Verdienen Arme mehr, profitiert die ganze Gesellschaft

16. Juni 2015, 13:58
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Studie des Internationalen Währungsfonds widerlegt Pferdeäpfel-Theorie. Wohlstand der Reichen färbt nicht allmählich auf untere Schichten ab

Washington – Umverteilung nimmt den Spitzenverdienern und Leistungsträgern die Motivation – zum Nachteil der Allgemeinheit. War dies lange das Credo des Internationalen Währungsfonds (IWF), zeichnet sich bei der Organisation in jüngster Zeit ein deutlicher Kurswechsel ab. Die auseinandergehende Einkommensschere zwischen Armen und Reichen sei schlecht für das Wirtschaftswachstum, lautet der Kern einer aktuellen IWF-Untersuchung. Wollen Regierungen das Wachstumstempo in ihren Ländern beschleunigen, sollten sie sich darauf konzentrieren, den ärmsten 20 Prozent ihrer Bürger zu mehr Wohlstand zu verhelfen.

Die Theorie des Trickle-down-Effekts bewahrheite sich nicht, stellen fünf IWF-Forscher in der Studie fest. Die These, abwertend auch als Pferdeäpfel-Theorie bezeichnet, geht davon aus, dass Wirtschaftswachstum und allgemeiner Wohlstand der Reichen nach und nach in die unteren Schichten der Gesellschaft durchsickern würden. Technischer Fortschritt, schwache Gewerkschaften, Globalisierung und Steuergesetzgebung hätten den vermögenderen Bevölkerungsteilen in die Hände gespielt und wesentlich dazu beigetragen, dass die zunehmende Einkommensungleichheit zu einer der "wichtigsten Herausforderungen unserer Zeit" geworden sei. Untersucht wurden in der Studie sowohl die Gegebenheiten in Industriestaaten als auch in Schwellen- und Entwicklungsländern.

Der IWF-Untersuchung zufolge bremst sich das wirtschaftliche Wachstum ein, wenn sich das Einkommen der Spitzenverdiener in einer Gesellschaft erhöht. Die Forscher errechneten, dass ein Zuwachs um einen Prozentpunkt bei den 20 Prozent Einkommensstärksten das jährliche Bruttoinlandsprodukt (BIP) mittelfristig um rund 0,1 Prozent schrumpfen lässt. Werde dagegen das Einkommen der 20 Prozent Niedrigstverdiener um einen Prozentpunkt erhöht, erhalte man eine mittelfristige Wachstumsrate von nahezu 0,4 Prozent.

Zudem geben die Forscher zu bedenken, dass eine immer weiter auseinanderdriftende Einkommensschere der Wirtschaft insgesamt schade, da arme Menschen nicht mehr für ihre Gesundheits- und Bildungsausgaben aufkommen könnten. Die Forscher kommen zu dem Schluss: Höhere Einkommen für die ärmeren Bevölkerungsschichten – ohne dabei die Mittelklasse auszuhöhlen – sind gut für Wirtschaftswachstum. (red, 16.6.2015)

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