Hotel der Zukunft: Das Smartphone ist der Schlüssel

18. Juni 2015, 15:44
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Was Hotels ihren Gästen künftig anbieten sollten, wird im deutschsprachigen Raum seit Jahren erforscht. Derweil hat in Wien gerade das erste Hotel der Zukunft als lebendiges Labor eröffnet

Warum stellen wir uns das Hotel der Zukunft so gerne als sterile Raumkapsel vor, mit der man in der Vergangenheit auf dem Mond landete? Urlaub am Meer der Stille? Ist es das, was wir in zwanzig Jahren wollen? Die Zukunft ist oft einfacher gestrickt und hat - wie so oft - bereits begonnen. Gerade in der professionellen Gastlichkeit.

foto: hotel schani/kurt hoerbst
Grau wie eine Seite der Fassade des Hotels, das da steht. Die andere Seite trägt Zwirnsocken-Braun, wie Pensionisten in Sandalen.

Schon jetzt kommt man zum Hotel der Zukunft über den Hinterausgang des Wiener Hauptbahnhofs. Es steht mitten im Stadtentwicklungsgebiet hinter rostigen Baustahlgittern am Helmut-Zilk-Park. Wiens neue größte Grünfläche ist wirklich noch Zukunft, weil derzeit unter Bauschutt begraben. Also so grau wie eine Seite der Fassade des Hotels, das da steht. Die andere Seite trägt Zwirnsocken-Braun, wie Pensionisten in Sandalen.

foto: hotel schani/kurt hoerbst

"Future Hotel" heißt ein internationales Forschungsprojekt, das vom deutschen Fraunhofer-Institut seit sieben Jahren betrieben wird. Ziel ist es, mit Partnern aus der Hotelbranche herauszufinden, was gute Beherbergung künftig ausmachen wird. Dem Hotel Schani, das Mitte April hinterm Hauptbahnhof eröffnet wurde, kommt dabei eine besondere Rolle zu: Es ist quasi das "Future Hotel".

Also der erste Beherbergungsbetrieb, in dem die Erkenntnisse von Fraunhofer angewandt werden. Ein lebendiges Labor, in dem neue Technologien und alternative Konzepte der Raumnutzung bei laufendem Betrieb erprobt werden. Soweit man das weiß, ein einzigartiges Unterfangen.

Knotzen in der Lobby

Wer erst einmal in der Lobby des Hotel Schani steht, wird sich darüber freuen, wie "cosy" die Zukunft dann von innen ausschaut: Bier wird es an einer zentralen Bar geben, die gleichzeitig als Rezeption dient, rundherum stehen bunt zusammengewürfelte Sitzmöbel, in die man sich gerne flätzt. Bücher - sogar in Papierform, untergebracht in Holzregalen - werden auch noch da sein, und natürlich Topfpflanzen. Mit dem hoteleigenen Schanigarten ist es wie mit dem städtischen Park vor der Tür - vorerst Zukunftsmusik.

foto: hotel schani/kurt hoerbst
Eine offene Lobby mit Nischen zum Knotzen und Arbeiten ist das kommunikative Zentrum im Wiener Hotel Schani.

Irgendwann taucht Hausherr Benendikt Komarek in dem hohen, hellen Raum auf, spielt, ganz der Gegenwart verhaftet, an seinem Smartphone herum, und trägt Kapitel eins der Hotelzukunft vor: "Die Leute wollen nicht mehr Schlange vor einer Rezeption stehen, um einzuchecken." Dann tippt er mit dem Finger auf die "Schani"-App auf dem Handy und demonstriert, wie das in seinem Haus läuft: Eingabe der persönlichen Daten, Auswahl des gewünschten Zimmers und Stockwerks, Check-in und Bezahlung - lässt sich alles schon zu Hause erledigen.

Die App ist dann auch gleich der Zimmerschlüssel, die Rezeption wird dadurch wirklich vorwiegend Bar. Dennoch stehen dahinter drei Damen in einem schwarzen T-Shirt mit dem Aufdruck "Gschamster Diener". In der Zukunft wird also noch für den Fall vorgesorgt, dass die Technik einmal versagt. Und: Sie hat auch Wiener Schmäh.

Allein in Gesellschaft

Künftige Raumkonzepte für den öffentlichen Bereich eines Hotels orientieren sich offensichtlich ebenfalls an einer Wiener Tradition: "Es soll wie ein Kaffeehaus früher funktionieren. Man schaut vorbei, um in Gesellschaft allein zu sein oder ein wenig zu arbeiten", sagt Komarek. Begünstigt wird das im Schani durch eine eingezogene Zwischendecke, auf der Arbeitsplätze mit Glasfaserinternet stehen. Menschen, die keine Hausgäste sind, haben sich hier eingemietet, um stundenweise in der entspannten Atmosphäre einer Lobby zu werken.

foto: hotel schani/kurt hoerbst

Hotelzimmer der Zukunft bleiben in der harten Realität des Low-Budget-Segments aber funktionale Kammern. Im Schani darf man um Zimmerpreise ab 74 Euro jedenfalls auf guten Federkernmatratzen weiter mit seinem Handy spielen. Per App lässt sich sogar die Lichtanlage steuern oder der Fernseher als Monitor verwenden. Lösungen für variable Nächtigungspreise - etwa bei später Anreise oder früher Abreise - sind da schon schwerer zu integrieren. "Das hieße auch, dass das Reinigungspersonal zu flexibleren Zeiten da sein müsste", erklärt Komarek. Aber vielleicht kommt das irgendwann noch - man ist ja lebendiges Labor.

foto: hotel schani/kurt hoerbst
Das Smartphone öffnet die Zimmertür.

Empirisch gestützte Glaskugeln für die Hotellerie sind gerade im deutschsprachigen Raum besonders gut aufgestellt. So arbeitet neben Fraunhofer auch das Zukunftsinstitut Österreich an einem Langzeitprojekt, das sich "Hotel der Zukunft" nennt. Darin wurden sechs Thesen formuliert, die Hoteliers als Orientierungshilfe dienen sollen. In der Umsetzung technischer Bedürfnisse, die Gäste schon jetzt haben, ist man sich mit den Leuten von "Future Hotel" weitgehend einig. Ebenso darüber, dass Hotels besser auf die zunehmende Überlappung von Arbeit- und Freizeitwelt reagieren müssen. Allerdings wird es auch in Zukunft Gesetze der Gastlichkeit geben, die mit Technik und Raumplanung überhaupt nichts zu tun haben.

Orte der Referenz

Die Luxushotellerie ist weiterhin stark im Wachsen begriffen. Doch viele Gäste verstehen unter Luxus längst nicht mehr Protz. Gerade dieses Segment sollte daher Lebensqualität als zentrales Angebot im Fokus haben. Hotels werden auch immer mehr selbst zu Destinationen. Und weil physische Orte in Zeiten von Google Maps wieder an Bedeutung gewinnen, sollten Häuser eine stärkere Referenz zur Region bieten, in der sie stehen.

foto: hotel schani/kurt hoerbst
Die Zimmer: schlicht und funktional

Nicht zuletzt liegt die Zukunft vieler Hotels in der Nische. Mit der Individualisierung der Gesellschaft könnten auch die Bedürfnisse der Reisenden nicht unterschiedlicher sein. Fein, wenn dann ein jugendliches "Snowboarder"-Hotel wie das Cube im Kärntner Nassfeld besonders gut bei älteren Semestern ankommt oder sich Gay-Häuser wie die Axel-Hotels als "heterofriendly" outen. Dass einige Häuser viele Zukunftstrends gegenwärtig schon umsetzen, versteht sich von selbst. (Sascha Aumüller, Rondo, 19.6.2015)

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