Koller: "Die negativen Gedanken sind nahzu verschwunden"

15. Juni 2015, 20:01
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Das 1:0 gegen Russland war die bisher größte Bestätigung für den Aufwärtstrend der österreichischen Nationalmannschaft. Teamchef Marcel Koller lehnt Gespräche über die EM in Frankreich noch ab

Wien/Moskau - Irgendwann, es war wohl der einzige Moment, in dem sich Zlatko Junuzovic in der Otkrytije Arena nicht bewegt hat, dachte der 27-Jährige während der Partie gegen Russland an jene vor eineinhalb Jahren in Schweden. Österreich hatte damals nach überragender erster Halbzeit ebenfalls 1:0 geführt, verlor aber dann noch 1:2. Womit sich die Reise zur WM nach Brasilien erledigt hatte. Am Sonntagabend kam also in Junuzovic, dem herausragenden Gestalter, die Erinnerung hoch. "Sie dauerte aber nur den Bruchteil einer Sekunde. Ich lächelte innerlich, wusste, dass nichts mehr passiert. Weil die Qualität weiter gestiegen ist."

Eine kurze Nacht später, das Adrenalin war abgebaut, bilanzierte Teamchef Marcel Koller und bestätigte Junuzovic. "Genau das ist die Steigerung. Die negativen Gedanken sind nahezu gänzlich verschwunden, dieser Sieg ist ein großer Schritt gewesen." Anders ausgedrückt: "Zwischen Anpfiff und Abpfiff ist jeder mit 100 Prozent dabei. Sparflamme gibt es keine mehr."

Der Teufel im Tiefschlaf

Koller wollte erneut nicht sagen, dass Österreich für die EM 2016 in Frankreich qualifiziert ist. Jener Teufel, der das verhindern könnte, liegt zwar im Tiefschlaf, aber der Teamchef überlässt das Rechnen Mathematikern. "Ich sammle nur Punkte." Immerhin hat er zugegeben, in die Quartiersuche eingebunden zu sein. Denn wer zu spät bucht, den bestraft das Reisebüro.

Es wäre nicht Koller, hätte er nicht Kleinigkeiten zu bekritteln gehabt. Der Schweizer ist ein Perfektionist: "Man hätte früher alles entscheiden können. Hektik und Spannung mögen gut für die Quote im Fernsehen sein, aber als Trainer hätte ich es lieber ruhiger." Rang 20 in der Weltrangliste sei nicht der Weisheit letzte Platzierung. In den dreieinhalb Jahren seiner Tätigkeit habe sich einiges getan. "Das Team wurde ein eingeschworener Haufen. Hat einer Probleme, werden sie in der Wohlfühloase weggeschwemmt."

Perfekt für ein Bewerbungsvideo

Marc Janko ist das Paradebeispiel. Koller ist die Ästhetik eines Tores zwar wurscht ("Hauptsache, der Ball geht über die Linie"), aber der Fallrückzieher habe ihn schon erfreut, "für Janko. Das war perfekt für ein Bewerbungsvideo. Seine Qualitäten sind unbestritten. Ich weiß das. Ich hoffe, es wissen auch andere."

Der bald 32-Jährige sucht einen Verein. Die Situation sei, so Janko, nicht einfach. In der Vorbereitung habe ihn die Ungewissheit belastet. "Du gehst im Training gehemmt in die Zweikämpfe. Verletzt du dich, verpflichtet dich keiner." Trifft man gegen Russland per Fallrückzier, "wächst hoffentlich die Zahl der Interessenten. Man hat gesehen, dass ich sogar elastisch bin." Natürlich wissen Janko und Co, dass die EM nicht ohne Österreich stattfinden wird. Das Understatement gehört aber zum Programm. Koller: "Die Spieler müssen nahbar sein. Natürlich nur bis zu einem gewissen Grad. Sie sollen Autogramme schreiben, sich fotografieren lassen. Ich will keine abgehobenen Fußballer. Es ist auch ihre Aufgabe, die Fans mit ins Boot zu holen." Dass mittlerweile sogar der Ausnahmekicker David Alaba ersetzt werden kann, steht auch in Kollers Programm. "Weil ich den Ausfall nicht groß thematisiere. Ich stärker lieber dem Ersatzmann den Rücken." Stefan Ilsanker war stark.

Herzlich in den Urlaub

In der Qualifikation sind nur England und die Slowakei besser, die haben alle sechs Partien gewonnen. Österreich begann mit einem 1:1 gegen Schweden. Koller: "Ich will nicht hören, dass wir die Drittbesten in Europa sind."

Die Verabschiedung am Wiener Flughafen fiel herzlich aus. Im Urlaub findet quasi eine Massenhochzeit statt. Janko, Junuzovic, Julian Baumgartlinger, Markus Suttner und György Garics heiraten. Ein Wiedersehen gibt es im September, am 5. dieses Monats wird in Wien gegen die Republik Moldau gespielt. Die Begrüßung wird herzlich ausfallen. (Christian Hackl, 15.6.2015)

  • Kein Platz für negative Gedanken.
    foto: apa/jäger

    Kein Platz für negative Gedanken.

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