Meerschweinchengrillen mit tödlichen Spätfolgen

17. Juni 2015, 09:00
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Die in Südamerika weitverbreitete Chagas-Krankheit wird durch Raubwanzen übertragen. Forscher fanden nun heraus, welche Rolle Meerschweinchen dabei spielen

London/Wien - Die Chagas-Krankheit, die hauptsächlich in Südamerika vorkommt, ist eine höchst unerfreuliche Sache. Die Infektion wird durch den Einzeller Trypanosoma cruzi hervorgerufen und tritt in mehreren Phasen auf. Chronisch wird die Krankheit mitunter erst nach jahrelanger Latenzzeit. Unbehandelt sterben rund zehn Prozent der Erkrankten daran - unter anderem an Herz- und Darmvergrößerung.

Übertragen wird der gefährliche Einzeller durch Raubwanzen, die Trypanosoma cruzi durch Kannibalismus und Koprophagie weitergeben. Die Übertragung auf Mensch und Säugetier ist höchst ineffizient: Menschen müssen im Schnitt dafür 1700-mal gebissen werden, denn die Wanze muss auch noch auf dem Wirt defäkieren, und der Kot muss durch Kratzen in die Schleimhaut gelangen.

Millionen Betroffene

Dennoch sind nach Schätzungen rund 18 Millionen Menschen von der Krankheit betroffen. Rund 25 Prozent aller Bolivianer könnten infiziert sein, von denen bis zu 15.000 an der Chagas-Krankheit jährlich sterben dürften.

Offensichtlich ist, dass Säugetiere, aber auch Menschen ein erhebliches Parasitenreservoir bilden - und Wirte für die in Südamerika als Vinchuca bezeichnete Raubwanze sind. Wie aber könnte man die Ausbreitung der infizierten Wanzen eindämmen?

Ein Team von Forschern aus den USA und Peru hat nun untersucht, ob und wie die in den Andenstaaten übliche Zucht von Meerschweinchen - in Andenstaaten ein beliebtes Festessen - zur Ausbreitung des Einzellers beiträgt. Dafür wurden in der Gegend der peruanischen Stadt Arequipa etliche Experimente durchgeführt, die erstaunlich komplexe Zusammenhänge offenbarten, wie Michael Levy (Uni Pennsylvania) im Fachblatt "Proceedings B der Royal Society" berichten.

Verdächtig hohe Infektionsraten

Vor allem wollte Levy mit seinem Team herausfinden, wie die Meerschweinchen als Parasitenreservoir infrage kommen, zumal sie in Kleintierställen immer wieder auf Kolonien von rund 1000 Wanzen stießen, die zu mehr als 85 Prozent infiziert waren.

In einem ersten Schritt steckten die Forscher die Meerschweinchen mit dem Einzeller an und brachten die Nagetiere mit Raubwanzen in Kontakt. Dabei zeigte sich, dass nur ein kleiner Teil der Tiere über mehrere Monate infektiös blieb. Für die Forscher boten diese wenigen infektiösen Tiere noch keine hinreichende Hypothese für die hohe Durchseuchung der Raubwanzen.

Problematische Populationsschwankungen

Neue Erklärungen waren gefragt - und werden prompt geliefert. Ein entscheidender Faktor dürfte sein, dass es im Laufe eines Jahrs zu erheblichen Schwankungen in der peruanischen Meerschweinchenpopulation kommt. Verursacht wird die vor allem durch das große Meerschweinchengrillen in den Sommermonaten und Preisschwankungen bei den kleinen Nutztieren.

Dadurch bleiben zwischenzeitlich nur wenige, oft infizierte Tiere für die Zucht übrig. Und auf diese wenigen Tiere wiederum konzentrieren sich die Raubwanzen, die so fast alle infiziert werden. Würde hingegen die Meerschweinchenpopulation dauerhaft hochgehalten, so die Forscher, würde auch die Krankheitsgefahr signifikant zurückgehen. (Klaus Taschwer, 17.6.2015)

  • Meerschweinchen, die ähnlich  wie Kaninchen schmecken, sind in Peru,  Bolivien oder Ecuador ein beliebtes Essen. Auf recht komplexe Weise hat  ihre Zucht mit der tückischen Chagas-Krankheit zu tun.
    foto: reuters/mariana bazo

    Meerschweinchen, die ähnlich wie Kaninchen schmecken, sind in Peru, Bolivien oder Ecuador ein beliebtes Essen. Auf recht komplexe Weise hat ihre Zucht mit der tückischen Chagas-Krankheit zu tun.

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