Puristisch-Raffiniertes aus Norwegen von Andreas Engesvik: Blink, Nordlicht

29. Juli 2015, 16:53
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Der norwegische Designer Andreas Engesvik schafft es mit seinen Entwürfen, Zeitloses mit Zeitgeist zu verbinden

Es blieb lange ruhig um den hohen Norden. Dominierten die skandinavischen Länder die Designavantgarde der 1930er- bis 1960er-Jahre, verlagerte sich der Fokus im Anschluss nach Italien. Dort blieb er, bis ein Beben in der Finanzwelt auch die Welt des Wohnens auf den Prüfstand stellte. Der Norden wurde plötzlich als Rettung begriffen. Eine Insel der Glückseligen, die kontinuierlich auf langlebige Formen und natürliche Materialien setzten, als diese in Mailand belächelt wurden.

Die Wiederentdeckung des skandinavischen Designs ist nicht gleichbedeutend mit einer Rückschau. Im Gegenteil: In den vergangenen zehn Jahren hat sich vor Ort eine lebendige Szene an jungen Designbüros etabliert, die längst den Sprung auf die internationale Bühne gemeistert hat. Ein Designer, der das Selbstbild seiner Generation auf den Punkt bringt, ist der Norweger Andreas Engesvik.

foto: hersteller, andreas engesvik
Gläserwald "The Woods". Die Formen wirken der Tradition verbunden und sind doch etwas völlig Neues.

"Wir Skandinavier sind sehr praktisch veranlagt. Wir werfen Dinge nur ungern weg und investieren lieber in ein richtiges gutes Produkt als in etwas Billiges, das schnell kaputtgeht", erklärt der Osloer Gestalter. Nicht ohne Grund sind es vor allem archetypische Formen, die derzeit hoch im Kurs stehen. Ein neues Produkt nur wegen seiner Neuheit zu erwerben reicht in seinen Augen nicht mehr aus. Erst wenn etwas qualitativ so gut gemacht ist, dass es die Zeit zu überdauern und auf angenehme Weise zu altern vermag, erhält es seine Berechtigung.

Für Aufsehen hat Andreas Engesvik bereits nach seinem Designstudium in Bergen gesorgt, als er mit einigen Studienkollegen das Büro Norway Says gegründet hatte. Neun Jahre hielt die Kooperation mit den Designern Torbjørn Anderssen, Espen Voll und Hallgeir Homstvedt, bis sie ab 2009 wieder ihre eigenen Wege gingen. "In diesen frühen Jahren zusammenzuarbeiten war sehr hilfreich. Doch wenn man etwas reifer geworden ist, häufen sich die Differenzen. Und dann ist es besser, wieder allein zu arbeiten", sagt der heute 44-Jährige. Den Austausch über gestalterische Fragen möchte er dennoch nicht missen. Immer wieder kooperiert er für einzelne Projekte mit anderen Designern, ohne dabei die eigene Unabhängigkeit aufzugeben.

foto: hersteller, andreas engesvik
Puristisch-raffiniert: Sessel "Vank".

Sensibilität fürs Einfache

Ein Ergebnis temporärer Teamarbeit ist die Bodenleuchte "Colour", die Andreas Engesvik zusammen mit dem 30-jährigen Norweger Daniel Rybakken entworfen hat. Zwei farbige Scheiben aus Transparentglas werden so an die Wand gelehnt, dass sie sich gegenseitig überlagern. Ein runder, weißer Diffusor verbirgt die Lichtquelle und bringt das Objekt zum Leuchten, das mit wenigen Handgriffen vom Benutzer variiert werden kann. Wurde der Entwurf ab 2010 von Ligne Roset produziert, wechselte er später in die neue Leuchtenkollektion des Möbellabels e15.

Auch das Raumteilersystem "Ease" (2014) für den schwedischen Büromöbelhersteller Edsbyn entstand in Kooperation mit dem Stockholmer Designer Jens Fager. Der Aufbau der Paneele ist einem Sandwich nachempfunden: Eine Schicht aus wiederverwerteten PET-Kunststoffflaschen wird beidseitig von weichen Stoffschichten des dänischen Herstellers Kvadrat umschlossen. "Das Laminieren von Textil ist ein neues Verfahren, bei dem die einzelnen Schichten durch hohen Druck und hohe Temperatur verbunden werden", verdeutlicht Andreas Engesvik die technische Umsetzung des Projekts, in die er auch unmittelbar mit eingebunden war.

foto: hersteller, andreas engesvik
Design von Andreas Engesvik: Kerzenständer "Chunk".

Eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart schlägt das Sofa "Tiki" (2014) für den schwedischen Möbelhersteller Fogia. Auch wenn sich das Traditionsunternehmen durch die Arbeit mit neuen Designern verjüngen wollte, ging es Andreas Engesvik vor allem um die richtige Balance: "Die Form des Sofas wirkt alt und neu zugleich. Während die Konstruktion sehr leicht ist, umschließen einen die Polster beim Sitzen wie eine Jacke", beschreibt der Norweger seinen Gestaltungsansatz, den er diesmal im Alleingang entwickelt hatte.

Was an seiner Arbeit typisch skandinavisch ist? "Wir sind aufgewachsen mit Sommer- und Winterhäusern, ebenso mit Segelbooten. Da ergibt sich eine Sensibilität für die einfachen wie nützlichen Dinge", sagt Andreas Engesvik, der seit drei Jahren als Gastprofessor an der Stockholmer Hochschule für Kunst und Gestaltung (Konstfack) unterrichtet.

Dass viele Hersteller zurzeit auf die Wiederauflagen von Klassikern setzen, anstatt neuen Entwürfen den Vorrang zu geben, stört ihn nicht. "Klassiker sind ein Teil unserer Kultur. Sich auf sie zurückzubesinnen verstärkt nicht nur das Bewusstsein für Gestaltung. Es erweitert ebenso das Spektrum, weil wir heute zwischen alten und neuen Entwürfen wählen können", erklärt Andreas Engesvik. Es scheint, als wäre er mit seinen puristisch-raffinierten Entwürfen genau zur richtigen Zeit gekommen. (Norman Kietzmann, Rondo, 29.7.2015)

  • Sensibilität für das Nützliche und Einfache steht bei den Entwürfen von Andreas Engesvik, der auch an der Stockholmer Hochschule unterrichtet, im Vordergrund.
    foto: siren lauvdal

    Sensibilität für das Nützliche und Einfache steht bei den Entwürfen von Andreas Engesvik, der auch an der Stockholmer Hochschule unterrichtet, im Vordergrund.

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