Mit der Sonne um die Wette rund um den Montblanc

Blog18. Juni 2015, 08:49
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Am 21. Juni, dem längsten Tag des Jahres, wollen fünf Teams zu je sechs Läufern den Montblanc in einem Staffellauf umrunden

Seine Taktik und sein Konzept, sagt Christian Schiester, seien komplex, ausgefuchst und minutiös überlegt: "Ich stelle mich hin – und dann renne ich um mein Leben." Denn so, sagt Schiester, mache er es "doch eigentlich eh immer". Aber dann lacht der 48-Jährige. Doch auch ohne diesen Lacher wäre klar: Natürlich steckt da ein bisserl mehr Planung dahinter, wenn einer wie Schiester sich daranmacht, den Montblanc zu umrunden.

Denn auch wenn die Herren (und – wenigen – Damen) in der doch recht eigenen Welt der Extremsportler es gerne so wirken lassen, als komme die Bewältigung von Abenteuer, Anstrengung, Natur und Gefahr aus dem Handgelenk, ist da doch eines klar: Vorbereitung ist das halbe Leben. Mindestens. Denn auch in der Welt der wagemutig-durchgeknallten Scheißmirnixe gilt: Um davon erzählen zu können, sollte man die Sache auch überleben.

foto: copyright christian schiester

Freilich: Im Vergleich zu dem, was der Ex-Postler aus der Steiermark schon abgehakt hat, ist das, was er am 21. Juni plant, eine Kinderjause. Gefahrentechnisch zumindest. Schließlich ist Schiester – unter anderem – schon den "Marathon des Sables" (243 Wüstenkilometer), den Himalaya-Stage-Run (162 Kilometer, 14.000 Höhenmeter), den Crossing-Sinai-Run und das Sahara Race (250 Kilometer) gelaufen. Und wir reden hier nur vom Laufen und nicht von Schiesters anderen Abenteuern – etwa beim Segeln – oder diversen Survival-Camps: Im Vergleich dazu ist ein Lauf über 148 Kilometer mit 8.000 Höhenmetern in mitteleuropäischem Klima ein Klacks. Noch dazu, wenn Schiester nicht alles selbst laufen muss, sondern Teil einer Staffel ist. Oder?

Oder. Denn "in einem Team zu laufen und auch für die anderen Verantwortung zu tragen ist etwas ganz anderes, als als Einzelkämpfer unterwegs zu sein", meint der Berufsabenteurer. Und ergänzt: "Wir haben ja auch nur 15 Stunden und 41 Minuten Zeit. Da gilt dann: einer für alle, und alle für einen."

foto: asics

15 Stunden und 41 Minuten klingt nach einer willkürlichen Zeit. Aber nur auf den ersten Blick. Denn 15 Stunden und 41 Minuten ist am 21. Juni exakt die Zeit zwischen Sonnenauf- und -untergang. Genau so lange haben am längsten Tag des Jahres jeweils sechs Athleten aus fünf Teams Zeit, das "Asics Beat the Sun"-Rennen für sich zu entscheiden: einmal rund um den Montblanc. 13 Etappen, die zwischen drei und 19 Kilometer lang sind. Jeder Läufer läuft mindestens zwei Etappen. Auf unterschiedlichem Terrain, in unterschiedlichen Höhenlagen und auf unterschiedlichem Untergrund.

Schon das, jauchzt das das Rennen veranstaltende Laufschuh- und Laufausrüstung-Label Asics, mache "Beat the Sun" eben "unique", einzigartig. Weltweit gebe es zwar zahllose Extrem-, Berg-, Cross- und Trailläufe. Aber keiner sei als so "toughes" Staffelrennen angelegt. Aber viel wichtiger: Nirgendwo laufen Profis und Amateure gemeinsam als Teams.

foto: copyright christian schiester

Läufe für Jedermann-Sportler

Derartige Alleinstellungsmerkmale sind wichtig – eben weil es dermaßen viele Events gibt und man als Veranstalter des 17. Berglaufes des Monats auch nicht mehr als eine Randnotiz in den Kurzmeldungen der Sportseiten ist. Wenn überhaupt: Trail- und Bergläufe sind miteinander kaum vergleichbar. Und gelten als ein bissi "freakig". Und die immer noch auf Ligasport und Rankings fokussierten "klassischen" Sportkanäle (und Ressorts) lassen jenen Markt, um den es den Herstellern immer mehr geht, dadurch notgedrungen außen vor: den der Jedermann-Sportler.

Hobbyathleten, die nicht einmal im Traum – und schon gar nicht im Leben – auch nur annähernd an die Leistungen der "Elite" herankommen können. Die aber mit Blick auf diese "Helden" dann jene Umsätze "verursachen", die die Sport- und Sportumfeldartikelbranche in den USA (angeblich) mittlerweile zum wichtigsten Dingsbums im Normalverbraucher-Konsumverhalten überhaupt gemacht hat. Oder so ähnlich halt.

Kurz gesagt: "Hobetten" und "Pros" zusammenzuwürfeln ist sicher nicht die dümmste aller Strategien. Und sich da von Liga- und normierten Wettkämpfen hin zu "uniquen", maßgeschneiderten und von einer Marke alleine besetzten Events zu bewegen wohl auch nicht. Betont auch Christian Schiester – und erklärt es nicht zuletzt anhand seiner eigenen sportlichen Genese.

foto: copyright christian schiester

Weniger wegen seiner sportlichen Mutation vom übergewichtigen, kettenrauchenden, vieltrinkenden und bewegungsfreien Durchschnitts-"Bladen", dem der Arzt beim Überschreiten des 100-Kilo-Limes Mitte 20 sämtliche gesundheitlichen Perspektiven aufzeigte: Schiester zog die Reißleine und wurde zum Vorzeigesportler. Doch: Derlei Wandlungen zu Propheten (Botschaft: "Quäle deinen Körper, sonst quält er dich") gibt es öfter. Um nicht zu sagen: Sie sind immanenter Teil der Blaupause einer Extremsportler-Athletenwerdung.

Mehr zum Setup und zur USP des "Asics Beat the Sun"-Rennens passt da Schiester Erfolgsgeheimnis und Businessmodel: Nachdem er etliche "reguläre" Wettkämpfe und Titel (etwa den des Staatsmeisters im Berg- & Crosslauf) eingeheimst hatte, erkannte er, dass "das zwar schöne und tolle Leistungen sind, aber keine Geschichten, mit denen man das Publikum faszinieren kann". Oder mit denen man in Österreich sein Leben finanzieren könnte. "Klammern wir einmal einen Usain Bolt aus: Wen interessiert der Olympiasieger über 400 Meter zwei Wochen nach den Spielen noch? Niemanden. Es geht eben nicht um das Ergebnis, sondern um die Geschichte, die man zu erzählen hat." Und die sollte, erraten, tunlichst einzigartig sein.

Christian Schiester hat das erkannt. Wie sein großes Erzählervorbild Reinhold Messner lebt er von der Kombination aus "Abenteuer leben", "Abenteuergeschichten erzählen" und dem (homöopathisch dosierten) Partizipierenlassen des Publikums an der Abenteueraura, die Leute wie ihn umgibt.

Handverlesene "Hobby"-Läufer

Womit wir wieder bei "Beat the Sun" wären: Asics hielt das Rennen im Vorjahr auch schon ab. "Outrun the Sun" hieß es da – und war ein zwar spannendes, aber eben doch Spezialisten vorbehaltenes Profirennen. Heuer stellt man die Teams nach Weltgegenden (Africa, Asia-Pacific, Americas, Southern Europe, Northern Europe) zusammen – und dreht ein bisserl an der "Jedermann"-Schraube. Wobei "Jedermann" natürlich relativ ist: Die "Hobetten" sind handverlesen. Und können mit sportlichen Parameten aufwarten, die weit jenseits aller Medianwerte und -zeiten der Normalo-Teilnehmerfelder von Volksläufen liegen.

Aus Österreich ist da etwa der 25-jährige Kärntner Benjamin Druml dabei. Beruflich arbeitet der Vater eines zweijährigen Sohnes bei einer ÖBB-Tochtergesellschaft – die Zeit, die ihm neben Job & Familie bleibt, gehört dem Sport: Von Klein auf Fußball und Skifahren. Nach einer schweren Knieverletzung war damit Schluss: Druml begann zu laufen. Und lief infolge einer "blöden Wette" vor vier Jahren seinen ersten Halbmarathon.

foto: privat

Heute spricht er lachend von "dieser Sucht" – und hat eine stattliche Anzahl von Halb- und Ganzmarathons, 60-Kilometer- und/oder Bergläufen und anderen doch eher heftigen Events gefinisht: "Ich war in meiner Altersklasse immer im Topfeld", sagt er stolz – und verweist ebenso stolz auch auf Tagessiege bei "kleineren Veranstaltungen". Und den Sieg beim Bergduathlon "Kosiak Löwe" im Mixed-Teambewerb mit seiner Cousine. Nur: Dass er die ganz großen Events nie gewinnen wird, ist auch Druml klar. Dabeisein wäre schon mehr als fein – aber: Die "berühmten" Rennen sind voll. Mangelware Startplatz …

Läufer wie Druml sind da gleichermaßen Suchende wie die Christian Schiesters dieser Welt. Suchende nach Herausforderungen. Am besten solchen, die nicht jeder immer und überall angehen kann. Geschweige denn bewältigen. Läufe wie "Beat the Sun" sind da maßgeschneidert: eben weil Set und Setting einzigartig sind.

Nicht nur beim Tun, auch zum Erzählen. Sowohl aus der Perspektive des Profis als auch aus der des Amateurs. (Thomas Rottenberg, 18.6.2015)

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