Die Riesenvögel bekommen Konkurrenz

15. Juni 2015, 18:00
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Airbus und Boeing erhalten Konkurrenz: Die kanadische Bombardier und die chinesische Comac wollen bei der Luftfahrtmesse in Le Bourget auftrumpfen

Le Bourget - Zu Hunderten sind am Montag kanadische Aero-Ingenieure nach Le Bourget nördlich von Paris angereist. Fred Cromer, Leiter der Zivilflugsparte von Bombardier, verhehlt nicht: "Wir kommen in einem entscheidenden Moment." Im Gepäck hat er mehrere Flugzeuge der C-Serie des kanadischen Herstellers. Die CS300 wird im Flugprogramm vorgeführt, die kleinere CS100 auf dem Fluggelände für die Besucher geöffnet.

Die Entwicklung der C-Serie kostete in den vergangenen zehn Jahren mehr als fünf Milliarden Dollar (4,43 Mrd. Euro) - für einen Konzern von der Größe Bombardiers (Umsatz 18 Mrd. Dollar) eine gewaltige Investition. Gewaltig ist auch die kommerzielle Herausforderung: Der Hersteller aus Quebec versucht mit seinem CS300 (135 Plätze) in das Monopol - genauer gesagt Duopol - der beiden Marktleader Airbus und Boeing einzudringen. Platz wäre eigentlich für alle genug da: Für die nächsten zwanzig Jahre hat Airbus den Bedarf an Mittelstreckenfliegern mit einem Korridor im Passagierraum (Single Aisle) am Montag auf weltweit "nahezu 23.000" Maschinen veranschlagt. Davon sollten sich Neuanbieter wie Bombardier auch ein Stück abschneiden können - sollte man meinen.

Erbitterter Kampf

Europäer und Amerikaner machen aber nicht freiwillig Platz. Gegenseitig sind sie schon in einen erbitterten Kampf um die Führungsposition verkrallt. Derzeit planen sie zwar keine kompletten Neuentwicklungen ihres Single-Aisle-Angebots. Warum auch, verkaufen sich der A320 und der B737 doch wie warme Semmeln. In Le Bourget erwarten Airbus und auch Boeing nach einem eher verhaltenen Jahresbeginn eine Lawine von Bestellungen. Beim letzten Salon vor zwei Jahren gab es einen Rekord von 908 Bestellungen.

Diese Zahl relativiert die angeblichen Erfolgsmeldungen der neuen Bombardier-Maschine, die damit beworben wird, dass sie 20 Prozent weniger Sprit verbrauche und bedeutend leiser fliege. Von der C-Serie sind erst 240 feste Orders eingegangen. Fred Cromer hofft, diese Zahl in Le Bourget auf 300 hochschrauben zu können. Auf den Hinweis, dass die beiden Platzhirsche zusammen zehnmal mehr Bestellungen einstreichen dürften, meint Cromer mit gutem Recht, gerade in dieser Branche sei aller Anfang schwer. Der frühere Airlinemanager setzt große Hoffnungen auf den boomenden Markt in China, wo die relativ kleinen Single-Aisle-Maschinen für die neuen Regionalflughäfen besonders geeignet sind.

Doch hat Bombardier die Rechnung mit dem Wirt gemacht? Der chinesische Markt, der allein ein Fünftel der weltweiten Flugzeugproduktion ausmachen wird, erhält einen weiteren Marktzuzügler, der mit einem starken Argument punkten kann: Er ist selbst Chinese. Das staatliche Unternehmen Comac will ebenfalls die beherrschende Stellung von Airbus und Boeing attackieren, wobei es naturgemäß von seinem Heimmarkt ausgeht.

Startschwierigkeiten

Das kleine Mittelstreckenflugzeug ARJ21 mit 80 Sitzen soll nächstens an eine lokale chinesische Airline ausgeliefert werden. Das sei der Beginn der Wende in der Luftfahrtindustrie, erklären Vertreter von Comac, die auch in Le Bourget mit seinem Angebot - unbekannten Inhalts - vertreten sein werden.

Hinter den großen Tönen aus Schanghai verbergen sich allerdings noch größere Startschwierigkeiten als bei Bombardier. Der C919, das Herzstück der chinesischen Mittelstreckenstrategie, hat wegen technischer Hürden noch nicht einmal seinen Jungfernflug absolviert. Dessen ungeachtet kommt der 180-Plätzer bereits auf 400 Bestellungen - doch diese sind nicht fix und stammen meist von chinesischen Fluggesellschaften, denen die Regierung in Peking keine Wahl lässt.

Insgesamt liegt der Zeitplan des C919 vier Jahre im Rückstand. Gemessen an dem Tempo der aktuellen Flugzeugverkäufe, ist das fast schon eine Ewigkeit - die Airbus, Boeing und neu auch Bombardier ausnützen wollen. Und beim Comac-Stand wollte sich am Montag niemand festlegen, wann der neue Stolz der chinesischen Flugzeugindustrie abheben werde. (Stefan Brändle, 15.6.2015)

  • Politik und Wirtschaft - vereint im Staunen. Frankreichs Präsident François Hollande mit Marwan Lahoud (Airbus, li.), Eric Trappier und Serge Dassault (beide Dassault, re.) in Le Bourget nahe Paris.

    Politik und Wirtschaft - vereint im Staunen. Frankreichs Präsident François Hollande mit Marwan Lahoud (Airbus, li.), Eric Trappier und Serge Dassault (beide Dassault, re.) in Le Bourget nahe Paris.

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