Holland-Festival: Mangas, Betten, Kühe und Esperanto

17. Juni 2015, 12:17
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Von der Marathonveranstaltung "Ein Tag und eine Stunde in Urbo Kune" bis zur Manga-Oper "The End" ist heuer eine bunte Mischung zu sehen

Eine bunte, vielfältige Mischung präsentierte Ruth Mackenzie, die neue Intendantin des Holland-Festivals, im ersten von ihr gestalteten Programm. Den Auftakt bildete Keiichiro Shibuyas Manga-Oper "The End": Einzige Hauptdarstellerin ist das japanische Starlet Hatsune Miku, die jedoch "nur" eine Videokreation, ein 3D-Hologramm ist. Was nicht ausschließt, dass sie eine weltweite Fangemeinde aufweist. Diese setzt sich in erster Linie aus weiblichen Teenies zusammen, die sich mittels blaugefärbter Haare und teurer Designerklamotten intensiv bemühen, ihrem Idol möglichst ähnlich zu sehen. Über-14-Jährige gehören wohl eher nicht zum Zielpublikum für diesen schrägen, lauten, virtuellen Elektropop-Trip.

Neuproduktion von "Lulu"

Für die reiferen Semester war wohl die Neuproduktion der Bergschen "Lulu" in der von Friedrich Cerha fertiggestellten dreiaktigen Fassung gedacht. Vor allem wegen der Gestaltung durch den südafrikanischen Zeichner, Maler, Bildhauer und Animationsfilmer William Kentridge war sie mit großer Neugier erwartet worden. Leider war das Ergebnis diesmal enttäuschend. Natürlich zauberte Kentridge – zuletzt in Wien für seine "Winterreise" akklamiert – auch hier wieder faszinierende, handgefertigte Trickfilm-Collagen auf die Kulissen. Die Arbeit mit den Sängern hatte er jedoch seinem Co-Regisseur Luc de Wit überlassen – und das auf einem durch die Projektionen sehr eingeschränkten Spielraum.

So wirkte das eigentliche szenische Geschehen trotz der Kunstfertigkeit der im Stil der 20er-Jahre gehaltenen bewegten Bilder letztlich doch wieder so wie einst im Stadttheater Bielefeld. Zumal sich auch die kleinstimmige Mojca Erdmann durch einen ungebremsten Zug zur Rampe und einen Hang zum Frontal-ins-Publikum-Singen hervortat. Aus dem soliden, aber nicht außergewöhnlichen Ensemble unter dem Dirigat von Lothar Zagrosek stach zweifellos Kammersänger Franz Grundheber hervor, der, um ein Zitat des Librettos abzuwandeln, "möglicherweise beste Schigolch der Jetzt-Zeit".

Sieben Leinwände

Mehr in seinem Element war Kentridge in der ihm gleichzeitig gewidmeten großen Ausstellung im Amsterdamer "Eye". Für dieses vom österreichischen Architektenduo Delugan & Meissl errichtete, strahlend weiße, ungeheuer schnittige und futuristisch anmutende Filmmuseum-Ufo hatte der Meister sogar eigens eine neue Installation konzipert: "More Sweetly Play the Dance". Auf nicht weniger als sieben Leinwänden über eine Gesamtlänge von 45 Metern ziehen in einer Mischung aus Prozession, Party und Totentanz die allerunterschiedlichsten südafrikanischen Figuren an uns vorüber. Und das zu den betörenden Klängen der African Immanuel Assemblies Marching Brass Band, einer eingängigen Musik, die vom ersten Ton an hoffnungslos süchtig macht.

Ein weitere, äußerst ungewöhnliche Musiktheaterproduktion waren Misha Mengelbergs "Koeien" ("Die Kühe"). Mengelberg gilt als einer der bedeutendsten niederländischen Pianisten und Komponisten. Seit dreißig Jahren hat er an diesem Werk gearbeitet, das jedoch nie zur Aufführung kam – vielleicht auch deshalb, weil er sich dafür echte Kühe oder zumindest Roboter wünschte. Zu seinem 80. Geburtstag haben ihm jetzt das Holland-Festival und ehemalige Mitstreiter wie der Schlagzeuger Han Bennink diese Premiere geschenkt. Es ist weltweit wohl die einzige Oper, die Kühe im Titel führt und sie auch noch als handelnde "Personen" auftreten lässt – und dementsprechend absurd und lustig. Das Libretto dadaistelt und surrealistet, dass es nur so eine Freude ist. Außer Weidekühen gibt es auch noch Wasserkälber und sogenannte "Luftkühe", sprich Bienen. Auch die Musik ist mit ihrer Mischung aus Jazz, Blues, Fluxus und Improvisation ein großes Vergnügen. Das einzige Manko des äußerst vergnüglichen Abends besteht darin, dass er nur in halbszenischer Form stattfand – und dass keine echten Kühe auftraten.

Armenien-Schwerpunkt

Naturgemäß gar nicht lustig gestaltete sich der Armenien-Schwerpunkt anlässlich des 100. Jahrestages des Genozids. Das Gurdjeff Folk Instruments Ensemble bestritt zwei Konzerte mit Werken des armenischen Gurus Gurdjeff. Interessant dabei war auf alle Fälle die Begegnung mit den traditionellen Instrumenten wie Duduk, Zurna, Pku, Tar, Saz, Kamancheh, Oud, Quanun, Daf und Dhol. Die absolute Notwendigkeit, die für Klavier komponierten Stücke auf ebendiese Instrumente zu transkribieren, ließ sich jedoch nicht ganz nachvollziehen.

Wer durch diese eher eintönige Musik zu traurig geworden war, konnte sich anschließend bei der sehr speziellen Theaterperformance "Todo lo que está a mi lado" ein wenig trösten lassen. An verschiedenen Orten in Amsterdam wie dem Passagierhafen, der Westergasfabrik oder dem Hauptplatz Dam wurden jeweils zehn weiße Doppelbetten aufgebaut, in denen zehn Schauspielerinnen auf 1:1-Basis Zuschauerinnen und Zuschauern unter der Bettdecke zehn Minuten lang einen Text von Fernando Rubio über die Einsamkeit zuraunten und dem zugeteilten Bettgenossen dabei auch gelegentlich über den Kopf streichelten. Kurz, aber sehr sinnlich und angenehm.

25-stündige Marathonveranstaltung

Den absoluten Höhepunkt der ersten Festivalhälfte stellte dann – sowohl was die Qualität, aber auch was die Quantität betrifft – unbestreitbar die 25-stündige Marathonveranstaltung "Ein Tag und eine Stunde in Urbo Kune" da. Das gemeinsam von der Gruppe Netzzeit, dem Forum experimenteller Architektur und dem Klangforum Wien entwickelte Projekt hat sich ja nichts weniger vorgenommen, als für ebendiesen Zeitraum am jeweiligen Veranstaltungsort so etwas wie die ideale, aber noch zu bauende "Hauptstadt Europas" zu errichten. "Urbo Kune" heißt "Gemeinsame Stadt" auf Esperanto.

Mit Vorträgen, Ausstellungen, Simultanschachturnieren, Fotoboxen, Imbissen, Erfrischungen, Morgenjoga und natürlich mit Musik. Gegenüber der vor kurzem im Wiener Konzerthaus aufgeführten Fassung seien hier vor allem die exzellent ausgesuchten und hochinteressanten niederländischen Beiträge zu erwähnen: wie die des Amsterdamer Bürgermeisters Eberhard Edzard van der Laan, der Architektin Francine Houben, des holländischen Schriftstellers Arnon Grunberg und des Elektronikmusikexperten Kees Tazelaar.

Insgesamt ist "Urbo Kune" vielleicht weniger konzis als das Vorgängerprojekt "Symposion", bei dem man unter der strengen Aufsicht der beiden Symposionmeister Hartberger&Scheidl geradezu gezwungen wurde, sich zum Klang zeitgenössischer Musik zu berauschen. Dessen ungeachtet gab es dennoch über weite Strecken interessante Denkanstöße und aufregende Erlebnisse, wie zum Beispiel durch den Auftritt des Flüchtlingsensembles "Partout" oder Beat Furrers Interpretation von Georges Asperghis' "Situations". Das Nonplusultra bildete die vom Klangforum gestaltete "Dreamnight", bei der man im großen Saal auf roten Futons schlafend sein Unbewusstes mit dem fünfstündigen Feldmann-Opus "Für Philip Guston" beschallen lassen konnte. Eine once in a lifetime experience. Und dementsprechend unvergesslich. (Robert Quitta aus Amsterdam, 16.6.2015)

Bis zum 23. Juni kann man beim Holland-Festival unter anderem noch folgende Aufführungen erleben: "Kings of War" von der Toennelgroup, "Cool Britannia" vom Nationalballett, Lev Dodins "Kirschgarten" und eine Hommage an Pierre Boulez.

Robert Quitta war auf Einladung des Holland-Festivals, des Lloyd Hotels und der KLM in Amsterdam.

  • Die Manga-Oper "The End".
    foto: holland festival

    Die Manga-Oper "The End".

  • "Lulu", inszeniert von William Kentridge und Luc de Wit.
    foto: holland festival

    "Lulu", inszeniert von William Kentridge und Luc de Wit.

  • William Kentridge widmet das Holland Festival auch eine eigene Ausstellung.
    foto: holland festival

    William Kentridge widmet das Holland Festival auch eine eigene Ausstellung.

  • Misha Mengelbergs "Die Kühe".
    foto: holland festival

    Misha Mengelbergs "Die Kühe".

  • Theaterperformance "Todo lo que está a mi lado" an verschiedenen Orten in Amsterdam.
    foto: holland festival

    Theaterperformance "Todo lo que está a mi lado" an verschiedenen Orten in Amsterdam.

  • Die 25-stündige Marathonveranstaltung "Ein Tag und eine Stunde in Urbo Kune".
    foto: holland festival

    Die 25-stündige Marathonveranstaltung "Ein Tag und eine Stunde in Urbo Kune".

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