Uwe Timm: Als Turmbewohner bannt der Dichter Tränen

16. Juni 2015, 17:10
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Plädoyers für Zartheit: Die meisterliche Essaysammlung "Montaignes Turm"

Wien - Für das Geschäft des Schreibens ist es von Vorteil, ordentlich behaust zu sein. Uwe Timm (75) ist gebürtiger Hamburger. Seiner Tätigkeit als Autor geht er in München nach. Dort hat er, wie er in dem Essay Montaignes Turm beschreibt, ein Turmzimmer gefunden. Dieses teilt er mit Nachschlagewerken: dem Lexikon der Brüder Grimm, darüber hinaus mit Werken wichtiger Gewährsleute wie Goethe, Kleist, Hölderlin, Platon oder Benn.

Timms Hinweis auf Michel de Montaignes Schreibwerkstatt erhält seinen Sinn durch die Charakteristik des Turms. Das Bauwerk ragt in die Landschaft hinein. Es ermöglicht einen Fernblick ohne Einschränkungen. Nach innen zu wiegt sich der Türmer in der Illusion, er wohne in der Geborgenheit einer Höhle. Das Höhlenhafte wird um die Vertikalität bereichert. "Auf Bäume steigen", schreibt Timm, "kann zumindest der Säbelzahntiger nicht, wäre sogar von oben zu bekämpfen, wohl auch zu erlegen."

Montaigne, der Dichter der Essais, begann mit der Niederschrift seiner Abhandlungen 1572, im Jahr der Bartholomäusnacht. Uwe Timms Zeitzeugenschaft erstreckt sich über die Jahre seit 1968. Seine Romane sind souverän erzählte Beiträge zur neueren deutschen Mentalitätsgeschichte. Den Säbelzahntiger sucht man, ebenso wie anderes exotisches Getier, in ihnen vergebens.

Die in dem Band Montaignes Turm versammelten Essays und Gelegenheitsaufsätze umfassen einen Zeitraum von 1997 bis 2014. Timm gehört zu den wahren Meistern des Understatements. Alle Beiträge zusammengenommen, entsteht das Bild einer Poetologie, die man "klein" nennen möchte. Wer das Betriebsgeheimnis der Welt auf einen Schlag zu erfahren hofft, muss um die Höhle dieses Weisen einen Bogen schlagen.

Gefahren der Fiktion

In Timms Turm herrscht gleichbleibend freundliches Licht. Verstiegenheiten bleiben aus der Denkkammer ausgesperrt. Doch die Gefahren, die lauern, sind zahlreich. Sie stecken häufig genug im Gewand der Fiktion.

Der Lichtspalt unter der Zimmertür nennt sich ein Vortrag über die Grimm'schen Hausmärchen. Timm verwebt darin den Erzählfaden von Hänsel und Gretel mit der eigenen Geschichte. Der Bub verlässt 1945 das zerstörte Hamburg und schlüpft mit der Familie im thüringischen Coburg unter. Märchenhaft sind die Gerüchte, es würden auf dem Schwarzmarkt Dosen mit Menschenfleisch verkauft. Es sind Grimms Märchen mit ihrem Spruchzauber, die das Grauen vor Hexen und anderen kannibalischen Mächten genießbar machen. "Genießbar": In diesem Wort scheint der Zwiespalt der Bewältigung von Ängsten durch die Literatur aufgehoben.

Timm befragt wiederholt die Mittel des Erzählens. Ihrer versichere man sich durch geduldiges "Zitieren" und "Ausprobieren". Das Lob der deutschen Sprache gibt es nicht pauschal. Timm greift sich ausgerechnet den todunglücklichen Kleist heraus, um Belege für eine Zartheit zu suchen, die sich mit dem Erreichen einer allseits erwünschten Klarheit des Ausdrucks nicht zufriedengibt. Kleist, Meister der wuchernden Sätze, schrieb an einen Freund: "Wie soll ich es möglich machen, in einem Brief etwas so Zartes, als ein Gedanke ist, auszuprägen? Ja wenn man Thränen schreiben könnte - doch so -".

Tränen bannt Timm nicht. Aber neben fantastischen Würdigungen von Böll, Koeppen oder Manns Zauberberg finden sich in Montaignes Turm kluge Einlassungen zu den Irrfahrten unbehauster Menschen quer über den Globus. Eine Reise in den Tschad nutzt Timm 2014 zum Anschauungsunterricht. 397.000 Flüchtlinge der sudanesischen Masalit und Fur leben heute im Tschad. Und "natürlich denkt man sogleich an die Diskussionen zu Hause, in Deutschland, wo sich Gemeinden streiten, ob sie siebzig oder achtzig Flüchtlinge aufnehmen sollen." Kein Turm, der den Vertriebenen Unterschlupf böte. (Ronald Pohl, 16.6.2015)

Uwe Timm: "Montaignes Turm". Essays. 190 Seiten, € 17,50, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015

  • Meister der Nachdenklichkeit: Romancier Uwe Timm.
    foto: robert newald

    Meister der Nachdenklichkeit: Romancier Uwe Timm.

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