Snowden-Dokumente: Zweifel an "Sunday-Times"-Bericht

15. Juni 2015, 11:47
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Snowden-Vertrauter Greenwald kritisiert den Bericht, wonach Russland und China Zugriff auf Snowden-Dokumente hätten

London/Washington/Moskau – Der Snowden-Vertraute und Enthüllungsjournalist Glenn Greenwald weist die Darstellung der "Sunday Times" zurück, wonach Russland und China Zugriff auf streng geheime Daten der Geheimdienste Großbritanniens und der USA gehabt hätten.

Der Bericht in der "Sunday Times" sei gespickt mit vielen nachweislich falschen Fakten und ein Beispiel für schlimmsten Journalismus. Wer Behauptungen glaube, die anonym im eigenen Interesse von Regierungen vorgetragen würden, sei dumm, schrieb Greenwald im Kurzmitteilungsdienst Twitter.

Greenwald kritisiert den Bericht der "Sunday Times" massiv. Die Journalisten haben ungeprüft angebliche Fakten von ungenannten Quellen übernommen, schreibt Greenwald auf von ihm gemeinsam mit Laura Poitras und Jeremy Scahill betriebenen Website "The Intercept". Es gibt in dem Bericht keinerlei Beweise für die in dem Bericht vorgebrachten Anschuldigungen, schreibt Greenwald.

Hetzkampagne gegen Whistleblower

Greenwald vergleicht den Bericht der "Sunday Times" mit der Hetzkampagne gegen den Whistleblower Daniel Ellsberg in den 1970er Jahren. Nachdem die Pentagon-Papiere, die Ellsberg der "New York Times" zugespielt hatte, die gezielte Missinformation der US-Öffentlichkeit in Bezug auf den Vietnamkrieg öffentlich gemacht hatte, bezichtigen US-Politiker Ellsberg, seine Informationen auch an die Sowjetunion weitergegeben zu haben.

Entschlüsselung streng geheimer Daten

Russland und China sollen dem "Sunday Times"-Bericht zufolge streng geheime Daten der Geheimdienste Großbritanniens und der USA entschlüsselt haben. Die Daten sollen aus dem Fundus des Ex-US-Geheimdienstmitarbeiters Edward Snowden stammen.

Angeblich Agenten abgezogen

Der britische Auslandsgeheimdienst MI6 sei dadurch gezwungen gewesen, Agenten aus Einsätzen in "feindlich gesinnten Ländern" abzuziehen, berichtete das Blatt am Sonntag unter Berufung auf Quellen aus dem Umfeld des Premierministers, im Innenministerium und in Sicherheitsbehörden.

Ein hochrangiger Regierungsvertreter sagte der britischen Rundfunkanstalt BBC, Agenten seien versetzt worden, weil Russland und China Snowden-Dateien hätten lesen können. Es gebe keine Hinweise darauf, dass einem von ihnen geschadet worden sei. Das Amt des Premierministers und das Außenministerium wollten sich am Sonntag auf Nachfrage der Nachrichtenagentur AFP nicht zu den Berichten äußern.

Fehlerhafter Bericht

Greenwald weist auf faktische Fehler in dem Bericht der "Sunday Times" hin. So sei Greenwalds Ehemann, David Miranda, vor seiner vorübergehenden Festnahme am Flughafen Heathrow 2013 nicht in Moskau gewesen, wie die "Sunday Times" schreibt, sondern lediglich in Berlin. Die "Sunday Times" hat diesen Teil mittlerweile aus ihrem Bericht gelöscht - ohne Hinweis, wie der Guardian berichtet. Der Bericht unterstelle Snowden auch, dass seine Aussage, er habe alle Daten vor seiner Flucht nach Moskau an Journalisten übergeben, eine Lüge gewesen sein soll. Eine Bestätigung für diesen Vorwurf nennt der Artikel nicht.

Enthüllungen seit 2013

Snowden soll sich zahlreiche Datensätze beschafft haben und diese an Journalisten seiner Wahl weitergereicht haben. Die Enthüllungen des heute 31-Jährigen machten seit dem Frühsommer 2013 das Ausmaß der Überwachung der Telefon- und Internetkommunikation durch US-Geheimdienste und ihre britischen Partner einer breiten Öffentlichkeit bekannt.

Snowden wird von den USA gesucht. Auf seiner Flucht strandete er in Russland und genießt dort Asyl. Der Zeitung "New York Times" hatte er im Oktober 2013 gesagt, er habe keine geheimen Dokumente mit nach Russland genommen. Er habe im Juni in Hongkong vor der Weiterreise nach Russland alle Unterlagen an Journalisten übergeben und keine Kopien behalten. "Die Wahrscheinlichkeit, dass Russen oder Chinesen irgendwelche Dokumente bekommen haben, liegt bei null Prozent", betonte Snowden in dem Interview. (APA, red, 15.6.2015)

  • Der Snowden-Vertraute Gleen Greenwald ist davon überzeugt, dass der Medienbericht ein Beispiel für schlimmsten Journalismus ist.
    foto: epa/ole spata

    Der Snowden-Vertraute Gleen Greenwald ist davon überzeugt, dass der Medienbericht ein Beispiel für schlimmsten Journalismus ist.

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