Wer braucht CDs, wenn Millionen Songs in der Cloud warten

Analyse21. Juni 2015, 18:01
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Streamingdienste erfreuen sich enormer Popularität, doch nun regt sich Konkurrenz - und der Widerstand der Künstler.

Viereinhalb Milliarden Stunden: So lange hörten Nutzer 2013 auf dem Streaming-Dienst Spotify Musik. Der Service wächst im Eiltempo, hält nun bei über 75 Millionen Nutzern, die überall Musik hören wollen: per Smartphone, im Auto oder vorm Laptop. Diese Musik soll auch geteilt werden: HTC bewirbt sein neues Smartphone One M9 als "Boombox", dessen Lautsprecher gemeinsam mit Soundpionier Dolby optimiert worden sind. Spotify scheint also allgegenwärtig, doch momentan braut sich ein deftiger Sturm zusammen.

Streaming, Streaming, Streaming

Der Grund dafür ist einfach: Die Zukunft ist digital, und die digitale Zukunft heißt Streaming. Das gewichtige Plattenlabel Warner Music verdiente 2014 erstmals mehr Geld mit Streaming als mit Downloads. Gleichzeitig gehen die CD-Verkäufe zurück, einzig Vinyl erlebt ein Comeback. Der Streamingmarkt ist für IT-Konzerne wie Plattenfirmen also ein schmackhafter Kuchen, von dem momentan nur Spotify und - in kleineren Stücken - andere autonome Services wie Deezer oder Pandora naschen. Der Gusto von Apple, Google und Künstlern wie Jay-Z ist allerdings geweckt.

Viele Nutzer hören etwa Musik auf Googles Videodienst Youtube. Dessen Nutzung ist komfortabel: Offizielle Accounts mischen sich mit allerlei nicht unbedingt rechtens hochgeladenen Inhalten, alles ist kostenlos abrufbar. Deshalb liegt Google auch mit den großen Plattenfirmen im Clinch. Der IT-Konzern verdient sein Geld auch auf Youtube mit Werbung, versucht nun allerdings mit Google Play Music einen eigenen Abodienst aufzubauen.

Tidal floppt

Hip-Hop-Mogul Jay Z kann sich indes der Unterstützung seiner Musikbranche sicher sein: Er stellte seinen Streamingdienst "Tidal" vor kurzem unter großem Getöse in New York vor. Anwesend waren neben Ehefrau Beyoncé etwa Madonna, Jack White, Arcade Fire oder Daft Punk. Sie alle protestierten damit gegen Spotify und etablierte Streamingdienste, die ihrer Meinung nach zu wenig Geld an die Künstler ausschütten. "Tidal" will hier fairer agieren und quasi eine Art Superstar-Kibbuz der Musikbranche sein. Nutzer sollen mit Exklusivinhalten und Konzertübertragungen gelockt werden.

Apple verfolgt eine ähnliche Strategie: Exklusivverträge mit zugkräftigen Stars sollen Nutzer zu einem Abo beim eigenen Dienst "Apple Music" bewegen. Der Grundstock stammt vom Streaming-Service "Beats", der vergangenes Jahr für drei Milliarden von Dr. Dre erworben. Scheint so, als ob Streamingdienste zu gründen ein neues Hobby für ehemalige Rapper ist.

Umfassende Lösungen

All diese Unternehmen wollen umfassende Lösungen schaffen, mit denen per Smartphone auch Audioanlagen im gesamten Haushalt bedienbar sind. Ein Beispiel dafür ist etwa Samsungs "Shape Audio System", das ganz ohne Kabel ein ganzes Haus zur Musikanlage macht.

Radios werden digital O Apple setzt auch auf das Radio: Nutzer schätzen etwa, dass sie sich nicht ständig Gedanken um das nächste Lied machen müssen und auch bislang unbekannte Songs entdecken. Daher soll "Beats" einen Fokus auf Empfehlungen und den "ersten globalen Radiosender Beats 1" legen. Auch hier heißt das Schlagwort Exklusivität: Stars wie Drake, Pharrell Williams oder David Guetta sollen bei Apples Radio auflegen. Althergebrachte Radios werden indes nur langsam digital. Zwar bietet fast jede Station schon Livestreams im Netz und Apps an, gesendet wird aber fast nur über UKW. An einem Digitalradio-Pilottest in Wien sind weder ORF-Radios wie Ö3, Ö1 oder FM4 noch Krone Hit beteiligt. Andere Länder sind weiter: Norwegen schaltet ab 2017 alle UKW-Radios ab.

Unbegrenzter Platz

Im Unterschied zum Radiospektrum ist der Platz im Internet (nahezu) unbegrenzt, wodurch in den letzten Jahren eine Vielzahl an unabhängigen Radiosendern entstanden ist, die quer über den Globus empfangbar sind. Hören kann man Digitalradios beispielsweise mit eigens dafür geschaffenen Geräten. Das Revo 76451 Supersignal Design-Radio überzeugt etwa mit seinem Aussehen, während das Pure Evoke D6 BT mit hoher Soundqualität punkten will.

Ebenfalls explodiert ist die Zahl der kostenfrei zur Verfügung gestellten Musik. Hier erfreut sich vor allem das Genre der Remixes großer Beliebtheit. Mehr als 100 Millionen Remixes sollen 2014 im Netz erschienen sein, die Community umfasst zehn Millionen Mitglieder. Schließlich kommunizieren Musiker im Netz auch direkt mit ihren Fans - auch das will Apple mit "Music" nutzen und eine Plattform bieten. (fsc, 18.6.2015)

  • Millionen Songs in der Cloud: Streaming boomt
    foto: ap/sakuma

    Millionen Songs in der Cloud: Streaming boomt

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