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12. Februar 2017, 17:55

Im Jahr 2015 wurden in Österreich so viele Kinder geboren wie seit 1996 nicht mehr. 84.381 kleine Menschen taten in diesem Jahr ihren ersten Atemzug, und dieses Zwanzigjahreshoch sorgte auch für einen Anstieg der relativen Zahlen: Die Fertilitätsrate stieg von 1,33 Kindern pro Frau zu Beginn des Jahrhunderts auf zuletzt wieder 1,49 Kinder. Das liegt freilich noch immer deutlich unter dem Wert von 2,1, den Demografen unter dem Schlagwort "Bestanderhaltungsniveau" als notwendig erachten, damit eine Gesellschaft auf lange Sicht nicht ausstirbt – falls sie denn auf Zuwanderung verzichten will.

Über 2,1 lag die Fruchtbarkeitsrate in Österreich zuletzt Anfang der 1970er-Jahre, kurz bevor der Pillenknick sie endgültig einbrechen ließ. Damals bot sich vor allem hinsichtlich der elterlichen Glaubensbekenntnisse noch ein ganz anderes gesellschaftliches Bild als heute. Über 90 Prozent der Neugeborenen waren Kinder römisch-katholischer Mütter, rund sechs Prozent der Buben und Mädchen hatten evangelische Mütter, und weniger als ein Prozent der Säuglinge waren im Bauch konfessionsloser Frauen herangewachsen.

Die Zahl der Frauen und nicht der Männer ist in der Analyse deshalb aussagekräftiger, da nach der Geburt die Religionszugehörigkeit der Mutter anders als jene des Vaters immer dokumentiert wird. Gleichwohl handelt es sich laut Statistik Austria um eine freiwillige Auskunft: Mütter, die sich zu keinem Bekenntnis deklarieren wollen, werden unter "keine oder keine gesetzlich anerkannte Religionsgemeinschaft" geführt – selbst wenn es darunter in Einzelfällen Frauen gibt, die dennoch einer Konfession angehören, ist es ihnen nicht von Bedeutung, sich auch dazu zu bekennen.

Kirchenaustritte wirken generationenübergreifend

Die massiven Austritte aus der Kirche sorgten im Lauf der Jahrzehnte dafür, dass heute nur mehr 49,5 Prozent der Kinder im Land erklärt römisch-katholischen Müttern geboren werden. Dieser Anteil liegt selbst unter jenem, den die Katholiken noch an der Gesamtbevölkerung ausmachen. Zwar wird seit der Volkszählung 2001 die Glaubenszugehörigkeit der österreichischen Wohnbevölkerung nicht mehr behördlich erhoben, doch laut Bischofskonferenz sind heute noch 5,2 Millionen oder knapp 60 Prozent der in Österreich lebenden Menschen Mitglieder der katholischen Kirche. Allein von 2014 auf 2015 verringerte sich die Zahl der Neugeborenen mit katholischen Müttern von 45.500 um 9,2 Prozent auf 41.783.

Ähnliche Rückgänge mussten auch die anderen christlichen Konfessionen hinnehmen. Evangelische Mütter bekamen 2014 noch 2.936 Kinder, 2015 sank deren Zahl auf 2.595. Bei den Altkatholiken, den Zeugen Jehovas und anderen kleineren Gruppen stagnierte die Geburtenzahl, Veränderungen gab es nur im zwei- bis dreistelligen Bereich. Frauen, die sich als der israelitischen Kultusgemeinde zugehörig deklarierten, brachten im Jahr 2015 119 Kinder zur Welt, 2014 waren es noch 131.

Anders als häufig angenommen gibt es aber auch bei den islamischen Glaubensangehörigen keinen Geburtenboom. Bekennend muslimische Frauen mit Wohnsitz in Österreich brachten im vorvergangenen Jahr 10.760 Kinder zur Welt; das liegt selbst unter dem bereits von 2005 bis 2014 stagnierenden Schnitt von von 10.810 Geburten pro Jahr. Weil anders als bei den Christen die Zahl potenzieller Mütter islamischen Glaubens in diesen zehn Jahren durch Zuwanderung aber stark gestiegen ist, sank der relative Wert – also die zusammengefasste Geburtenziffer muslimischer Frauen – sogar.

Tatsächlich ist die steigende Geburtenrate in Österreich fast ausschließlich der Reproduktionsneigung jener Mütter zu verdanken, die sich nicht als Mitglieder einer Religionsgemeinschaft deklarieren. 1970 brachten sie 943 Kinder zur Welt, 1995 bereits 5.640 Kinder. Zwanzig Jahre später hat sich diese Zahl auf 23.813 mehr als vervierfacht. Damit waren die Konfessionsfreien 2015 für mehr als ein Viertel der Neugeborenen verantwortlich. Salopp gesprochen, füllen sie jene Lücke, die Bekenntnisangehörige seit Jahren öffnen.

Dass die Geburtenziffer zuletzt wieder leicht gestiegen ist, liegt entgegen populärer Annahmen auch nicht an Ausländerinnen oder eingebürgerten Österreicherinnen. Im Gegenteil: Seit Beginn der Erhebungen sank deren Fertilitätsrate kontinuierlich von 2,3 Kindern pro Frau im Jahr 1992 auf 1,9 im Jahr 2015. Großfamilien mit mehr als zwei Kindern sind also mittlerweile auch unter Nicht-Österreichern die Ausnahme.

Die sinkende Fruchtbarkeitsrate der Türkinnen und eingebürgerten Türkinnen in Österreich verdeutlicht nicht nur den Rückgang qua Nationalität und Geburtsort, sondern auch jene nach Religionszugehörigkeit – immerhin handelt es sich bei ihnen um Angehörige der größten muslimischen Community im Land. Mitte der 1980er-Jahre lag ihre Fertilitätsrate noch bei knapp vier Kindern pro Frau, heute bei einem Wert von unter 2,3.

Dieser Trend deckt sich näherungsweise mit der Entwicklung in ihrem Herkunftsland: In der Türkei fiel die Fruchtbarkeitsrate von 6,3 Kindern pro Frau im Jahr 1960 auf einen Wert von rund vier zu Beginn der 1980er-Jahre und auf zuletzt 2,1 – Tendenz weiter sinkend. Prognosen gehen bis 2050 von einem weiteren Rückgang auf 1,8 aus, weshalb sich sogar Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan mit desparaten Warnungen an die Bevölkerung wandte.

Sinkende Rate in allen muslimischen Ländern

Dass die Fertilitätsrate der Musliminnen nicht nur in Österreich sinkt, sondern in allen mehrheitlich muslimischen Ländern der Welt, zeigte auch der kürzlich verstorbene Mediziner und Statistiker Hans Rosling in einem 2012 aufgezeichneten Ted-Talk. Demnach hatte 1979 jedes einzelne dieser Länder eine Fertilitätsrate von mehr als drei Kindern pro Frau. 2015 lagen mehr als die Hälfte der Länder darunter.

Die Österreicherinnen hingegen haben die Talsohle bei der Fertilitätsrate von 1,24 Kindern pro Frau im Jahr 2001 durchschritten, seither ist ihr Wert wieder auf 1,39 angestiegen – den höchsten seit 1993. Das glich den Rückgang bei Nicht-Österreicherinnen wieder aus.

Exkurs: Die "Bastarde" sind bald in der Überzahl

Mit dem sinkenden Bekenntnis zur institutionalisierten Religion scheint in Österreich auch der Sinn für das Sakrament der Ehe nachhaltig abhandenzukommen – zumindest jenen Eltern, die Wert darauf legen, nicht erst nach der Geburt zu heiraten. Das prozentuelle Verhältnis von 87 ehelich zu 13 unehelich geborenen Kindern Anfang der 1970er-Jahre ist längst auf dem Weg sich umzukehren. 2015 wurden nur mehr 57,9 Prozent der Kinder verheirateten Eltern geboren, während 42,1 Prozent der Säuglinge zu jener Gruppe zählen, die der Volksmund früher abfällig "Bastarde" nannte und als "Kegel" sprichwörtlich den "Kindern" hintanstellte.

In Kärnten ist dieser Umbruch bereits erfolgt und die ehelich geborenen Kinder sind seit 2004 in der Unterzahl; 2015 kamen dort nur mehr 47 Prozent der Babys als Kinder verheirateter Eltern zur Welt. Die Steiermark ist der nächste logische Kandidat, dort sank der Anteil der ehelichen Kinder seit Ende der 1980er-Jahre von rund 70 auf 50,4 Prozent. In Wien kommen noch fast zwei Drittel der Kinder "legitimiert" zur Welt, doch auch in der Bundeshauptstadt neigt sich die Kurve wie in allen Bundesländern über Konfessions- und Nationalitätsgrenzen der Eltern hinweg nach unten.

Setzt sich der Trend der jüngeren Vergangenheit fort, dann könnten in Österreich bereits in den 2020er-Jahren in der Mehrzahl Kinder als Nachkommen unverheirateter, bekenntnisloser Eltern geboren werden. (Michael Matzenberger, 13.2.2017)

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Definition Fertilitätsrate
Ein Wert von 1,49 gibt an, "dass bei zukünftiger Konstanz der altersspezifischen Fertilitätsraten eine heute 15-jährige Frau in Österreich bis zu ihrem 50. Geburtstag statistisch gesehen 1,49 Kinder zur Welt bringen wird". Die Fertilitätsrate wird bisweilen auch als Gesamtfruchtbarkeitsrate oder zusammengefasste Geburtenziffer bezeichnet. Im EU-Vergleich liegen Österreichs 1,49 Kinder pro Frau etwas unter dem Durchschnittswert von 1,58. Frankreich erreicht mit 2,01 die höchste Rate, Portugal mit 1,23 die niedrigste.

Hinweis
Die aktuellsten Zahlen der detaillierten Geburtenstatistik liegen für das Jahr 2015 vor, veröffentlicht wurden sie im Jänner 2017. Die Verzögerung gegenüber dem gängigen Veröffentlichungszeitpunkt im Folgejahr liegt an einer Umstellung des Datenmaterials: Bis 2014 wurden Standesamtmeldungen herangezogen, ab dem Berichtsjahr 2015 Daten aus dem Zentralen Personenstandsregister. Mit der Umstellung wurden erstmals auch im Ausland stattgefundene Geburten von in Österreich wohnhaften Frauen berücksichtigt. An der Zählweise des mütterlichen Religionsbekenntnisses hat sich aber nichts geändert – bis auf die detailliertere Segmentierung der Kategorie "Sonstige" in "orthodoxe und altorientalische", "andere christliche und christlich orientierte Kirchen und Gemeinschaften", und "andere nicht christliche Gemeinschaften".

Fotocredit
dpa/Waltraud Grubitz