Timothy Snyder: "Russland glaubt nicht an den Journalismus"

16. Juni 2015, 14:35
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Weil Wahrheit in Russland keinen Wert mehr habe, funktioniere Propaganda nun umso besser, sagt Historiker Timothy Snyder

Der Krieg in der Ukraine wird längst nicht mehr nur an der militärischen Front geführt, sondern immer häufiger auch an der Medien-Front. Was ist glaubwürdig, was ist wahr, was erfunden oder übertrieben? Diese Fragen werden für Leserinnen und Leser immer schwieriger zu beantworten. Insbesondere die russische Propagandamaschine mache sich das zunutze, kam das Plenum bei der OSZE-Konferenz zum Thema "Sicherheit von Journalisten, Medienfreiheit und Pluralismus in Konfliktzeiten" überein.

Falschmeldungen aus Russland

In Russland sei Propaganda mittlerweile ein wichtiger Bestandteil des Systems geworden, nur noch vereinzelt gebe es Medien wie etwa den Radiosender "Echo Moskwy", die sich dem Zugriff des Kreml entziehen könnten. "Diese Medien haben aber dann keine Reichweite. Und sie dienen der Politik auch als Legitimation. Der Kreml kann dann sagen: Seht her, wir haben unabhängige Medien", erklärte Yevhen Fedchenko, Direktor des ukrainischen Journalismusinstituts an der nationalen Universität in Kiew dem STANDARD. Um Falschmeldungen, mit denen die russische Führung Stimmung macht, aufzudecken, gründete Fedchenko mit seinen Studenten die Plattform stopfake.org. Mittlerweile sind auf der Website 500 Artikel zu finden, die auf gezielte Falschinformationen Bezug nehmen. Der Großteil davon stamme aus Russland. Umgekehrt machen Russen auch insgesamt 49 Prozent der Leserschaft von stopfake.org aus, das auf Russisch und Englisch erscheint (siehe Interview).

Freund des Nachbarn als Quelle

Die Geschwindigkeit, mit der Falschinformationen derzeit den Diskurs beeinflussen, erklärt Fedchenko anhand eines Beispiels: "Ein Korrespondent von Russia 24 zitiert am Vormittag in einer Live-Schaltung den Nachbarn eines Freundes, der behauptet, dass die ukrainische Armee ethnische Säuberungen in einem nahegelegenen Dorf durchführt. Am Abend wird das dann im UN-Sicherheitsrat diskutiert." Mittlerweile sei es noch schwieriger geworden, zwischen Fakten und Fiktion zu unterscheiden. "Es wird sehr viel erfunden. Leute, Institutionen, EU-Dokumente, EU-Experten", sagt Fedchenko. "Früher haben wir gesagt: 'Es gibt schlechten Journalismus.' Aber das jetzt ist eine akkordierte Einflussnahme der russischen Führung auf die Medien, um die Sichtweise der Menschen zu ändern."

Darin würde sich auch die Ukraine von Russland unterscheiden. "Es gibt natürlich einseitig motivierte Journalisten, die falsche Informationen verbreiten. Aber die haben dann keine Regierung hinter sich und tausende Kollegen, die dasselbe machen", sagt der US-Historiker Timothy Snyder. "In Russland dagegen ist das System." Es gebe dort praktisch keine eigenständigen Journalisten mehr, sagt Snyder, fügt aber hinzu: "Wenn wir selbst in dieses System geworfen würden, würden wir uns genauso verhalten."

Einst fortschrittliche Journalisten

Das Paradoxon sei, dass die Leute, die nun maßgeblich verantwortlich für die Verbreitung der Propaganda seien, die fortschrittlichsten Journalisten nach 1991 waren, so Fedchenko: "Als ich ein junger Journalist war, haben wir voller Bewunderung nach Moskau geblickt und wollten in der Ukraine dasselbe probieren."

Ein Resultat aus dieser Zeit sei, dass russische Journalisten sehr wohl die westliche Medienlogik verstünden, umgekehrt gelte das jedoch nicht. "Sie verstehen uns, weil es eine Periode gab, in der sie sein wollten wie wir", erläutert Snyder. Sichtbar sei dies auch an TV-Formaten. "Russia Today ist Fox News sehr ähnlich. Es ist Fox News – aber in einem Land ohne Wettbewerb", konstatiert er.

Propaganda ohne Ideologie

Die derzeitige russische Propaganda verfolge jedoch keine ideologischen Ziele mehr. Darin bestünde der große Unterschied zur Sowjet-Zeit, meint Fedchenko. Und das mache sie auch umso wirkungsvoller, weil sie in sämtlichen Schichten des Publikums Anklang fände.

Auch wenn die Propaganda voller Widersprüche sei, wenn zum Beispiel einerseits behauptet werde, die Ukraine sei kein Staat und dann wiederum ein Unterdrückerstaat, tue das ihrer Wirkung keinen Abbruch. "Russland glaubt nicht an den Journalismus. Ziel ist es, das Publikum zu überzeugen, dass Geschichte und Journalismus Humbug sind. Und damit also in letzter Konsequenz auch davon, dass es keine Wahrheit geben kann", analysiert Snyder.

Gefestigte Ansichten

Letzten Umfragen des russischen Levada-Zentrums zufolge glauben 80 Prozent der Russen, dass die Annexion der Krim richtig war und der Krieg in der Ostukraine vom Westen geführt wird. Werte, die seit mehr als einem Jahr konstant hoch bleiben. (Teresa Eder, 16.6.2015)

  • Anlässlich einer OSZE-Konferenz diskutierten der Journalismusprofessor Yevhen Fedchenko (links im Bild) und Historiker Timothy Snyder (rechts im Bild) über den Informationskrieg rund um die Ukraine.
    foto: colin peters/usosce

    Anlässlich einer OSZE-Konferenz diskutierten der Journalismusprofessor Yevhen Fedchenko (links im Bild) und Historiker Timothy Snyder (rechts im Bild) über den Informationskrieg rund um die Ukraine.

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