes Bild: Menschen versuchen sich mit Masken vor einer möglichen Mers-Infektion zu schützen.

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