Kosovo: Heldenkult und Verbrecherjagd

16. Juni 2015, 05:30
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UÇK übt Widerstand gegen Gericht zum Kosovo-Krieg

Das Urteil gegen die sogenannte Drenica-Gruppe Ende Mai war für manche im Kosovo wie ein Donnergrollen, also nur der Anfang von einem nahenden Gewitter. Zur Drenica-Gruppe gehören einflussreiche Kader der ehemaligen Kosovo-Befreiungsarmee UÇK wie Sami Lushtaku, der Bürgermeister von Skenderaj, der nun wegen Mordes zwölf Jahre ins Gefängnis muss, und Sylejman Selimi, der frühere Botschafter in Albanien und Exchef der Kosovo-Sicherheitskräfte, der wegen Folter zu sechs Jahren Haft verurteilt wurde. Die Urteile des Gerichts in Mitrovica senden eine Botschaft aus: Niemand ist mehr unantastbar. Und es waren lange nicht alle UÇK-Kämpfer im Krieg 1999 Helden und Befreier, sondern manche waren Verbrecher.

Genau das wollen viele nicht hören. Aufgrund der Urteile blockierten Kriegsveteranen die Autobahn. Außenminister und PDK-Chef Hashim Thaçi sprach davon, dass das "Ziel der Gerechtigkeit" durch die Urteile infrage gestellt und der Kampf der UÇK befleckt worden sei, wofür er vom niederländischen Botschafter Robert Bosch kritisiert wurde. Die nationalistische Partei Vetvedendosje meinte sogar, dass "der Krieg für die Freiheit" erniedrigt werde.

Kriminelle Strukturen

"Indem sie kritisieren, die UÇK würde ihre Reputation verlieren, wollen sie nur ihre Verbrechen rechtfertigen", sagt Shpend Kursani, ein Analytiker in Prishtina, zum STANDARD. "Sie machen das zu einer patriotischen Frage." Kursani kritisiert auch, dass die EU-Rechtsstaatsmission Eulex, abgesehen von diesem Fall, die alten kriminellen Strukturen nicht angegriffen habe. "Die USA und die EU halten sich diese Leute, und die sind noch jung, die können noch lange an der Macht bleiben."

Der Drenica-Gruppe wurden bereits im Bericht des Europarat-Berichterstatters Dick Marty Geldwäsche, Zigaretten- und Drogenschmuggel, Menschenschmuggel, Prostitution und die Monopolisierung großer Teile der Wirtschaft vorgeworfen. Kursani meint, dass diese Strukturen bis heute bestehen. Die PDK, die Partei von Expremier Thaçi, kontrolliert viele Institutionen. Bei dem Prozess kam auch seine persönliche Rolle im Krieg zur Sprache. Ein Zeuge mit dem Codenamen A sagte vor Gericht, dass Thaçi Selimi direkt befohlen habe, "diese Leute zu töten" – angeblich mit Serbien kollaborierende Personen.

Aufgelöst, aber verherrlicht

Offiziell wurde die UÇK 1999, drei Monate nach dem Krieg, aufgelöst. In vielen Orten werden aber auch heute UÇK-Denkmäler errichtet, Gräber zeigen bewaffnete Männer in Kampfpose. Doch manche Exkader sind unter Druck, denn die Internationale Gemeinschaft fordert ein Gericht, das die Verbrechen der UÇK in den Jahren 1998 und 1999 verfolgen soll. Es geht um Morde, Entführungen, illegale Festnahmen und sexuelle Gewalt. Bisher hat das Parlament in Prishtina dem Sondergericht aber noch nicht zugestimmt. Es braucht dazu wegen der notwendigen Verfassungsänderung eine Zweidrittelmehrheit. (Adelheid Wölfl aus Prishtina, 16.6.2015)

  • UÇK-Grab im Kosovo.
    foto: wölfl

    UÇK-Grab im Kosovo.

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