Umweltenzyklika: Papst ruft zur "ökologischen Umkehr" auf

18. Juni 2015, 15:27
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Aufruf zu Initiativen gegen Klimawandel und Armut – Kritik an Rettung von Banken "um jeden Preis"

Vatikanstadt – Mit seiner 220 Seiten langen Umweltenzyklika "Laudato sii" hat Papst Franziskus am Donnerstag zu einer "ökologischen Umkehr" aufgerufen. Auf einer ganzheitlichen Ökologie müssten die Nationen ein neues Grundmuster der Gerechtigkeit aufbauen, mahnte der Papst, der für ein Ende des "unersättlichen und unverantwortlichen Wachstums" plädierte.

Der Klimawandel sei unbestreitbar, schrieb der Papst in seinem Rundschreiben, dem zweiten seines Pontifikats. Darin warnte er vor einer "besorgniserregenden Erwärmung des Klimasystems", für die in erster Linie die Menschheit verantwortlich sei. Franziskus forderte eine rasche Abkehr von den fossilen Energieträgern, "um in den kommenden Jahren den Ausstoß von Kohlendioxid und anderen stark verunreinigenden Gasen drastisch zu reduzieren". Stattdessen müsse der Einsatz erneuerbarer Energiequellen stärker gefördert werden.

Kritik an Bankenrettung

Der Papst kritisierte die Rettung der Banken "um jeden Preis". Dafür habe die Bevölkerung in den Jahren der Krise einen hohen Preis gezahlt. "Die Rettung der Banken um jeden Preis, indem man die Kosten dafür der Bevölkerung aufbürdet, ohne den festen Entschluss, das gesamte System zu überprüfen und zu reformieren, unterstützt eine absolute Herrschaft der Finanzen, die keine Zukunft besitzt und nach einer langwierigen, kostspieligen und scheinbaren Heilung nur neue Krisen hervorrufen kann", schrieb der Papst.

Der Pontifex forderte vor allem die Menschen in den Industrienationen auf, ihren Lebensstil zu ändern, die "Wegwerfkultur" zu beenden und den ungehemmten Konsum einzuschränken. Nur so könne die Erderwärmung eingedämmt und verhindert werden, dass sich die Erde in eine "unermessliche Mülldeponie" verwandeln würde. In einigen Teilen der Welt solle eine gewisse Rezession akzeptiert werden, "damit in anderen Teilen ein gesunder Aufschwung stattfinden kann".

Schutz der Artenvielfalt gefordert

Der Papst sprach sich entschieden gegen genmanipulierte Pflanzen und Tierversuche aus. "Die zunehmende Verbreitung von genmanipuliertem Saatgut zerstört die Vielfältigkeit des Ökosystems und beeinträchtigt die Zukunft der regionalen Wirtschaft", so der Pontifex. Es widerspreche der menschlichen Würde, Tiere unnötig leiden zu lassen. Tierexperimente sollten nur dann zugelassen werden, wenn absolut notwendig. Der Pontifex drängte außerdem nachhaltig zum Schutz der Artenvielfalt.

Noch nie sei das Interesse an einem Dokument des Papstes so groß gewesen, sagte der vatikanische Pressesprecher Pater Federico Lombardi bei der Vorstellung des Lehrschreibens. Die Enzyklika sei das Ergebnis eines "sehr langen gemeinsamen Reflexionsprozesses". Mehr als 200 Vorsitzende der Bischofskonferenzen hätten vor einigen Tagen den Text erhalten, zusammen mit einem kurzen handschriftlichen Grußwort des Papstes. Die Enzyklika wird am 2. und 3. Juli Thema einer hochrangigen internationalen Konferenz im Vatikan sein. Rund 180 Teilnehmer aus allen Kontinenten werden zu dem Gipfel erwartet. Auch die Kurienkardinäle Peter Turkson und Pietro Parolin werden Vorträge halten.

Erste Enzyklika im Juli 2013 veröffentlicht

Der argentinische Papst hatte im Juli 2013 seine erste Enzyklika vorgelegt. Das Rundschreiben zu grundlegenden theologischen Fragen mit dem Titel "Lumen Fidei" (Licht des Glaubens) wurde von Franziskus auf der Grundlage von Aufzeichnungen seines Vorgängers Benedikt XVI. vollendet. Im November 2013 erschien ein Apostolisches Schreiben des Papstes mit dem Titel "Evangelii Gaudium" (Freude des Evangeliums).

Umweltschützer erhoffen sich von der Enzyklika Rückenwind für die UNO-Klimakonferenz im Dezember in Paris. Der französische Außenminister Laurent Fabius nannte die Umweltenzyklika laut AFP einen "wichtigen Beitrag für den Erfolg" der Konferenz. Das Schreiben werde bei der Mobilisierung der Menschen in aller Welt für den Kampf gegen den Klimawandel helfen. Der Leiter des UNO-Umweltprogramms (UNEP), Achim Steiner, bezeichnete "Laudato sii" demnach als "Weckruf".

Lob aus Österreich

In Österreich wurde die Enzyklika am Donnerstag außerordentlich positiv aufgenommen. Sowohl Österreichs Bischöfe als auch heimische Umweltorganisationen wie der WWF, Greenpeace und Global 2000 sowie die Grünen lobten das Dokument als "starkes Zeichen", "Meilenstein" und "Gesamtkunstwerk". (APA, 18.6.2015)

  • Die Umweltenzyklika von Papst Franziskus wurde veröffentlicht.
    foto: reuters/max rossi

    Die Umweltenzyklika von Papst Franziskus wurde veröffentlicht.

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