Aktivisten bringen Leichen von Flüchtlingen nach Berlin

Ansichtssache17. Juni 2015, 05:30
189 Postings

Ertrunkene Frau wurde aus Protest gegen EU-Asylpolitik bestattet – Großaktion vor deutschem Kanzleramt geplant

Berlin – "Die Toten kommen." Was wie der Titel eines billigen Horrorfilms klingt, erregt gerade in Deutschland viel Aufmerksamkeit. Im Rahmen einer Kunstaktion schafft das "Zentrum für Politische Schönheit" (ZPS) derzeit tote Flüchtlinge vom Mittelmeer in die deutsche Hauptstadt.

Die Aktivisten protestieren damit gegen die Abschottung der EU gegenüber Flüchtlingen. "Wir haben zehn menschenunwürdige Grabstätten (in Italien, Anm.) geöffnet und die Toten exhumiert", erklärt der künstlerische Leiter Philipp Ruch.

Am Dienstag wurde auf dem muslimischen Friedhof in Berlin-Gatow eine junge Frau beerdigt, rund 200 Menschen waren bei der Zeremonie anwesend. "Wir setzen hier eine junge Frau aus Syrien bei, die bei der Flucht über das Mittelmeer vor zwei Monaten 150 Kilometer vor der Küste ertrunken ist", erklärte ein Sprecher des Künstlerkollektivs.

Familie fehlt bei Bestattung

Zu sehen war ein zweiter Sarg - zum Gedenken an die zweijährige Tochter der Syrerin, die im Meer nicht mehr gefunden wurde. Der Vater und drei weitere Kinder haben es bis nach Deutschland geschafft, konnten aber nach Angaben der Aktivisten nicht an der Bestattung teilnehmen. Am Friedhof dankte der Imam den Aktivisten: "Sie helfen, auf Missstände aufmerksam zu machen."

In den nächsten Tagen sind weitere Bestattungen in Berlin geplant. Am Sonntag soll es einen "Marsch der Entschlossenen" zum Berliner Kanzleramt geben. Dann soll der Vorplatz in eine "Gedenkstätte für die Opfer der militärischen Abriegelung Europas" verwandelt werden. Unklar ist, ob tatsächlich Särge mit Leichen vor das Kanzleramt kommen.

Das ZPS sieht sich selbst als "Sturmtruppe zur Errichtung moralischer Schönheit, politischer Poesie und menschlicher Großgesinntheit". 2014 hatte zum 25. Jahrestag des Mauerfalls sieben Gedenkkreuze für Mauertote entfernt und an die EU-Außengrenzen gebracht. (bau, 17.6.2015)

reuters/fabrizio bensch
1
reuters/fabrizio bensch
2
reuters/fabrizio bensch
3
reuters/fabrizio bensch
4
reuters/fabrizio bensch
5
reuters/fabrizio bensch
6
foto: epa/gregor fischer
7
Share if you care.