"Game of Thrones"-Star Coster-Waldau: "Wir sehen das große Bild nicht mehr"

Interview17. Juni 2015, 05:30
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Der Schauspieler verkörpert in Susanne Biers Filmdrama "Zweite Chance" einen Polizisten und Vater, der eine ungeheure Tat begeht. Ein Gespräch über den Riss in perfekten Welten

Wien/Berlin – In Susanne Biers Zweite Chance spielt der dänische Schauspieler Nikolaj Coster-Waldau einen Polizisten, der bei einem Paar drogensüchtiger Eltern ein Baby vorfindet. Er selbst lebt mit Frau und Kind ein Bilderbuchleben. Diese beiden Welten kollidieren schicksalhaft. Ein Gespräch über Drama und Tragik und über die Zukunft der Serie Game of Thrones.

STANDARD: In "Zweite Chance" von Susanna Bier spielen Sie einen Polizisten namens Andreas, eine dramatische Rolle in einer Geschichte, die man kaum kühl sehen kann, denn es geht um die Gefährdungen von Kindern. Man kommt kaum um die Frage umhin: Sind Sie selbst Vater?

Coster-Waldau: Ich habe zwei Kinder. Die Erinnerungen an die Geburt meiner ersten Tochter haben mir in diesem Fall sehr geholfen. Die ganze Welt ist da für einige Monate wie verrückt, auf die Emotionen dieser Zeit konnte ich zurückgreifen. Doch für einen Schauspieler ist es mal so, mal so. Manchmal arbeite ich stärker mit meiner Vorstellungskraft, manchmal gibt es starke Übereinstimmungen mit dem eigenen Leben.

STANDARD: Ist Susanne Bier eine Regisseurin, die es zulässt, wenn Sie dieses Wissen einbringen?

Coster-Waldau: Sie ist sehr offen, aber es gibt schon von Beginn an ein fertiges Buch. Ein Drehtag begann immer so, dass sich am Morgen nur die Schauspieler ohne Crew mit Susanne trafen. Sie dreht immer mit zwei Kameras, und sehr viel Material. Man wiederholt die Takes in dem Sinn nicht, eher macht man sie noch einmal anders. Sie lässt sich gern überraschen. Sie lobt einen nie, das ist eine große Erleichterung, denn damit fällt diese Frage weg: War ich jetzt gut oder schlecht?

STANDARD: Die Geschichte ist ziemlich aufwühlend. Was bedeutet das für das Spiel? Wie schafft man es, da nicht durch die Figurendarstellung auf die Tube zu drücken?

Coster-Waldau: Darüber haben wir viel gesprochen. Andreas ist wie in einem Tunnel. Er begeht einen ungeheuren Akt, und danach muss er darauf bestehen, dass er das Richtige getan hat, so lange wie möglich, auch über einschneidende Ereignisse hinweg. Es lastet so viel Druck auf ihm, und das muss man spielen, ohne zu viel daraus zu machen. Mir hilft dabei die Konstruktion von Susannes Drehbuch: Ich sehe das wie eine Thrillermaschine, die mir einen Blick in den Motor erlaubt.

STANDARD: Der Motor als Bild für das Handlungsmuster von Tragödien: Ein Schritt ergibt den nächsten, unter dem Strich steht ein großes Unglück.

Coster-Waldau: Andreas besteht darauf, etwas zusammenzufügen, was nicht zusammenpasst. Er setzt eine Welt zusammen, die auseinandergefallen ist.

STANDARD: Er spielt Gott.

Coster-Waldau: Oder einen Richter. Die Gesellschaft reagiert heute oft sehr emotional, wir urteilen auf Grundlage von Videoschnipseln, sehen das große Bild nicht. Hier haben wir zwei Extreme: ein perfektes Heim, in dem ein Kind beschützt heranwachsen kann. Und dann der andere Ort, zwei drogensüchtige Menschen, eine Hölle für ein kleines Kind. Die Versuchung ist groß, es von dort herauszuholen.

STANDARD: Ohne das Ende verraten zu wollen, kann man doch sagen: Susanne Bier verzichtet auf einen Showdown, sie wählt eher eine offenere, reflektiertere Lösung. Stand das schon so im Drehbuch?

Coster-Waldau: Es gab einmal eine andere Idee, aber nur geringfügig anders. Das Finale war immer konstruktiv gedacht: ein bisschen Licht, ein Flackern zumindest.

STANDARD: Durch den sagenhaften Erfolg der Serie "Game of Thrones" werden Sie stark mit der Rolle des Jaime Lannister assoziiert. Wie schaffen Sie den Wechsel zwischen diesen Welten?

Coster-Waldau: Ich mache den Job seit 20 Jahren, das gehört dazu. In meinem Leben ist Game of Thrones in erster Linie ein weiterer Part. Sie drehen vielleicht fünf Monate im Jahr an der Serie, davon werde ich zwei Monate gebraucht. Es ist großartig, da dabei zu sein, aber es macht in meinem Leben gar nicht so extrem viel aus.

STANDARD: Wie kamen Sie an die Rolle?

Coster-Waldau: Ich hatte damals eine, wie sich herausstellen sollte, kurzlebige TV-Serie namens New Amsterdam gedreht. In dieser Situation ging ich zum Casting und spielte eine Szene mit Tyrion aus der ersten Episode, und bekam die Rolle. Es ging alles sehr schnell. Damals war es ein großes Drehbuch, aber niemand hatte eine Ahnung, was da daraus werden würde: so ein enormer Stoff, so viele Figuren.

STANDARD: Die Serie läuft ja noch weiter. Was für eine Art Vertrag unterschreibt man da eigentlich? Müssen Sie sich für alle Eventualitäten bereithalten?

Coster-Waldau: Es wird ziemlich sicher sieben Staffeln geben, also stehen noch zwei aus. Es gibt Meetings mit dem Autor George R. R. Martin darüber, wie das Ende aussehen könnte. Ich könnte mir vorstellen, dass das siebente Buch erst danach herauskommt. Ich bin in der Pflicht für sieben Staffeln, was das praktisch bedeutet, ist nicht ganz klar. Man weiß ja auch nicht, wie lange Jaime am Leben bleibt. Die Staffel könnte auch 2017 oder 2018 gedreht werden.

STANDARD: Sie leben weiterhin in Dänemark. Wie erklären Sie sich den großen Erfolg skandinavischer Fernsehserien?

Coster-Waldau: Schwer zu sagen, vieles ist eine Sache günstiger Konstellationen. Wir haben viel Zeit darauf verwendet, diese dramatische Form zu perfektionieren. Dänemark ist ein kleines Land mit einer Tradition, Kräfte zu bündeln. Wir stecken da alles Talent hinein, das wir haben. Und das ganze Land sieht zu. Es gibt ein starkes Kollektivbewusstsein, wenn man da rausfällt, kann man sehr allein sein, und wenn man in einer perfekten Welt nicht glücklich ist, noch mehr. Das sind die Wunden, in die auch Susanne Bier ihre Finger legt. (Bert Rebhandl, 17.6.2015)

Nikolaj Coster-Waldau (44) wurde durch den dänischen Thriller "Nightwatch" bekannt. Seit 2011 gehört er zum Ensemble der Serie "Game of Thrones". Mit der grönländischen Künstlerin Nukaka Motzfeldt hat er zwei Kinder.

Ab Freitag im Kino

  • Mann in der Zwickmühle: Nikolaj Coster-Waldau spielt in "Zweite Chance" den Polizisten Andreas, dessen Leben sich mit dem eines Junkie-Paares schicksalhaft verkeilt.
    foto: thimfilm

    Mann in der Zwickmühle: Nikolaj Coster-Waldau spielt in "Zweite Chance" den Polizisten Andreas, dessen Leben sich mit dem eines Junkie-Paares schicksalhaft verkeilt.

  • vipmagazin

    Trailer zu "Zweite Chance".

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