Kunstfestspiele Herrenhausen: Nein zur Norm und Ja zur Reibung sagen

16. Juni 2015, 10:04
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Nach fünf Ausgaben trat die Ex-Wienerin Elisabeth Schweeger vergangenes Wochenende als Hausherrin der Kunstfestspiele Herrenhausen ab. Ihr Programm beweist, dass sie es sich und ihrem Publikum nicht gerne leicht macht

Zwischen den pinken Lippen zeigt sie gern Zähne. Nicht nur, wenn sie mit dramatischem Minenspiel zum Reden ansetzt oder ihr ein raues Lachen auskommt. Im Wort- wie auch im übertragenen Sinn ist man versucht, an den berühmt Brecht'schen Haifisch zu denken und daran, dass jener seine Waffen "im Gesicht" trage.

In wallend schwarzer Kulturmenschenkluft und mit unbändig gekraustem Haar sitzt Elisabeth Schweeger in der Hannoveraner Sonne und lässt die vergangenen sechs Jahre als Intendantin der Kunstfestspiele Herrenhausen Revue passieren. 2009 hat die Stadt sie als Geburtshelferin geholt, heuer tritt sie ihre Hausherrenschaft an ihren Nachfolger, den Dirigenten Ingo Metzmacher, ab. Es sei der richtige Zeitpunkt, meint sie.

In der Region hat sich das spartenübergreifende Festival aus Schauspiel, Musik, bildender Kunst und Diskussionsrunden inzwischen etabliert; die zukünftige Finanzierung ist mit 1,2 Millionen für zwei Wochen Festspielzeit im Jahr gesichert. Das ist ihr wichtig.

Kurzum: Das Ding hat zu laufen gelernt. Und bevor es für ihren Geschmack zu glatt läuft, zieht sie lieber weiter an die Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg. Denn die Frau mit den ebenso schalkhaft wie gefährlich blitzenden Augen ist immer auf der Suche nach "Reibung" - da man sich Gedanken machen müsse, was man einer Stadt entgegensetzen kann.

Ihr liegen der Frontalangriff und das Direkte. Schmäh, obwohl vorhanden, lähmt oft, weiß sie. Deswegen ist die gebürtige Wienerin vor 22 Jahren nach Deutschland gegangen - weg aus der Heimat, wo die Kunst zwar eine große Tradition habe, weil "der Kathole gern lügt" (ihr mit deutschem Idiom versetztes Wienerisch lässt sie sich gerne bestätigen), es aber eben oft auch an der für Projekte nötigen Klarheit gemangelt habe.

Tradition und Revolution

In diesem direkten Sinn hat sie mit "Gegen den Strich" als Motto ihrer Abschiedsausgabe nicht nur dem Zustand der Welt, sondern auch sich selbst Rechnung getragen. "Norm" mit durchgestrichenem "rm" lautet das Schlagwort der rund 20 Veranstaltungen: Konventionen kennen und Nein bzw. Jein zu ihnen sagen.

Unter dem Begriff "Theaterland China" hat Schweeger zu diesem Zweck u. a. Theatermacher Danny Yung eingeladen, mithilfe eines 450 Jahre alten Stücks nach der Verantwortung des Künstlers in der Gesellschaft zu fragen.

Einer solchen nahm sich Orgelsuperstar Cameron Carpenters Konzert Vanitas an: Mit Haupthaar (Irokesen) sowie Darbietung auf Krawall gebürstet, ließ er dröges Pfeifen dröges Pfeifen sein und donnerte dem heutig-barocken Lebensgefühl der Eitelkeit und Lustgier zuwider mit seinem mitgebrachten (!) Instrument die Erinerung an die andere Seite durch Mark und Bein des Publikums.

Auf ästhetisches Revoluzzertum hingegen beschränkte sich die 16-stündige Konzertperformance Ringlandschaft mit Bierstrom des Solistenensembles Kaleidoskop, das Wagners Ring zerlegte und neu zusammensetzte. Zur Stärkung gab's für die geforderten Zuhörer Spinat, Sesamringe und Vergessensbier im Schlossgarten, wo die Komposition des Österreichers Georg Nussbaumer ähnlich Motorenlärm aus Wassertonnen über Michael Beutlers Beitrag zur geforderten Ortsspezifik des Festivals hinwegschallte: Die quietschbunten Sangria-Strohhalme, die er für Ballenernte wie Stroh wickeln ließ und auf die Schlosswiese stellte, sollen auf die Blütenpracht des angrenzenden Blumengartens anspielen.

Direktheit als Triebfeder

Neue Kunst, so ist Schweeger überzeugt, braucht Förderung ohne ständigen Begründungs- und Rechtfertigungszwang. Vielleicht ist gerade Hannover ein guter Boden dafür. Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs war man zum weitgehenden Wiederaufbau des Stadtkerns der niedersächsischen Hauptstadt und damit teilweisen Neuanfang gezwungen: Eine mitunter brutalistische Betonmoderne, die heute gut und gerne eher als Hinterkopf denn als Gesicht einer Stadt durchgehen kann, zeigt zwar, dass das, was einst neu und gewagt war, bald schon überholt sein kann, aber auch dass es das Experiment, das Wagnis braucht, um weiterzumachen. Weniger Direktheit und mehr Diplomatie würde manches leichter machen, gibt Schweeger zu - aber auch langweiliger. (Michael Wurmitzer, 15.6.2015)

Die Reise erfolgte auf Einladung der Kunstfestspiele Herrenhausen.

  • Herausfordernd wie Schweeger selbst: "The blind Poet" von Jan Lauwers & Needcompany.
    foto: els de nil

    Herausfordernd wie Schweeger selbst: "The blind Poet" von Jan Lauwers & Needcompany.


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