Der Koffer, der niemals verloren gehen soll

21. Juni 2015, 11:06
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Das Thema "smartes Gepäck" bekommt in den letzten Monaten gesteigerte Aufmerksamkeit. Start-ups und Player wie Samsung und Samsonite wollen den ersten vernetzten Koffer auf den Markt bringen

Ein Koffer, der nicht verlorengehen kann, sein Ziel von allein findet, sich eigenständig eincheckt und womöglich auch noch selbst packt: Das ist der Traum vieler Flugreisender. Das smarte Gepäckstück wäre sozusagen die reale Entsprechung der Reisetruhe aus intelligentem Birnbaumholz, die Zweiblum, dem ersten Touristen im Fantasy-Universum der "Scheibenwelt" von Terry Pratchet, durch dick und dünn begleitet. Die Reisetruhe lässt sich von keinerlei Unbill davon abhalten, ihren Besitzer zu folgen und zu finden und ihren Inhalt zu verteidigen - unkaputtbar ist sie sowieso. Magisch eben.

Eier legende Wollmilchsau von Koffer gesucht

Doch mehren sich auch in der wirklichen Welt die Berichte über Bemühungen, eine Eier legende Wollmilchsau von Koffer in die Realität umzusetzen. So hat der französische Gepäck-Hersteller Delsey bei den amerikanischen CES Innovation Awards einen "intelligenten" Koffer vorgestellt. Die Innovation "Pluggage" soll unter anderem über eine Ladestation für Mobiltelefone, einen Lautsprecher zum Abspielen von Musik sowie weitere Features wie einen Fingerabdruck-Check, Flug- und Wetterinformationen verfügen.

delsey officiel
Delsey

Besonders interessant für Flugreisende dürften die Waage-Funktion und die An-Bord-Ermittlung sein. Dafür synchronisiert sich der Koffer mit einer dazugehörigen Smartphone App. Sie zeigt das exakte Gewicht des Koffers an, so dass Reisende immer genau wissen, wie viel sie noch einpacken können, ohne für Übergepäck bezahlen zu müssen. Zudem erhalte der Besitzer eine Meldung, ob es sein Gepäckstück an Bord des Flugzeugs geschafft hat.

Kunden dürfen Eigenschaften mitbestimmen

Mit welchen der genannten Eigenschaften "Pluggage" letztlich auf den Markt kommt, steht noch nicht fest. Der Hersteller will seine Kunden entscheiden lassen und hat dafür eigens eine Website eingerichtet. Unter www.delseypluggage.com können User über ihre Lieblingsfeatures abstimmen, die sie unbedingt in Serienproduktion gehen sehen wollen. Vorab vermittelt das Video einen guten Eindruck darüber, wie ein Reisetag mit dem intelligenten Koffer zukünftig aussehen kann.

Auch die Deutsche Telekom hat auf der letztjährigen Computermesse Cebit den allein reisenden Koffer "Bag2Go" vorgestellt. Er ist mit einer SIM-Karte, einem Funkmodul und einem Display ausgestattet und kann damit unabhängig vom Besitzer von Tür zu Tür befördert werden. Per App werden die relevanten Daten, etwa Flugnummern, in den Koffer eingegeben. Die Daten werden an die Fluggesellschaft geschickt, die einen Barcode auf das Display des Gerätes sendet, sodass der Koffer immer und überall identifiziert werden kann. Bei der Entwicklung hat die Deutsche Telekom mit Rimowa und Airbus zusammengearbeitet. Seither hat man von "Bag2Go" allerdings nicht mehr viel gehört.

Milliardenverlust durch verlorengegangenes Gepäck

Dabei würde so eine Innovation das Leben aller am Flugverkehr beteiligten Player erleichtern: Laut der auf Luftfahrtdaten spezialisierten Organisation Sita entsteht den Airlines jährlich ein Verlust von 2,5 Milliarden Dollar durch verlorengegangenes oder zu spät zugestelltes Gepäck, wobei je 1.000 Passagiere im Durchschnitt mehr als elf Gepäckstücke nicht mehr oder erst nach Tagen wieder auftauchen. Flugreisende wiederum sind froh über jede Erleichterung im Gepäckhandling.

bluesmart
Bluesmart

Das zeigt das gesteigerte Interesse an diversen einschlägigen Start-ups. Mehr als 2,1 Millionen Dollar hat zum Beispiel "Bluesmart" über die Crowdfunding-Plattform Indiegogo eingesammelt - angestrebt hatte man 50.000. Bluesmart ist ein ans Smartphone angebundener Nachziehkoffer, der sich automatisch verschließt, wenn er sich vom Besitzer entfernt. Eine eingebaute Waage und ein Akku, mit dem man Laptop, Handy und Co direkt aufladen kann, sollen für Reisekomfort sorgen. Die Entwickler wollen Apps für iOS und Android zur Verfügung stellen, auch Smartwatch-Apps sollen folgen. Wo sich der Koffer befindet, wird mithilfe von GPS ermittelt. Ausgeliefert werden soll ab Oktober. Startpreis: ab 270 Dollar.

Koffer mit Schiebetür

Auf ein praktisches Feature setzt ein weiteres Start-up: Trunkster. Die Macher von Trunkster setzen auf eine Art schiebbare Tür statt Reißverschluss. So kommt man leichter an den Kofferinhalt ohne das komplette Ding aufklappen zu müssen. Auch eine Waage und ein Akku sind mit an Bord. Wer möchte kann sich auch ein GPS-Modul einbauen lassen.

jiazhai bo
Trunkster

Ein entscheidendes Kriterium fehlt aber noch, um Bluesmart, Trunkster und Co. wirklich magisch-intelligent zu machen: Er folgt seinem Besitzer nicht.

Einen Schritt weiter gehen daher Samsung und Samsonite: Deren smarter Koffer soll nicht nur mit seinem Besitzer kommunizieren, etwa wenn er verladen wird, sondern diesem auch hinterherfahren. Der entsprechend kleine und leistungsstarke E-Motor wurde aber noch nicht erfunden. Aber das wird sich lösen lassen, auch ohne Magie. (Markus Böhm, Rondo Digital, 18.6.2015)

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