Sichtwechsel im Volkstheater

15. Juni 2015, 06:47
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Ein Ensembleabend mit Kurzstücken zum Abschied

Wien - Michael Schottenberg dreht am Ende seiner Intendanz noch einmal alles um. Beim einmaligen Ensembleabend mit dem Titel Volkstheater! tauschte das Publikum mit den Schauspielern die Plätze. Unter dem mit Seilen und Scheinwerfern verhängten Schnürboden kamen die Zuschauer auf Tribünen zu sitzen und blickten dort auf die in den Jahren des Abonnementdaseins womöglich zu wenig geschätzte, schnörkelige Pracht des Theatersaals mit seinen vieldiskutierten 970 Sitzplätzen. Das Volkstheater ist die zweitgrößte Sprechtheaterbühne der Stadt.

Bevor im Herbst Anna Badora die Intendanz übernimmt, sagten nun die Schauspieler Adieu. Sie taten es sparsam, wie man es vom Volkstheater gewöhnt war. Einige haben sich gleich selbst inszeniert. Zwischen den Sitzreihen, in den Logen, vor und hinter dem Vorhang und auch auf der Hinterbühne ließen sie - wie im Vorbeigehen - die Dramenminiaturen fallen. Neben Kleinoden wie Wolfgang Bauers Mikrodrama Richard Wagner, Konrad Bayers die begabten zuschauer oder Elfriede Jelineks Der Wald kamen vier Auftragswerke an österreichische Autoren zur Uraufführungen, darunter Julya Rabinowichs Seele von einem Menschen, Gerhild Steinbuchs Geschichten vom Kind, Thomas Artzts Vorsprechen für die Zukunft und Volker Schmidts neustiftgasse 1.

Dabei beförderte die Drehbühne das darauf sitzende Publikum in Richtung der jeweils wechselnden Schauplätze. Das glich ein wenig dem Zappen durchs Fernsehprogramm: kurzweilig, aber doch beiläufig. Einige Texte (weiters: Peter Handkes Zugauskunft, Elfriede Gerstls in der stehbar "quickie", Thomas Bernhards A Doda, Ernst Jandls die humanisten) gingen im Getriebe des Abends unter.

Wenig verwunderlich ist, dass in diesem Eindreiviertelstunden-Reigen ausgerechnet ein "Volksstück" am besten glückte. Philip Jenkins inszenierte Gustav Ernsts Franz und Maria auf der Hinterbühne. Es erzählt in 15 Bildern von den kurzen Höhen und langen Tiefen einer lebenslangen Ehe. In wenigen Sätze springen Suse Lichtenberger und Matthias Mamedof durch die Jahrzehnte. Jenkins aber hat sich noch etwas überlegt: Er lässt den Lebenskreis mit demselben Text auch zurückspielen zum Ausgangspunkt der einst hoffnungsfrohen Anmache. Ein irrer Moment. (Margarete Affenzeller, 15.6.2015)

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