Ökonomin: "Wenn USA das Internet entwickeln wollen, tun sie es"

Interview17. Juni 2015, 05:30
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Staaten sollten viel mehr direkt in Innovationen in der Wirtschaft investieren, sagt Mariana Mazzucato

STANDARD: In Ihrem vielbeachteten Buch "The Enterpreneurial State" (Das Kapital des Staates) fordern Sie ein stärkeres öffentliches Engagement für Innovation und Forschung. Aber diese Erkenntnis, dass Forschung ein öffentliches Gut ist, hatten Ökonomen schon lange.

Mazzucato: Ich gehe viel weiter. So sage ich nicht nur, was der Staat tun soll, sondern was er getan hat - und warum das oft missverstanden wird. Dabei geht es nicht nur um Grundlagenforschung, in die private Unternehmen zu wenig investieren, weil auch andere davon profitieren, ohne dafür zu zahlen. In Silicon Valley etwa hat die US-Regierung viel mehr getan: Sie hat entlang der gesamten Innovationskette investiert, von Grundlagenforschung über angewandte Forschung bis zur Risikofinanzierung, die private Fonds nicht leisten, weil sie zu kurzfristig denken.

STANDARD: Wie läuft diese Milliardenhilfe konkret ab?

Mazzucato: Meist durch Langzeitprojekte: Nasa-Mond- und -Mars-Missionen oder das National Institute of Health (NIH), das den US-Biotech-Sektor praktisch begründet hat. Der Staat hat dabei neue Märkte geschaffen und nicht nur Marktversagen korrigiert, wie das die Theorie der öffentlichen Güter verlangt. Und er hat viele Milliarden dafür ausgegeben, auch nach der Finanzkrise. Der Staat nimmt dabei enorme Risiken in Kauf, die meisten Projekte scheitern. Für jedes Internet gibt es 20 Concordes, für jedes Tesla 20 Solyndras (von der Obama-Regierung gefördertes Solarunternehmen, das 2011 bankrottging, Anm.). Aber das spricht niemand an.

STANDARD: Hat das negative Folgen?

Mazzucato: Ja, denn in aller Welt wollen Länder durch Innovation wachsen. Sie kommen nach Silicon Valley und verwenden einen falschen Mythos als Leitbild. Aber wenn sie nicht verstehen, was dort geschieht, dann scheitern sie.

STANDARD: Was ist am Mythos denn konkret falsch?

Mazzucato: Etwa dass man Klein- und Mittelbetriebe fördern muss. Das ist Folklore. KMUs sind meist ineffizient, unproduktiv und schaffen wenig Jobs. Staaten beschäftigen sich außerdem zu sehr mit Risikokapital und übersehen dabei, dass diese Fonds vor allem auf der Riesenwelle von staatlich finanzierter Innovationstechnologie reiten. Der Staat muss diese Welle schaffen, aber dann dafür sorgen, dass die Privaten nicht den ganzen Gewinn davontragen. Das Problem ist nicht fehlendes Kapital. Es gibt genug Finanzierung, aber die falsche. Sie muss langfristig und geduldig sein, und das schaffen nur wenige Staaten: Israel, Deutschland und die USA.

STANDARD: Aber der Staatsanteil an der Wirtschaft ist in den USA um so viel niedriger als in Europa. Woher nehmen die USA das Geld?

Mazzucato: Die Europäer investieren falsch, vor allem durch Förderungen und steuerliche Anreize. Förderungen sind Mist. Sie schaffen eine parasitäre Beziehung zwischen Staat und Wirtschaft. Die USA setzen auf Direktzahlungen: Wenn sie das Internet oder Biotech entwickeln wollen, dann tun sie es. Sie geben Compaq oder Intel viel Geld; auch Tesla hat große Summen erhalten, vor allem durch garantierte Kredite. Die Regierung sagt: Hier habt ihr Geld, schreibt mir einen neuen Algorithmus oder baut den Tesla S. Auch die Frackingtechnologie wurde anfangs vom Staat finanziert, die Privaten kamen später.

STANDARD: Aber damit entstehen keine Arbeitsplätze, was Europas Regierungen vor allem wollen.

Mazzucato: Nein, Beschäftigung wird nicht mit Förderungen geschaffen, sondern wenn dynamische Industrien entstehen. Wenn ein Land wie Österreich seine Förderungen nur dazu nutzt, um alte Strukturen und Jobs zu erhalten, dann ist das dumm. Man kann aber Unternehmen durch Auflagen auch dazu bringen, langfristig in Innovation zu investieren.

STANDARD: Ist Silicon Valley nicht vor allem dadurch entstanden, dass die USA so viel Geld in Topuniversitäten wie Stanford stecken?

Mazzucato: Das reicht nicht. Wenn man nur die Wissenschaft unterstützt, dann wird man zu einer Sowjetunion. Diese hat einst mehr Geld in Grundlagenforschung gesteckt als die USA. Aber es gab keine horizontalen Verbindungen zur Industrie. Grundlagenforschung ist in Europa dramatisch unterfinanziert; aber es fehlt auch an solchen öffentlichen Entwicklungslabors wie das NIH in den USA. Europa hat das Kernforschungszentrum Cern, aber nichts Vergleichbares in anderen Bereichen. Und es fehlt an Verbindungen und Feedbackprozessen zwischen Forschung und Entwicklung. Große Missionen wie die Mondlandung oder der Kampf gegen den Klimawandel verlangen das. Die amerikanische Mondmission wurde als Problem formuliert, das gelöst werden muss, und das betraf auch die Entwicklung von Textilien. Wenn man den Mond betritt oder eine Krebstherapie entwickelt, dann ist man am Ziel. In Europa haben wir eine altmodische Industriepolitik, die eigenständige Sektoren unterstützt. Aber damit erlaubt man ihnen, nichts zu tun. Die USA denken auch viel über Organisationsstrukturen nach. Experimente werden zugelassen, ebenso ein Scheitern. Sie ziehen Topexperten aus aller Welt an. Es ist dort eine Ehre, für eine missionsgetriebene Behörde zu arbeiten.

STANDARD: Steht dem nicht die Abneigung der US-Politik gegen Staatsausgaben entgegen?

Mazzucato: In der Vergangenheit: nein. Selbst unter Ronald Reagan stiegen die Innovationsausgaben. Heute aber sind diese Investitionen erstmals in Gefahr, durch den Aufstieg der Tea Party und das politische Patt in Washington.

STANDARD: Und Europa hat diesen Prozess noch gar nicht begonnen?

Mazzucato: Hier gibt es ganz große Unterschiede. Eine der Tragödien der Eurokrise ist, dass die Diagnose falsch ist. Das Problem des Südens ist nicht, dass die Leute faul am Strand gelegen sind, während Deutschland gearbeitet und den Gürtel enger geschnallt hat, sondern dass sie nicht so viel in Innovation gesteckt haben wie die Deutschen, über die Fraunhofer-Institute oder die Investitionsbank KfW. Deutschland hat dazu die passende Unternehmensstruktur und offene Türen zwischen dem öffentlichen und privaten Sektor. Das fehlt sonst meist in Europa.

STANDARD: In den USA passt alles?

Mazzucato: Nein, auch Silicon Valley steckt in der Krise, es wird immer weniger in Innovation investiert. Früher hatte die US-Regierung noch den Mumm, Großkonzerne wie AT&T dazu zu zwingen, ihre Gewinne in Bell Labs zu stecken. Heute werden Billionen gehortet oder für Aktienrückkäufe verwendet. Warum erlaubt die Regierung das? Warum schließt sie keinen Pakt: Wir helfen euch, aber ihr reinvestiert eure Gewinne?

STANDARD: Warum investieren die Unternehmen nicht von selbst?

Mazzucato: Die Gesetze haben sich geändert; Steuern, Finanzregulierung und das Patentrecht belohnen kurzfristige Gewinne. Investiert wird, wenn Unternehmen Zukunftsperspektiven sehen, und die muss auch der Staat schaffen. Anreize sind nur effektiv, wenn sie richtig gesetzt werden. Und das geschieht oft nicht.

STANDARD: Sie fordern, dass der Staat stärker am Profit dieser Innovationen partizipiert. Wie denn?

Mazzucato: Man kann die Preise von Arzneien begrenzen, die mit Staatshilfe entwickelt wurden. Warum soll der Steuerzahler doppelt bezahlen, einmal direkt und dann über die Gesundheitskosten? Ich bin auch für direkte Gewinnbeteiligungen. Die US-Regierung gab Tesla einen Kredit und hätte bei Nichtrückzahlung Aktien erhalten. Tesla zahlte zurück, und der Aktienkurs stieg von zehn auf 90 Dollar. Wäre der Staat direkt eingestiegen, hätte er viel Gewinn gemacht. Er ging ein hohes Risiko ein, das belohnt werden sollte. Die Gewinne könnte man wieder in Innovation stecken und Verluste wie bei Solyndra abdecken. Der Staat handelt wie ein Equity-Fonds, mit dem Unterschied, dass er keinen Profit macht.

STANDARD: Reicht es nicht aus, die Gewinne zu besteuern?

Mazzucato: Das wird oft behauptet, aber darüber kann ich nur lachen. Als die Nasa gegründet wurde, lag der Grenzsteuersatz in den USA bei 93 Prozent. Wollen wir dorthin zurück? Den politischen Willen für ein progressives Steuersystem mit hohen Kapitalertragssteuern gibt es nicht. Wir sollen zwar darauf drängen, aber es ist unrealistisch.

STANDARD: Was ist Ihre Empfehlung für Europa?

Mazzucato: Die Diagnose für die Krise ist falsch, Defizite sind nicht so wichtig. Wir müssen in Ländern wie Italien in die Steigerung der Produktivität investieren, öffentliche Einrichtungen umstrukturieren, um sie dynamischer und weniger bürokratisch zu machen. Die Europäische Zentralbank sollte nicht über Staatsanleihenankäufe Geld an alle verteilen, so landet es nur bei den Banken. Es muss in die Realwirtschaft gelenkt werden. Wir müssen die Europäische Investitionsbank und nationale Investitionsprogramme stärken. Und man muss verhindern, dass in den Staaten der öffentliche Sektor ausgeräumt wird. Sonst kann niemand die EU-Investitionsprogramme umsetzen. (Eric Frey, DER STANDARD, 17.6.2015)

Mariana Mazzucato (47) ist in Italien geboren und in den USA aufgewachsen. Sie unterrichtet Innovationswirtschaft an der University of Sussex und sprach vergangene Woche bei der Veranstaltung "The State and Innovation: A Different Narrative" des Verkehrsministeriums und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien.

  • Die US-italienische Ökonomin und  Erfolgsautorin Mariana Mazzucato meint: "In Europa haben wir eine altmodische Industriepolitik, die eigenständige  Sektoren unterstützt. Aber damit erlaubt man ihnen,  nichts zu tun."
    foto: standard/corn

    Die US-italienische Ökonomin und Erfolgsautorin Mariana Mazzucato meint: "In Europa haben wir eine altmodische Industriepolitik, die eigenständige Sektoren unterstützt. Aber damit erlaubt man ihnen, nichts zu tun."

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