Wissenschaftsförderung auf Abwegen

Kommentar der anderen16. Juni 2015, 08:38
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Österreichs Wissenschaft und Forschung soll internationalisiert und auf Spitzenleistungen getrimmt werden. Das zeitigt seltsame Folgen: was krude Exzellenzbegriffe mit dem jämmerlichen Status quo der heimischen Wissenschaftspolitik zu tun haben

Die Daseinsberechtigung einer aus Steuern finanzierten Wissenschaft besteht darin, das Leben der Allgemeinheit zu verbessern. In der Medizin oder in der Technik sind solche Verbesserungen oft konkreter als in unserer Disziplin, der Geschichtsforschung: Wir entwickeln nun mal keine Medikamente oder Wasseraufbereitungsanlagen. Dafür leisten wir im Idealfall einen Beitrag zur gesellschaftlichen Selbstreflexion. Das heißt aber auch, dass wir ganz besonders auf den Dialog mit der Gesellschaft angewiesen sind. Als intellektuelle Pirouette unter Ausschluss der Öffentlichkeit ist unsere Arbeit hingegen weitgehend sinn- und wertlos.

Das scheint ausgerechnet die größte heimische Forschungsförderungsagentur, der Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF), aus den Augen verloren zu haben. Stattdessen hat man sich dort in eine Ideologie akademischer Exzellenz verrannt, die unter dem Mäntelchen der "Internationalisierung" am Ende nur noch sich selbst nützt und interessiert. Das zugrunde liegende Dogma lautet: Exzellenz ist nur an internationalen Rankings ablesbar. Da sich so gut wie alle namhaften Rankings auf den angelsächsischen Raum konzentrieren, fordern die neuen Antragsrichtlinien des FWF: "In den Geisteswissenschaften sollte die Mehrzahl der Publikationen über den deutschsprachigen Raum hinausgehen und außerhalb von Österreich publiziert sein; Ausnahmen davon müssen begründet werden."

Spielräume schließen

Was nach Öffnung gegenüber der weiten Welt klingt, ist tatsächlich auf mehreren Ebenen ein Instrument, um Spielräume zu schließen. Dem FWF fehlt schlicht Geld, er kann nur einen immer geringeren Anteil der eingerechten Forschungsprojekte auch tatsächlich fördern – unabhängig von deren Qualität. Eine niedrige Anerkennungsquote ist aber auch für den FWF selbst problematisch. Je deutlicher wird, wie willkürlich Förderentscheidungen fallen, weil gar nicht für alle hochwertigen Anträge die nötigen Mittel vorhanden sind, desto mehr muss der FWF um seine Akzeptanz in der Scientific Community fürchten. Nachdem die Politik entgegen ihren Sonntagsreden nicht willens ist, die entsprechenden Budgets aufzustocken, lässt sich die Anerkennungsquote des FWF nur erhöhen, indem man die Zahl der Antragstellerinnen und Antragsteller reduziert. Unter dem Vorwand "wissenschaftlicher Exzellenz" erfindet man deshalb immer neue Auflagen, die immer weniger Forscherinnen und Forscher erfüllen – bis die Quote wieder stimmt.

In den Elfenbeinturm

Die "Exzellenz"-Vergötterung ist aber auch Ausdruck einer Wissenschaft, die zum Rückzug in den Elfenbeinturm bläst. Der FWF erhebt es per se zum Qualitätsmerkmal, nicht in Österreich und am besten auf Englisch zu publizieren. Wer nun etwa über Österreich forscht und seine Ergebnisse dort zugänglich machen möchte, wo das größte Interesse dafür zu erwarten ist – in Österreich nämlich -, bewegt sich im Bereich jener "Ausnahme", die einer Begründung bedarf.

Die Publikationen sollen zudem möglichst in internationalen Datenbanken erfasst sein, die es erlauben, Forscherinnen und Forscher zu ranken. Datenbanken wie Scopus dienen freilich nicht primär der wissenschaftlichen Exzellenz, sondern sollen vor allem ihren privaten Eigentümern Gewinn abwerfen. Weil der englischsprachige Markt die größte Rentabilität verspricht, sind die Datenbanken auch vornehmlich auf angelsächsische Fachzeitschriften zugeschnitten. Nachdem das internationale Interesse an Österreich aber enden wollend ist, lässt sich auch nur eine begrenzte Zahl österreichspezifischer Aufsätze in englischsprachigen Journals publizieren. Die Konsequenzen sind absehbar: Wer sein berufliches Fortkommen im Auge hat, ist gut beraten, nicht zu Österreich zu forschen. Und das soll allen Ernstes das Ziel österreichischer Wissenschaftspolitik sein?

Notabene: Es geht hier nicht darum, einem engstirnigen Provinzialismus das Wort zu reden. Österreichische Forscherinnen und Forscher sollen und müssen an der Arbeit ihrer Kolleginnen und Kollegen in anderen Ländern teilhaben. Es gilt aber, sich von der Vorstellung zu lösen, die Qualität von Wissenschaft könne pauschal daran gemessen werden, ob sie Themen aufgreift und Zugänge wählt, die gerade anderswo, am besten an einigen wenigen US-Universitäten, der letzte Schrei sind. Das führt nicht zu erstklassiger, sondern zu beliebiger Forschung.

Welche Standards?

Zudem werden die vielbeschworenen "internationalen Standards" hierzulande nur höchst selektiv übernommen. So beinhaltet exzellente Wissenschaft andernorts ganz selbstverständlich exzellente Lehre und die Bereitschaft, eigene Ergebnisse über die Grenzen des eigenen Fachs hinaus zu popularisieren – beides bei uns veritable Karrierebremsklötze. Gerade in diesen gesellschaftlich doch unzweifelhaft wichtigen Bereichen scheinen Internationalisierung und Exzellenz dem Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung aber plötzlich kein Anliegen mehr zu sein.

Und die Politik steht daneben und tut so, als ob sie zu alldem keine Meinung haben müsse. (Oliver Kühschelm, Florian Wenninger, 16.6.2015)

Oliver Kühschelm ist Assistent am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien.

Florian Wenninger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien.

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