Bitwatching und Livestreaming: Das Ende der Langeweile

21. Juni 2015, 16:45
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Video ist im Internet König - und die Grenze zwischen Sender und Empfänger verschwindet

Videos regieren das Internet: Bereits jetzt machen Bewegtbilder einen Großteil des Internetverkehrs aus. Bis 2020 soll das Netz sogar zu 80 Prozent aus Videoinhalten bestehen, prognostiziert der IT-Konzern Cisco. Hauptverantwortlich dafür sind ultraschnelle Mobilnetze wie LTE. Sie ermöglichen Nutzern, Videos in hoher Qualität auf ihren Smartphones abzurufen – und diese auch selbst zu versenden.

"Menschen sind nahezu gierig nach Videos im Internet", schreibt die renommierte Analystin Mary Meeker in ihrem alljährlichen Report über den Zustand des Internets. Tatsächlich könnte das 21. Jahrhundert als jene Ära in die Geschichte eingehen, in der sich die Menschheit vom Konzept der Langeweile verabschiedet hat. Nicht einmal in kleinsten Unterbrechungen des Alltags muss einem mehr fad sein, denn Videoclips sind in allen Zeithappen verfügbar.

Jederzeit fernsehen

Mit dem Begriff "Bit-Watching" wird das kleinteilige Einverleiben von Inhalten nun auch in der Unterhaltungsindustrie zum Schlagwort. Es handelt sich um Gegenteil und Steigerung des "Binge-Watchings", bei der mehrere Episoden von Serien auf einen Sitz verschlungen werden. Das "Bit-Watching" ist quasi der endlos ausgedehnte Konsum, der nur durch unwichtige Nebenbeschäftigungen wie Arbeit oder Zeit mit Familie und Freunde unterbrochen wird – wenn nicht heimlich unter dem Esstisch ohnehin weiterhin ferngesehen wird.

Streaming-Optimiert

Deshalb optimieren Smartphone-Hersteller ihre Geräte zusehends fürs Streaming: Die Flaggschiffe von Samsung und Apple, das Galaxy S6 respektive iPhone 6 (Plus) verfügen im Vergleich zu ihren Vorgängern über größere Displays, die Videos in HD abspielen können.

Um mobile ebenso wie sesshafte Nutzer rittert eine Vielzahl an Konkurrenten: Neben Netflix nahezu alle großen IT-Konzerne – etwa Facebook oder Google mit Youtube. Außerdem wollen klassische TV-Sender ihr Terrain verteidigen, Medien aus Print und Radio hingegen attraktiver werden. Eindrucksvoll zeigen sich die Einsatzmöglichkeiten mobiler Videos etwa beim Messenger Snapchat, der mit Ikonen wie der New York Times oder National Geographic kooperiert und zu einer zentralen Anlaufstelle für Medienkonsum im Netz werden will. Täglich erhalten Snapchat-Nutzer mehrere zehn Sekunden lange Clips mit Inhalten dieser Medienhäuser.

Ich streame, also bin ich

Für die Explosion der Videoinhalte im Netz sind aber nicht nur professionelle Produzenten verantwortlich. Bertolt Brecht hatte mit seiner vor rund 90 Jahren formulierten Radiotheorie doch recht: Die Grenzen zwischen Sender und Empfänger verschwinden, es entsteht ein einziger "Kommunikationsapparat" – nur dass es sich dabei um das Smartphone und nicht um das Radio handelt. Was mit Amateurvideos auf Youtube begann, mit kurzen Clips auf "Vine" und "Snapchat" fortgeführt wurde, findet nun in Apps wie "Periscope" (Twitter) oder "Meerkat" seinen Gipfel. Diese Anwendungen erlauben es Nutzern, ihren Alltag konstant zu streamen. Unterstützt wird das durch Smartphones mit exzellenten Kameras, etwa dem LG G4. Anwendungen wie Periscope können es Freunden ermöglichen, trotz Grippe beim Fortgehen dabei zu sein.

Umbruch für Medien

Aber auch Nachrichtenmedien nutzen diese Werkzeuge, um sofort vom Ort des Geschehens zu senden. Erstmals global präsent war Periscope Anfang Mai beim "Boxkampf des Jahrhunderts" zwischen Floyd Mayweather und Manny Pacquio: Hunderte Zuseher übertrugen das Spektakel via Smartphone live aus der Arena, zigtausende Nutzer konnten den Kampf so kostenfrei mitverfolgen. "And the winner is: Periscope", spottete der ehemalige Twitter-Chef Dick Costolo. Grundsätzlich sind die Entwicklungen aber keine schlechten Nachrichten für professionelle Anbieter. Nutzer wünschen sich Orte, an denen sie garantiert Qualität erhalten. Die Bereitschaft, für online Konsumiertes zu zahlen, wächst beständig.

Streaming-Box

Pay-TV-Sender Sky probiert, dies beispielsweise mit einem "gehobenen" Streaming-Angebot zu nutzen: Für Sky Online zahlen Kunden mit 19,99 Euro monatlich deutlich mehr als bei Netflix oder Amazon, bekommen dafür aber aktuelle Serien und Filme in höchster Auflösung. Begleitet wird das mit einer Streaming-Box, die gemeinsam mit Roku hergestellt wird. In den USA versucht momentan der Bezahlsender HBO, sich als Alternative zu Netflix zu positionieren. Der Markt ist in Bewegung, ein Verlierer steht schon jetzt fest: die Langeweile. (fsc, 21.6.2015)

  • Ich streame, also bin ich: Video regiert das Netz - auch selbst und live produziert
    foto: reuters/su

    Ich streame, also bin ich: Video regiert das Netz - auch selbst und live produziert

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