"Der ÖSV lebt noch im letzten Jahrhundert"

Interview17. Juni 2015, 15:05
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Frauenfeindlichkeit, Lügen und Intrigen im ÖSV? Gibt es, sagt Kilian Albrecht, Ex-Rennläufer und Manager von US-Star Mikaela Shiffrin

Wien – Der Vorarlberger Kilian Albrecht hatte einst seine liebe Not mit dem Österreichischen Skiverband, der ÖSV stimmte einem Nationenwechsel des Slalomfahrers nur widerwillig zu. Heute ist der 42-Jährige als Manager von Olympiasiegerin Mikaela Shiffrin und Schladming-Triumphator Alexander Choroshilov tätig. Und macht sich auch seine Gedanken zur Situation rund um Gesamtweltcupsiegerin Anna Fenninger.

STANDARD: Ist so ein Riss, wie er zwischen Fenninger und dem ÖSV entstanden ist, überhaupt noch zu kitten?

Albrecht: Das ist sicher schwer. Das Problem ist, dass das Misstrauen nicht kleiner geworden ist und der Karren ziemlich verfahren ist. Ich glaube aber, dass es dem Präsidenten eher wurscht ist, Anna ist eine Frau. Und bei Schröcksnadel zählen in erster Linie die Männer.

STANDARD: Kann oder soll eine Athletin, die ein derartiges Misstrauen gegen den Verband hegt, überhaupt noch für den ÖSV fahren?

Albrecht: Sagen wir so, es wird wohl die einzige Möglichkeit sein, für Österreich zu fahren. Der ÖSV könnte ihr die Lizenz geben und sie als unabhängige Athletin fahren lassen. Bode Miller ist so Gesamtweltcupsieger geworden. Ich denke nicht, dass der ÖSV einer Athletin wie ihr das Startrecht verwehren kann. Außer er will sich mit einer Schadenersatzklage in Millionenhöhe auseinandersetzen.

STANDARD: Nicht eingehaltene Versprechen, Lügen und Frauenfeindlichkeit. Fenninger fährt harte Geschütze auf. Ist das dem ÖSV alles zuzutrauen?

Albrecht: Ich habe es selber erlebt. Ich war eh nur noch knapp unter den Top 30 der Welt, und es war ihnen nicht zu blöd, ausländische Botschafter anzurufen, um zu verhindern, dass ich einen Pass kriege. Was Frauen betrifft, ist es ein offenes Geheimnis, dass Frauen nur gelegen kommen, wenn die Herren grad mal nicht so gut sind und sie die Medaillenbilanz auffetten können.

STANDARD: Das klingt alles etwas rückständig.

Albrecht: Der ÖSV lebt noch im letzten Jahrhundert. Eine Frau darf niemals so viel wie ein Mann verdienen, das geht ja gar nicht. Ich denke, es geht hier nicht nur um die Mercedes-Kampagne. In Wahrheit geht es darum, dass ein "kleines Mädchen" den Mut hat, dem Herrn Schröcksnadel zu widersprechen. Und das in einem Umfeld voller Jasager.

STANDARD: Der Verband ist ob der für Mercedes werbenden Fenninger erzürnt, man schneidet lieber mit. Angesichts der Ausbildungskosten auch irgendwo verständlich, oder?

Albrecht: Ach, immer diese Ausbildungskosten. Irgendwann sind die doch amortisiert. Dann ist der Sportler für den Verband eine reine Cashcow. Im Fall von Fenninger war dieser Punkt schnell erreicht. Was sie den Verband gekostet hat, ist ja marginal im Vergleich zu dem, was sie über die Jahre geleistet hat.

STANDARD: Und was ist mit den zur Verfügung gestellten Trainingsbedingungen?

Albrecht: Ein Trainingsumfeld bieten, also bitteschön, das ist ja wohl die Aufgabe des Verbandes. Der Verband kriegt ja auch genug Förderungen und Sponsorengelder. Und die gibt es nur wegen der Topathleten.

STANDARD: Es heißt aber oft, die Voraussetzungen seien in Österreich optimal. Muss man dafür nicht auch die Kehrseite in Kauf nehmen?

Albrecht: Die anderen Nationen haben längst aufgeholt. Wenn ich mir ansehe, wie Alexander Choroschilow Slalom trainiert, kann ich Ihnen sagen, dem fehlt es an überhaupt nichts. Alles ist auf ihn abgestimmt, die Trainer gehen auf ihn ein, er hat ein optimal abgestimmtes Programm. Das Gleiche gilt im Übrigen für Mikaela Shiffrin.

STANDARD: Ist das in Österreich nicht so?

Albrecht: Für die Topleute schon, aber nicht für alle. Wenn ich zurückdenke, habe ich zehn Jahre dieselben Trainer gehabt und nur zu ganz wenigen einen Draht gefunden. Ich war nur die Nummer drei oder vier im Slalomteam, da sind die anderen wichtiger. Was aber auch irgendwie verständlich ist.

STANDARD: Haben Sie jemals versucht, das zu ändern?

Albrecht: Ich wollte nur ein paar Tage mit Dietmar Thöni trainieren, da war gleich ein großer Aufruhr. Wir sind eh die Besten, was brauchst du jemand anderen? Motto: Wenn es dir nicht passt, kannst du gehen. Aber Freigabe geben wir dir keine, und schriftlich kriegst du auch nichts. Diese Politik ist im ÖSV die Regel.

STANDARD: Werden Athleten im ÖSV gezielt ruhig gehalten?

Albrecht: Ich kann mich an Medienschulungen erinnern, die waren unglaublich. Hauptthema: Was kann ich am Wochenende im Interview sagen, um am Montag keine Probleme mit Hans Pum oder anderen Offiziellen beim ÖSV zu bekommen.

STANDARD: Sie sind dann für Bulgarien angetreten. Wurde Ihnen zuvor auch eine Stehzeit angedroht?

Albrecht: Man wollte mich ein ganzes Jahr warten lassen, es wurde auf Zeit gespielt. Ich habe mir einen Anwalt genommen, dann wurde eine Vereinbarung gefunden. Da musste ich bereits hinten im Feld starten. Aber ich war ja nur eine kleine, unbedeutende Nummer.

STANDARD: Warum gibt sich der ÖSV in Trainerfragen traditionell stur?

Albrecht: Weil man Grundsätzliches nicht verstehen will: Der Skisport ist kein Teamsport, der Skisport ist ein Einzelsport. Jeder muss schauen, wie er selbst weiterkommt. Mit einem Trainer muss die Chemie passen.

STANDARD: Man spricht oft von Knebelverträgen im ÖSV. Ist dieses Wort angebracht?

Albrecht: Das sind sicher Knebelverträge. Das Vertragswerk wurde noch nie angefochten, aber es sind einige Punkte drinnen, die so sicher nicht halten würden.

STANDARD: Wäre ein Rechtsstreit zwischen dem ÖSV und Fenninger also gar keine schlechte Sache?

Albrecht: Das gehört alles schon längst geregelt. Wo bleiben die Persönlichkeitsrechte? Kann man die einem Sportler einfach abnehmen? Was muss der Athlet alles für den Verband machen? Und was darf er sich ansonsten erlauben?

STANDARD: Warum hat sich noch kein Sportler gegen die Unklarheiten aufgelehnt?

Albrecht: Weil bisher alle gemeint haben, dass es ohnehin nichts bringen würde. Weil es zu lange dauert, die Gerichtsmühlen mahlen langsam. Alle haben unter Druck unterschrieben. Spielt man nicht mit, bekommt man vom Verband keine Lizenz. Der Athlet ist der Letzte in der Nahrungskette.

STANDARD: Arbeitet der ÖSV als einziger Verband mit solchen Methoden?

Albrecht: Viele Punkte werden von der FIS vorgegeben. Die FIS ist aber nichts anderes als die Vereinigung der nationalen Verbände. Die Verbände reden sich wiederum auf die FIS aus. Ein lustiges Spiel.

STANDARD: Sind die Verbände also einer wie der andere?

Albrecht: Viele Verbände sind grundsätzlich nicht einfach. Sie vergessen gerne, dass es ohne Sportler keinen Verband gäbe. Ohne Athleten können sich die Verbände im Ziel selber feiern. Das wäre ganz schön einsam.

STANDARD: Wer ist nun eigentlich der Gewinner in der Causa Fenninger?

Albrecht: Im Moment Mercedes. Wäre ich dort der Marketingchef, würde ich eine Flasche Champagner aufmachen. (Philip Bauer, 17.6.2015)

Kilian Albrecht (42) aus Vorarlberg fuhr von 1994 bis 2011 im Weltcup, ab 2006 für Bulgarien. Seine Spezialität war der Slalom, bei den Olympischen Spielen in Salt Lake City 2002 verpasste er als Vierter knapp eine Medaille. 2009 wurde er für vier Jahre zum Vorsitzenden der Athletenkommission der FIS gewählt. Er ist als Manager der US-Amerikanerin Mikaela Shiffrin und des Russen Alexander Choroschilow tätig.

  • Kilian Albrecht über die Causa Fenninger: "Ich glaube, dass es dem Präsidenten eher wurscht ist, weil Anna eine Frau ist. Und bei Schröcksnadel zählen in erster Linie die Männer."
    foto: apa/ ötztal tourismus

    Kilian Albrecht über die Causa Fenninger: "Ich glaube, dass es dem Präsidenten eher wurscht ist, weil Anna eine Frau ist. Und bei Schröcksnadel zählen in erster Linie die Männer."

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