Longchamp-Chef Cassegrain: "Für jeden die passende Tasche"

Interview24. Juni 2015, 18:41
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Das französische Taschenunternehmen Longchamp ist auch in dritter Generation fest in Familienhand, in Wien eröffnete nun am Graben ein Geschäft

STANDARD: Sie haben überall auf der Welt Geschäfte, in Wien erst jetzt. Warum?

Jean Cassegrain: Wir hatten Schwierigkeiten, einen geeigneten Ort zu finden. Erst nach vier Jahren wurden wir am Graben fündig.

STANDARD: Was ist ein geeigneter Ort für eine Marke wie Longchamp? Sie sind weder ein Luxuslabel noch eine Marke für die breite Masse.

Cassegrain: Wir brauchen ein hochwertiges Umfeld, aber auch eine gewisse Frequenz. Diese Balance zu finden ist alles andere als einfach. Zudem sind die Preise in Wien sehr hoch.

STANDARD: Sie verkaufen in erster Linie Taschen. Lange galten Taschen als wahre Goldbringer – Stichwort It-Bags. Ist diese Zeit vorbei?

Cassegrain: Frauen schauen sich heute sehr genau an, welche Taschen sie kaufen. Als ich in diesem Geschäft anfing, waren Handtaschen von geringer Bedeutung. Heute ist es umgekehrt: Man trägt Mode von den großen Ketten, aber eine teure Handtasche. Das hat damit zu tun, dass es relativ einfach ist, sich über eine Handtasche zu definieren. Stilbewusstsein durch Mode auszudrücken ist viel schwerer. Früher besaß eine Frau eine Handtasche, heute viele.

STANDARD: Das Marketing der Firmen tut aber auch alles, damit sich diesbezüglich nichts ändert.

Cassegrain: It-Bags sind für uns keine Kategorie. Die meisten Ready-to-wear-Firmen konzentrieren sich auf ein Handtaschenmodell pro Saison, wir sind da viel breiter aufgestellt. Unsere Strategie ist, für jeden die passende Tasche zu haben, aber nicht, jemandem zu erklären, welche Tasche in diesem Moment die richtige ist.

STANDARD: Werbetechnisch beschränken Sie sich aber auch auf einige wenige Modelle.

Cassegrain: Nicht unbedingt. Auf eine sogenannte It-Bag zu setzen ging für manche Firmen nach hinten los. Die Kunden assoziieren eine Marke mit einem bestimmten Taschenmodel, aber was passiert, wenn dieses aus der Mode kommt? Das passiert schneller, als einem lieb ist.

STANDARD: Auch Longchamp ist für eine spezielle Tasche bekannt, die Falttasche "Le Pliage" ...

Cassegrain: ... das ist eine andere Geschichte. Le Pliage ist eine Über-It-Bag. It-Bags gehören in eine bestimmte Zeit. Le Pliage wird es auch noch in 20 oder 30 Jahren geben.

foto: longchamp
Die Bestandteile der Tasche "Le Pliage".

STANDARD: Leider hat die Mode einen recht kurzen Atem. Was heute modern ist, ist morgen altmodisch.

Cassegrain: Le Pliage ist kein Modeartikel, sie ist wie das Lacoste-Polo-Shirt ein Klassiker.

STANDARD: Auch Lacoste hatte viele Auf und Abs. Es gab eine Zeit, da galten die Poloshirts nicht als begehrenswert.

Cassegrain: Wichtig ist, dass man beständig an der Qualität und am Design des Produktes arbeitet, Änderungen vornimmt, neue Materialien und Farben einführt, mit verschiedenen Designern und Künstlern arbeitet. Tracey Enim hat eine Pliage designt, wir haben ein Modell in Leder eingeführt. Damit alles so bleibt, wie es ist, muss man beständig Änderungen vornehmen.

STANDARD: Es ist wesentlich einfacher, Accessoires zu verkaufen als Mode, dennoch haben Sie vor einigen Jahren auch eine Ready-to-wear-Linie eingeführt. Warum?

Cassegrain: Viele Lederwarenhersteller haben das in der Vergangenheit gemacht. Der Grund ist, dass Handtaschen und Mode im demselben Segment beheimatet sind. Früher war das anders. Ready to wear ist das Herzstück der Modewelt, und da wollen wir mitspielen.

Modell Le Pliage Heritage Mini

STANDARD: Themenwechsel: Rauchen Sie Pfeife?

Cassegrain: Nein, hab ich nie.

STANDARD: Sie wissen, warum ich frage. Longchamp stellte ursprünglich mit Leder überzogene Pfeifen her. Die Marke wandelte sich also von einer männlichen zu einer weiblichen Marke.

Cassegrain: Bis in die Siebziger gab es kaum weibliche Produkte. Dafür neben Pfeifenetuis viele Kleinlederwaren, vor allem kleine Männerhandtaschen, die damals sehr beliebt waren. In dieser Zeit verkauften wir viele Produkte nach Japan, dort wünschte man sich aber mehr weibliche Produkte. So entstand unsere erste Handtasche. Mein Vater war der Erste, der die Idee hatte, Gepäckstücke aus Nylon herzustellen. Diese waren weitere Bestseller. Heute verkaufen wir 80 Prozent unserer Produkte an Frauen.

foto: longchamp
Der neue Longchamp-Store am Wiener Graben.

STANDARD: Sie sind ein Familienbetrieb in dritter Generation. Ist das Fluch oder Segen?

Cassegrain: Segen. Entscheidungen werden schneller getroffen. Wir müssen niemandem Frage und Antwort stehen. Wir sind unabhängig, und das ist gut so.

STANDARD: Familienunternehmen werden oft von Streitigkeiten gelähmt.

Cassegrain: Wir sind nicht so viele. Sowohl mein Bruder als auch meine Schwester sind im Unternehmen aktiv, das hilft, da wir alle im selben Boot sitzen.

STANDARD: Wo sehen Sie Ihr Unternehmen in einer Generation?

Cassegrain: Ich hoffe, wir sind auch dann noch ein Familienunternehmen. Und stehen zu unseren Werten. Aber um das zu erreichen, müssen wir uns kontinuierlich verändern. (Stephan Hilpold, Rondo, 24.6.2015)

  • Der Vater ist Präsident, die Tochter Kreativdirektorin, und der Bruder leitet das US-Geschäft: Jean Cassegrain  ist der CEO von Longchamp.
    foto: longchamp

    Der Vater ist Präsident, die Tochter Kreativdirektorin, und der Bruder leitet das US-Geschäft: Jean Cassegrain ist der CEO von Longchamp.

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