Kontaktlos Bezahlen: In Europa Trend, hierzulande zählt Bares

19. Juni 2015, 07:00
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Kontaktlose Bezahlsysteme breiten sich langsam aus in Europa, eine heimische Lösung steht ebenfalls in den Startlöchern

Ein Lächeln für die grantige Kassierin im Supermarkt, ein feuchter Händedruck für den hantigen Herrn an der Kinokasse – die Rechnung ist damit beglichen. Bezahlt wurden das Sechsertragerl und das Ticket bereits im Vorbeigehen mit dem Handy.

Mit genau dieser Idee drückt der kalifornische Konzern Apple ordentlich auf die Tube – oder besser: "The Tube". Das ist bekanntermaßen die Londoner U-Bahn, die älteste der Welt und die längste Europas. Also der ideale Verbündete, um denen in der Alten Welt zu zeigen, wie gut Bezahlen en passant in den USA schon funktioniert: Vom Burger beim Drive-in bis zum Brechmittel in der Apotheke kann man dort seit Oktober 2014 vieles kaufen, indem man einfach das iPhone vor ein Terminal mit Near Field Communication (NFC) hält und über Apple Pay abrechnet. Ab Juli 2015 werden die Londoner Verkehrsbetriebe den Dienst für kontaktloses Bezahlen als Erste in Europa anbieten.

In Londoner Bussen wurde Bares abgeschafft

Keine große Sache, möchte man meinen, wurde das Bargeld in den Londoner Bussen doch schon letztes Jahr abgeschafft. Seither ist es dort ausschließlich möglich, Fahrscheine kontaktlos mit Karte zu lösen. Auch in Österreich können Menschen mit Berührungsängsten vorm Barzahlen ihr Geld auf ähnliche Weise loswerden: Bankomatkarten mit NFC-Chip bleiben seit 2013 im Geldbörsel. Bei Beträgen unter 25 Euro zahlt man also wirklich im Vorbeigehen an der Kassa, bei Beträgen darüber wird zumindest eine Code-Eingabe am Kartenterminal verlangt. Diese Art der Transaktion wurde im ersten Quartal 2015 immerhin schon 6,3 Millionen Mal getätigt. Doch das ungleich praktischere Blechen mit dem Handy, das man sowieso immer bei der Hand hat, schien hierzulande bis vor kurzem Zukunftsmusik zu sein, solange sich Apple Pay nicht nach Österreich bequemt. Ist es auch – aber nur bis zum 22. Juni.

Kontaktlos in Österreich

An diesem Tag wird Payment Services Austria (PSA) im Rahmen eines Feldversuchs in Linz zeigen, wie die österreichische Antwort auf das Apple-Geld ausschaut. Gleich vorweg: sehr ähnlich. Um über diesen Dienst mit einem NFC-fähigen Smartphone bezahlen zu können, wird die Bankomatkarte virtuell auf einem gesicherten Bereich der SIM-Karte gespeichert. Im Falle von Apple wird über Kreditkarten abgerechnet, die in Europa geringere Akzeptanz besitzen. Der Bezahlvorgang am NFC-Terminal bleibt aber derselbe: kurz das Handy zücken, unauffällig weitergehen bei Beträgen unter 25 Euro.

Aber warum der Aufwand einer Parallelentwicklung, wenn sich viele Experten darüber einig sind, dass derlei Dienste immer erst dann breite Akzeptanz erfuhren, nachdem Apple sie auf deppensichere Weise umgesetzt hat? Rainer Schamberger, CEO von PSA, meint dazu: "Weil Apple Pay im Lichte der europäischen Regulierung für Europa nicht adäquat ist."

Soll heißen: Dass der kalifornische Hersteller seine NFC-Chips nicht für alternative Bezahldienste öffnet, wird in Europa ungern gesehen. Und der Datenschutz ist natürlich auch heikler als in den USA. Bei der PSA-Lösung sollen jedenfalls weder die Mobilfunker durch eine Zahlung an persönliche Daten der Kunden kommen, noch die Banken an Informationen über das Telefonieverhalten ihrer Kunden, die per Handy bezahlen.

Für Androiden

Zunächst werden allerdings nur Besitzer eines Android-Smartphones, die überdies bald Android Pay nutzen können, in den Genuss von kontaktlosem Bezahlen über PSA kommen – eben weil Apple seine Schnittstellen nicht freigibt.

Und wann geht's österreichweit los? "Geplant ist, dass die Banken ab dem vierten Quartal 2015 mit der Implementierung in ganz Österreich beginnen. Wobei der eigentliche Fokus auf 2016 liegt", sagt Schamberger. Eine reine Ösi-Lösung für das Handy-Hinhalten beim Billa-Besuch ist diese Umsetzung nicht, sie soll – zumindest theoretisch – genau wie Apple Pay weltweit funktionieren.

Geringes Wissen

Bliebe noch zu klären, warum ausgerechnet die Österreicher schon bald mit dem Handy einkaufen gehen sollten. "Nur Bares ist Wahres" scheint genau ihr Wahlspruch zu sein. "Beträge von unter zehn Euro werden zu mehr als 90 Prozent in bar beglichen, erst ab 50 Euro aufwärts bekommt die Bankomatkarte ein Übergewicht", ist sich Schamberger bewusst. Zudem wissen laut Oesterreichischer Nationalbank gerade einmal 17 Prozent der Bürger von der schönen neuen Welt des kontaktlosen Bezahlens. Beide Werte sprechen im europäischen Vergleich für eine sensationell niedrige Akzeptanz von virtuellem Geld in Österreich.

Dass Bargeld letztendlich sicherer sei als der Geschäftsabschluss über Funkwellen, ist unter Umständen ein Trugschluss. Seit Einführung der NFC-Transaktionen in Österreich wurde bisher kein einziger Betrugsfall gemeldet. Und doch wäre es Selbstbetrug zu glauben, Scheine und Münzen seien hierzulande so leicht abzuschaffen wie etwa in Dänemark. Dort müssen Restaurants, Tankstellen und Geschäfte seit kurzem kein Bargeld mehr als Zahlungsmittel akzeptieren. Die dänische Notenbank hat bereits angekündigt, den Druck von Banknoten ab 2016 überhaupt einzustellen – schlicht, weil sie keine entsprechende Nachfrage mehr erwartet. (Sascha Aumüller, Rondo Digital, 19.6.2015)

  • Gähnende Leere in der Registrierkassa: In Ländern wie Dänemark ist das Bezahlen ohne Bargeld bald Normalfall.
    foto: istockphoto

    Gähnende Leere in der Registrierkassa: In Ländern wie Dänemark ist das Bezahlen ohne Bargeld bald Normalfall.

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